Ureinwohner

Hunderte Kinder-Leichen auf ehemaligem Schulgelände entdeckt

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Britt-Marie Lakämper
Entsetzen in Kanada nach Fund von Kinderleichen

Entsetzen in Kanada nach Fund von Kinderleichen

Auf dem Gelände eines ehemaligen Internats für Kinder von Ureinwohnern in Kanada sind die sterblichen Überreste von 215 Kindern gefunden worden. Kanadas Premierminister Justin Trudeau und viele Bürger zeigten sich entsetzt.

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Auf dem Gelände eines früheren Internats für indigene Kinder in Kanada wurde ein Massengrab entdeckt. Seine Größe ist erschreckend.

Regina. 
  • In Kanada wurden erneut Hunderte Leichen von Kindern und Jugendlichen gefunden
  • Sie wurden auf einem ehemaligen Schulgelände vergraben
  • Die Geschichte der sogenannten „Residential Schools“ ist eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Kanadas

Hunderte Leichen, verscharrt auf einem ehemaligen Schulgelände: Es ist ein grausamer Fund, den Forscher und Vertreter der Ureinwohner Kanadas in der Nähe der Stadt Regina gemacht haben. In den letzten drei Wochen haben sie das Massengrab im Umfeld eines früheren Internats für die indigene Bevölkerung ausgehoben. In den anonymen Gräbern: 751 Leichen vor allem von Kindern und Jugendlichen, schätzen Experten.

Dass in dem Massengrab auf dem ehemaligen Gelände der „Marieval Indian Residential School“ vor allem die Überreste jüngerer Menschen entdeckt wurden, ist kein Zufall: Mutmaßlich handelt es sich vor allem um Leichen ehemaliger Schülerinnen und Schüler.

Hunderte weitere Gräber auf kanadischem Internatsgelände entdeckt
Hunderte weitere Gräber auf kanadischem Internatsgelände entdeckt

Geschichte der „Residential Schools“ ist dunkles Kapitel

Die Geschichte der sogenannten „Residential Schools“ ist eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Kanadas: Über Jahrzehnte riss die Regierung Tausende Söhne und Töchter von Ureinwohnern aus ihren Familien und steckte sie in Internate.

Vom 17. Jahrhundert bis in die späten 90er-Jahre wurden die Einrichtungen von der Regierung verwaltet und finanziert. Betreiber waren größtenteils Kirchen und religiöse Organisationen. In den Internaten sollten die Kinder ihre Kultur vergessen - Feste, Lieder, Sprache, Religion - und die Traditionen der europäischen Einwanderer erlernen. Gewalt und sexueller Missbrauch waren an der Tagesordnung. In Kanada spricht man auch von einem „kulturellen Genozid“.

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Wahrscheinlich starben über 3200 Kinder in den Internaten für Indigene

Die für die Aufarbeitung dieser Fälle zuständige Wahrheits- und Versöhnungskommission Kanadas (TRC), gegründet 2008, ging bisher davon aus, dass mindestens 4100 indigene Kinder in den Internaten starben. Mit dem neuerlichen Fund könnte die Zahl weit höher, bei um die 10.000 Toten liegen.

Kinder starben nicht nur an Gewalt, sondern auch an Ausbrüchen von tödlichen Krankheiten in den schlecht ausgestatteten und unhygienischen Schuleinrichtungen. Die Leichen wurden nie an die Familien oder Stämme zurückgegeben und stattdessen, wie in auf dem Schulgelände bei Regina, anonym bestattet.

Marieval Indian Residential School wurde 1997 geschlossen

Die Überreste wurden auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs entdeckt, der seit 1885 für Bestattungen genutzt, später aber von der Schuleinrichtung für Indigene übernommen wurde. Die Marieval Indian Residential School wurde 1899 von der Römisch-katholischen Kirche gegründet.

Von der Schule ist heute nicht mehr viel zu sehen: Nachdem die Führung 1969 erst der kanadischen Regierung und dann der ansässigen Cowessess First Nation übetragen wurde, wurde die Einrichtung 1997 geschlossen. Mitterweile stehen nur noch die Kirche, das Rektorat und die Friedhofsanlage.

Gedenkstätte soll auf dem Gelände errichtet werden

Das Gelände werde nun „wie ein Verbrechensschauplatz“ behandelt, sagte Cadmus Delorme, Vorsitzender des Volks der Cowessess, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz kanadischen Medien zufolge. Möglicherweise seien die Gräber einst mit Grabsteinen markiert gewesen, die später wieder entfernt wurden.

Man wolle sich nun um eine Gedenkstätte bemühen, die alle Namen der dort Begrabenen aufliste. Der Bund souveräner indigener Völker sprach von einem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Premierminister Justin Trudeau sagte, die Nachricht vom Fund weiterer Gräber habe ihn „furchtbar traurig“ gemacht. Es sei eine „schamvolle Erinnerung an den systemischen Rassismus, an Diskriminierung und Ungerechtigkeit“, die die Indigenen in Kanada in der Vergangenheit und auch heutzutage erleben müssten - und das müsse sich ändern.

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Erst Ende Mai war der Fund eines Massengrabs mit 215 Kindern bei einem Internat in Kamloops bekanntgeworden. Auch diese Schule wurde zwischen 1890 und 1978 von der katholischen Kirche und später von der kanadischen Regierung betrieben. Nach Bekanntwerden des Falls forderten Vertreter indigener Gruppen, alle früheren Einrichtungen dieser Art untersuchen zu lassen.

Wann und woran die Kinder starben, ist bisher auch in diesem Fall noch nicht bekannt. Einige von ihnen wurden nur drei Jahre alt. Die Einrichtung bei Kamloops war nach Angaben von Indigenen die größte ihrer Art in Kanada.

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(mit dpa)