Pandemie

England stuft indische Mutante als "besorgniserregend" ein

| Lesedauer: 7 Minuten
WHO stuft indische Doppelmutation als "besorgniserregend" ein

Doppelmutante in Indien: Was über B.1.617 bekannt ist

In Indien explodieren die Corona-Fallzahlen. Auslöser ist die indische Corona-Doppelmutation B.1.617. Diese stuft die WHO nun als "besorgniserregend" ein.

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Die Corona-Mutation breitet sich aus – nicht nur in Indien. Es handelt sich um eine Doppelmutation. Wissenschaftler sind alarmiert.

Berlin. 
  • In Indien steigen die Corona-Infektionen drastisch an - fast täglich meldet das Land neue Höchststände
  • Verantwortlich dafür ist unter anderem eine neue Corona-Mutation
  • In Europa wurden bereits erste Fälle der Mutante B.1.617 nachgewiesen
  • England stuft die Variante als "besorgniserregend" ein
  • Corona-Experte Karl Lauterbach warnt

Eine neue Corona-Variante aus Indien sorgt für Aufsehen. Die Mutante trägt die Bezeichnung B.1.617 und breitet sich in dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Welt rasant aus. Neben der zuerst in Großbritannien entdeckten Variante B.1.1.7, die in Deutschland maßgeblich für die dritte Infektionswelle ist, sowie der brasilianischen und der südafrikanischen Variante, schlagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun auch bei der inzwischen vierten Sars-CoV-2-Mutante Alarm.

Virologen zufolge handelt es sich um eine sogenannte Doppelmutation, da sie zwei Varianten in sich trägt: E484Q und L452R. Diese beiden wurden einzeln schon in der britischen sowie in der südafrikanischen und in der sich in Kalifornien ausbreitenden Corona-Variante B.1.429 gefunden. In Indien konnten sie jetzt erstmals zusammen in einer Virus-Variante festgestellt werden.

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Variante B.1.617 führt in Indien zu Explosion der Fallzahlen

Seit Monaten beobachten Wissenschaftler voller Sorge die verschiedenen Corona-Varianten. Manche sind ansteckender, andere schmälern den Effekt von Impfstoffen. Die in Indien entdeckte Mutante hat eventuell beide Eigenschaften. Somit könnte die Mutation auch ein Grund für die extrem stark steigenden Neuinfektionen in Indien sein.

In dem Land sind die Fallzahlen geradezu explodiert. Am Freitag erreichte das Land mit 332.730 registrierten Neuinfektionen binnen 24 Stunden einen neuen weltweiten Rekordwert. Die Gesamtzahl der Infektionen in Indien stieg damit auf rund 16,2 Millionen. Die Zahl der Todesfälle liegt bei 186.920, allein am Donnerstag kamen 2263 Tote hinzu. Das Auswärtige Amt in Berlin hatte am Dienstag nicht-geimpfte Deutsche in Indien aufgefordert, sie sollten "eine temporäre Rückkehr nach Deutschland bis zur Stabilisierung der medizinischen Versorgungslage erwägen."

Für den zuletzt massiven Anstieg der Infektionszahlen werden neben der neuen Doppelmutation auch religiöse, politische und sportliche Massenveranstaltungen verantwortlich gemacht. Verschärft wird die Situation durch dramatische Zustände in den Krankenhäusern. Überall im Land werden die Sauerstoffvorräte, Betten und antiviralen Medikamente zur Versorgung von Covid-19-Patienten knapp. Krankenhäuser bitten um Hilfe - genauso wie Angehörige schwerkranker Patienten. Das gesamte Gesundheitssystem des Landes steht vor dem Kollaps.

Zu allem Übel sind in der Nacht auf Freitag bei einem Brand in einer Intensivstation in der Stadt Virar mindestens 13 weitere Corona-Patienten gestorben. Die Opferzahl dürfte sich noch erhöhen, sagte ein Feuerwehrmitarbeiter gegenüber Reportern. Mehr zur Lage in Indien: Corona-Albtraum: So schlimm ist die Lage in Indien

Variante B.1.617 breitet sich bereits in Großbritannien aus

Für die indische Variante B.1.617 gebe es nicht viele Daten, sie sei in Europa bisher sehr selten, sagt Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel. "Aus den wenigen Beobachtungen kann man noch keinen verlässlichen Trend ableiten, aber das sollte genau beobachtet werden."

Videografik: So mutieren Viren
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In Großbritannien wurden bereits mindestens 520 Fälle mit B.1.617 entdeckt. Die Mutation wird dort nun als "besorgniserregend" eingestuft. Man habe diese Variante als "Variant of Concern" eingestuft, da sie sich als ansteckender erwiesen habe als andere, erklärte Susan Hopkins von der Gesundheitsbehörde Public Health England in London. Es gebe allerdings noch keine ausreichenden Daten dazu, ob die Variante auch schwerere Erkrankungen auslöse oder die Wirkung von Impfstoffen schwäche.

Auch auf dem europäischen Festland ist die Variante angekommen. In Belgien wurde sie unlängst bei einer Gruppe von 20 indischen Studenten nachgewiesen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt vor den möglichen Gefahren. Der Politiker bezeichnete B.1.617 bei Twitter als besorgniserregend. "Der Anstieg sieht nicht gut aus", so Lauterbach. Die Variante sei "wohl doch so ansteckend wie B117" und setze sich bei Teilgeimpften durch.

Indische Corona-Mutation: WHO prüft die Gefahr

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Robert Koch-Institut (RKI) und andere Experten sind in der Bewertung der Variante aus Indien derzeit noch zurückhaltend. B.1.617 stehe unter Beobachtung, für eine Einstufung als "besorgniserregend" fehle bislang "die entsprechende Evidenz", sagte eine RKI-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur. "In Deutschland sind insgesamt acht aus dem März stammende Sequenzen der Linie B.1.617 identifiziert worden."

Die Variante trage zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt seien, erläutert das RKI. Beide würden "mit einer reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen in Verbindung gebracht, deren Umfang nicht eindeutig ist". Das heißt: Möglicherweise könnten Geimpfte und Genesene vor einer Ansteckung mit dieser Variante weniger gut geschützt sein.

RKI-Vize: Belege für besonders starke Verbreitung fehlen

Allerdings sei der Immun-Escape noch "keinesfalls irgendwie belegt", erklärte Prof. Lars Schaade, der Vizedirektor des RKI, am Freitag in einer Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Schaade relativierte, dass die Mutante Hauptursache des starken Infektionsgeschehens in Indien sei. "So verkürzt kann man das nicht sagen", so Schaade. "Es gibt andere Faktoren: kein Lockdown und Großveranstaltungen." Derzeit würden die Belege fehlen, dass sich B.1.617 besonders stark verbreite, weshalb das RKI die Variante noch nicht als besorgniserregend einstufe.

Corona-Mutationen: Impfungen weniger wirksam?

Auch bei den in Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) entdeckten Varianten wird diese Eigenschaft befürchtet. Beide hat die WHO als besorgniserregend eingestuft - als sogenannte "Variant of Concern". Dies gilt auch für die sehr ansteckende, Ende 2020 in Großbritannien entdeckte Mutante B.1.1.7, die inzwischen in Deutschland mit einem Anteil von mehr als 90 Prozent als dominierende Variante gilt.

Als besorgniserregend gilt eine Variante, wenn bekannt ist, dass sie sich leichter ausbreitet, schwerere Krankheiten verursacht, dem Immunsystem entgeht, das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert, wie eine WHO-Sprecherin erklärte. Lesen Sie dazu: Wie wirksam sind Impfstoffe gegen Corona-Mutationen?

Das indische Gesundheitsministerium hatte Ende März erstmals über die sogenannte Doppelmutante berichtet. Einige Experten in Indien gehen davon aus, dass die Mutante zu den schnell steigenden Infektionszahlen im Land beiträgt. Eine höhere Übertragbarkeit sei aber offiziell noch nicht nachgewiesen. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, hatte die indische Variante Ende März noch nicht als Grund zur Beunruhigung gesehen.

(yah/amw/dpa)

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