Pandemie

WHO stuft indische Mutante als "besorgniserregend" ein

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Mehr als 250.000 Corona-Tote in Indien

Mehr als 250.000 Corona-Tote in Indien

Nach Angaben des indischen Gesundheitsministeriums wurde binnen 24 Stunden ein neuer Höchstwert von 4205 Todesfällen registriert. Die Gesamtzahl der Toten stieg auf über 250.000.

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Die Corona-Mutation breitet sich aus – nicht nur in Indien. Es handelt sich um eine Doppelmutation. Die Wissenschaft ist alarmiert.

Berlin. 
  • Die Corona-Lage in Indien bleibt dramatisch - täglich stecken sich Hunderttausende mit Sars-CoV-2 an
  • Dafür ist unter anderem die Corona-Mutation B.1.617 verantwortlich, die mittlerweile in mehr als 40 Ländern erfasst wurde
  • Die WHO hat die Variante als besorgniserregend eingestuft

Die Corona-Variante aus Indien sorgt nach wie vor für Aufsehen, denn sie breitet sich aus: Die Mutante mit der Bezeichnung B.1.617 wurde mittlerweile in mehr als 40 Ländern erfasst. Neben der zuerst in Großbritannien entdeckten Variante B.1.1.7, die in Deutschland maßgeblich für die dritte Infektionswelle ist, sowie der brasilianischen und der südafrikanischen Variante, schlagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun auch bei dieser Sars-CoV-2-Mutante Alarm. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Variante als besorgniserregend eingestuft.

Die Organisation teilt potenziell bedrohliche Varianten von Sars-CoV-2 in zwei Kategorien ein: Varianten unter Beobachtung ("variants of interest") sowie besorgniserregende Varianten ("variants of concern"). Letztere sind nachweislich infektiöser, schwerer einzudämmen oder führen zu schwereren Verläufen. Bei B.1.617 gebe es Hinweise auf höhere Übertragungsraten, hieß es seitens der WHO.

Virologinnen und Virologen zufolge handelt es sich bei B.1.617 um eine sogenannte Doppelmutation, da sie zwei Varianten in sich trägt: E484Q und L452R. Diese beiden wurden einzeln schon in der britischen sowie in der südafrikanischen und in der sich in Kalifornien ausbreitenden Corona-Variante B.1.429 gefunden. In Indien konnten sie jetzt erstmals zusammen in einer Virus-Variante festgestellt werden.

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Variante B.1.617 führt in Indien zu Explosion der Fallzahlen

Seit Monaten beobachten Wissenschaftler voller Sorge die verschiedenen Corona-Varianten. Manche sind ansteckender, andere schmälern den Effekt von Impfstoffen. Die in Indien entdeckte Mutante hat eventuell beide Eigenschaften. Somit könnte die Mutation auch ein Grund für die extrem stark steigenden Neuinfektionen in Indien sein.

In Indien stecken sich derzeit täglich Hunderttausende mit Corona an. Seit Beginn der Pandemie sind in dem südasiatischen Land mehr als 22,9 Infektionen erfasst worden (Stand12. Mai). Das Auswärtige Amt in Berlin hatte bereits im April nicht-geimpfte Deutsche in Indien aufgefordert, sie sollten "eine temporäre Rückkehr nach Deutschland bis zur Stabilisierung der medizinischen Versorgungslage erwägen."

Für den massiven Anstieg der Infektionszahlen werden neben der neuen Doppelmutation auch religiöse, politische und sportliche Massenveranstaltungen verantwortlich gemacht. Verschärft wird die Situation durch dramatische Zustände in den Krankenhäusern. Überall im Land sind die Sauerstoffvorräte, Betten und antiviralen Medikamente zur Versorgung von Covid-19-Patienten knapp. Krankenhäuser bitten um Hilfe - genauso wie Angehörige schwerkranker Patienten. Das gesamte Gesundheitssystem des Landes steht vor dem Kollaps. Mehr zur Lage in Indien: Corona-Albtraum: So schlimm ist die Lage in Indien

Indische Variante B.1.617 in mehr als 40 Ländern nachgewiesen

Die Coronavirus-Variante hat sich nach WHO-Angaben bereits in mehr als 44 Länder ausgebreitet. Die erstmals im Oktober aufgetretene Mutante sei in mehr als 4500 Proben einer Datenbank aus 44 Ländern in allen sechs WHO-Regionen" nachgewiesen worden, teilte die Organisation mit. Zudem lägen Berichte über Nachweise aus fünf weiteren Ländern vor.

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In Großbritannien wurden bis Anfang Mai mindestens 520 Fälle mit B.1.617 entdeckt. Die Mutation wird dort als "besorgniserregend" eingestuft. Man habe diese Mutante als "Variant of Concern" eingestuft, da sie sich als ansteckender erwiesen habe als andere, erklärte Susan Hopkins von der Gesundheitsbehörde Public Health England in London. Es gebe allerdings noch keine ausreichenden Daten dazu, ob die Variante auch schwerere Erkrankungen auslöse oder die Wirkung von Impfstoffen schwäche.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte vor den möglichen Gefahren. Der Politiker bezeichnete B.1.617 bei Twitter als besorgniserregend. "Der Anstieg sieht nicht gut aus", so Lauterbach. Die Variante sei "wohl doch so ansteckend wie B117" und setze sich bei Teilgeimpften durch.

Corona-Mutationen: Impfungen weniger wirksam?

Die Sorge wächst also, dass Impfungen gegen die Mutante B.1.617 nicht wirken könnten. Auch bei den in Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) entdeckten Varianten wird diese Eigenschaft befürchtet. Beide hat die WHO ebenfalls als besorgniserregend eingestuft - als sogenannte "Variant of Concern". Dies gilt auch für die sehr ansteckende, Ende 2020 in Großbritannien entdeckte Mutante B.1.1.7, die inzwischen in Deutschland mit einem Anteil von mehr als 90 Prozent als dominierende Variante gilt.

Das indische Gesundheitsministerium hatte Ende März erstmals über die sogenannte Doppelmutante berichtet. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, hatte die indische Variante zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Grund zur Beunruhigung gesehen.

(yah/amw/dpa)

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