Corona

Steigende Inzidenzen: Wie gefährlich wird jetzt das Reisen?

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Miguel Sanches
Spahn: Auch im Urlaub Corona-Vorsicht walten lassen

Spahn: Auch im Urlaub Corona-Vorsicht walten lassen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnt dazu, angesichts der Corona-Pandemie auch im Urlaub die bekannten Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. Glücklicherweise seien die Inzidenzen in den Hauptreiseländern der Deutschen derzeit niedrig, sagte Spahn in Berlin.

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Immer mehr beliebten Urlaubszielen droht eine Einstufung als „Hochrisikogebiet“. Warum Geimpfte bei der Rückreise klare Vorteile haben.

Berlin. Sars-CoV-2 sei „nicht auf dem Weg zum Erkältungsvirus“, twittert Karl Lauterbach. Das Gegenteil ist der Fall – wegen Delta. „Wir werden im Herbst deutlich mehr Fälle haben“, erläutert der SPD-Gesundheitspolitiker im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das wäre auch so gekommen, wird durch das Reisen aber etwas beschleunigt“, glaubt er.

Lauterbach versteht, „wenn die Leute Lust auf Urlaub haben“. Aber er hält Reisen in diesen Zeiten für ein Risiko, „definitiv gilt das für Ungeimpfte“. Der Herbst werde durch eine Zwei-Klassen-Situation geprägt sein. „Hier die Geimpften, die sind relativ sicher. Dort die Ungeimpften, die werden ein großes Risiko eingehen“, erklärt der SPD-Politiker.

Urlaub in Corona-Zeiten: Jens Spahn will Impfanreize setzen

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will sich die Lust aufs Reisen zunutze machen – als Impfanreiz. Zum Ende des Monats will er die Reiseauflagen vereinfachen, ein Korrekturmanöver mit doppelter Stoßrichtung.

Allgemein soll Reisen bei höheren Inzidenzen leichter werden, vor allem aber für Geimpfte. „Ein positiver Zweiteffekt kann sein: die Impfbereitschaft erhöhen“, heißt es in einem Begleitschreiben an die Bundesländer zum Verordnungsentwurf.

Jeden Donnerstag entscheidet ein Krisenstab der Bundesregierung neu über das Schicksal von Urlaubern, Fluglinien, Hotels. Staaten werden je nach Corona-Risiko eingestuft. Ein System mit hohem Abschreckungsfaktor.

Als Spanien vor einer Woche als „einfaches Risikogebiet“ eingeordnet wurde, stieß der Alarmruf Tourismusministerin Reyes Maroto in Madrid sauer auf. Man könne die epidemiologische Situation nicht nur anhand der kumulierten Inzidenz messen.

Ende letzter Woche kam Spanien auf 200 Neuinfektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner. Am Donnerstag lag die Inzidenz nun laut Johns-Hopkins-Universität bei fast 307. Der Krisenstab dürfte sich bestätigt fühlen.

Zahl der Neuinfektionen auf Malta fast verzwölffacht

In Norwegen, Schweden, auch in Teilen Osteuropas ist der Trend positiv, in vielen westeuropäischen Staaten nicht. In Malta stieg die Zahl der Neuansteckungen innerhalb von sieben Tagen von 77 auf 912, fast das Zwölffache.

Die Mittelmeerinsel hat laut Johns-Hopkins-Universität eine Inzidenz von über 206, noch höher als in Griechenland (160,8), wo sich die Fallzahlen in sieben Tagen verdoppelt haben. Beide Staaten werden auf der jeden Freitag aktualisierten Seite des Robert-Koch-Instituts (RKI) nicht als Risikogebiete geführt. Dazu muss es auch nicht mehr kommen, da Spahn das gesamte System sowieso neu aufsetzt.

Bisher wird eine Region als einfaches Risikogebiet ausgewiesen, wenn dort – neben anderen Kriterien – die Sieben-Tage-Inzidenz 50 übersteigt; bei mehr als 200 wird sie zum Hochinzidenzgebiet hochgestuft. Wenn sich eine besonders ansteckende Mutante ausbreitet, greift die strengste Kategorie: das Virusvariantengebiet.

Künftig entfällt die erste Kategorie. Für den Krisenstab bedeutet das: Frühestens ab einer 200er-Inzidenz wird ein Staat „kritisch.“

Kommen die Niederlande in die Gruppe „Hochrisikogebiete“?

Faktisch erhöht Spahn die Toleranzschwelle von 50 auf 200 – auch ein höherer Wert ist möglich. Die Begründung ist die europaweit hohe Impfquote. Das RKI geht in einer Studie von einer „Abnahme des Anteils schwerer Fälle“ aus und empfiehlt für den Herbst und Winter weitere Leitindikatoren neben der Inzidenz. Die Inzidenz bleibt wichtig, aber die Alarmwerte verschieben sich nach oben.

Die Zwei-Klassen-Gesellschaft, die Lauterbach für den Herbst prophezeit, wird im Reisebereich früher Realität. Geimpfte, die aus einem Hochrisikogebiet (bisher: „Hochinzidenzgebiet“) kommen, haben nichts zu befürchten – Ungeimpfte müssen in eine zehntägige Quarantäne gehen, die sie frühestens nach fünf Tagen mit einem negativen Test beenden können.

Virusvariantengebiete: Maximale Abschreckung für Urlauber

Die maximale Abschreckung droht Rückkehrern aus Virusvariantengebieten. Das sind Regionen mit Mutationen, bei denen man annimmt, „dass bestimmte in der Europäischen Union zugelassene Impfstoffe keinen oder nur einen eingeschränkten Schutz gegenüber dieser Variante aufweisen“.

Dann müssen selbst Geimpfte für volle 14 Tage in Quarantäne gehen. Darunter fällt derzeit kein EU-Staat. Eine Abschottung ist sinnlos, wenn wie bei Delta der Anteil der Variante auch in Deutschland dominant ist, bei über 70 Prozent.

Als Hochrisikogebiete listet das RKI in Europa Russland, Portugal, Großbritannien und Zypern. Der Inzidenz nach müssten auch die Niederlande (343) und Spanien (306,9) dazugehören. Es geht im Krisenstab der Ministerien für Inneres, Gesundheit und Auswärtiges nicht immer und ausschließlich nach objektiv messbaren Daten.