Pandemie

Corona-Impfung im Flugzeug - Zoll sieht keinen Verstoß

| Lesedauer: 10 Minuten
Corona-Impftourismus: Gesundheit gegen bare Münze

Corona-Impftourismus: Gesundheit gegen bare Münze

In mehreren Ländern der Welt werden Menschen gegen Bezahlung Corona-Impfungen angeboten. Wie das praktisch funktioniert und was die Weltgesundheitsorganisation davon hält, erfahren Sie im Video.

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Der Corona-Impftourismus wird immer realistischer. Ein Millionär will sogar Impfflüge anbieten. Aus Sicht des Zolls wäre das legal.

Berlin. 
  • Verschiedene Unternehmen wollen Reisen in Länder anbieten, in denen sich ihre Kunde impfen lassen könnten
  • Billig wird der Impf-Urlaub aber nicht - er soll mehrere tausend Euro kosten
  • Ein Millionär aus Österreich plant sogar, Impfungen per Kurzreise anzubieten
  • Dank einer Gesetzeslücke wäre das legal

Der Impfstart in Deutschland wird heftig kritisiert. Vor allem die zu geringen Impfstoffbestellungen durch die EU-Kommission werden von vielen moniert. Auch wenn Kommissionschefin Ursula von der Leyen den Fehler eingeräumt und neue Lieferverträge abgeschlossen hat - noch fehlt der Impfstoff, um das Tempo anzuziehen. Ein Blick in Länder wie Israel oder Großbritannien zeigt, dass es schneller geht - und das weckt Begehrlichkeiten.

Reiseunternehmen fangen an, die Möglichkeiten für Impf-Urlaube auszuloten. Wer will, kann dafür sogar schon unverbindlich Angebote anfordern. Noch ist aber völlig unklar, ob diese “Impfreisen” juristisch und organisatorisch überhaupt möglich sind. Denn die Reihenfolge der Impfungen ist gesetzlich geregelt und lässt sich in Deutschland offiziell nicht mit Geld abkürzen.

Impfen im Ausland: Österreicher will bald Impfreisen anbieten

Daher schreibt auch das deutsche Unternehmen Fit Reisen auf seiner Website, dass Impfreisen erst angeboten werden könnten, “wenn sie behördlich gewünscht und genehmigt sind.” Bisher arbeite man noch am Konzept. Für den Impfurlaub sei eine Zeitspanne von drei bis vier Wochen empfohlen. Eine Schutzimpfung erfolge zu Beginn der Reise, “die zweite Dosis entsprechend dem Impfschema gegen Ende der Reise”, heißt es auf der Website.

Mehr zum Thema: Unternehmer impft selbst erfundenes Corona-Vakzin - Anzeige

Ein Anbieter, der nach eigenen Angaben in seinen Planungen bereits weiter fortgeschritten ist, ist der österreichische Verleger Christian W. Mucha. “Wenn die Impfung nicht zu uns kommt, kommen wir eben zur Impfung”, sagt der mehrfache Millionär. Über eine Website bietet er eine Voranmeldung für Impf-Urlaube als Diskont-, Vorzugs- oder Luxusangebot an.

Der Diskontpreis soll bei 3000 bis 4000 Euro und der Vorzugspreis bei 6000 bis 8000 Euro liegen. Für das Luxusangebot sollen 25.000 Euro und mehr fällig werden. Die staatliche Impfreihenfolge spiele keinerlei Rolle, heißt es. Zudem soll jeder zehnte Kunde auf die Reise in der günstigsten Kategorie angeblich gratis mitgenommen werden. Wen es trifft, entscheide das Los, so der Anbieter auf seiner Website. Mehr als zehntausend Menschen haben sich laut Mucha bereits für seine Impfreisen angemeldet.

Die Idee mit den Impfreisen sei ihm nicht aus reinem Geldinteresse gekommen, erzählt der 67-Jährige. “Wenn die Impfgegner sehen, dass bei mir 10.000 Menschen bereit sind, bis zu 40.000 Euro für eine Impfung zu bezahlen, dann merken Sie vielleicht, dass sie mit ihrer Einstellung in der falschen Richtung unterwegs sind.”

Corona-Impfung demnächst im Flugzeug?

Muchas Angebot verspricht eine Corona-Impfung durch ein professionelles Ärzteteam mit Originalimpfstoff. Ein Ärzteteam stehe auch bei eventuellen allergischen Reaktionen bereit. Die eigentliche Impfung müsste jeder Kunde genau wie bei dem Konzept von Fit Reisen mit dem Ärzteteam separat vereinbaren und direkt bezahlen - denn medizinische Angebote dürfen die Organisatoren selbst nicht machen. Auch die Vermittlung von Impfterminen ist in Deutschland gesetzlich geregelt und erfolgt laut Impfstoffverordnung nur über die Kassenärztlichen Vereinigungen.

Im Gegensatz zu Fit Reisen will Mucha den eigentlichen Urlaub und die Impfung aber trennen. Auf einem Kurzflug in ein Land außerhalb der EU könnte der Impfstoff an Bord oder am Zielort verabreicht werden. Dann folge der Rückflug und eine dreitägige Pause bevor es in den Urlaub gehe. Die zweite Impfung werde dann bei der Reiserückkehr wieder bei einem Kurzflug verabreicht, heißt es auf der Website des Angebots.

Eventuell könnten diese Kurzflüge auch ganz ohne Urlaub angeboten werden - zu deutlich günstigeren Konditionen. “Wenn wir dann in ein EU-fremdes Land fliegen, ist das Flugzeug extraterritorial und dann kann ich da impfen”, sagt Mucha.

Reisen während der Corona-Pandemie
Reisen während der Corona-Pandemie

Corona-Impfung im Flugzeug laut Zoll legal

Der 67-Jährige würde mit seiner Flugzeug-Idee zumindest nicht gegen Einfuhr-Gesetze von Impfstoffen verstoßen. Vakzine gegen Corona dürfen laut einem Beschluss der EU-Kommission vom Dezember eingeführt werden, wenn sie in der EU zugelassen sind. Für Corona-Impfstoffe ohne Zulassung gilt das nicht.

Mucha plant jedoch folgendes: Er will sich den Impfstoff per Flugzeug liefern lassen. Das landet in der EU nur für einen Zwischenstopp und nimmt die Passagiere für die Impfreise auf. Der Impfstoff würde das Flugzeug nie verlassen. "Eine Einfuhr liegt in diesem Fall nicht vor", heißt es dazu vom deutschen Zoll. Die wäre nur gegeben, wenn die Impfstoffe gegenüber dem Zoll angemeldet und in den zollrechtlich freien Verkehr überführt würden.

Das sei kein Schlupfloch, sondern die gesetzliche Situation, sagt Mucha. Welcher Impfstoff genau verabreicht werden soll, sei aber noch offen. “Wir werden versuchen, den Kunden die Wahl zu lasse, welchen Impfstoff sie erhalten möchten.”

Beschaffung des Corona-Impfstoffes gestaltet sich schwierig

Die Beschaffung von Impfstoff gehört zu den kniffligsten Problemen der Reiseanbieter. Denn Impfstoffe sind aufgrund der Vereinbarungen der Impfstoffhersteller wie Biontech/Pfizer oder Astrazeneca mit Regierungen und der WHO noch nicht für den privaten Markt verfügbar. Die Vakzine müssten Mucha und Co. also direkt von Staaten beziehen. Wenn diese ihre Bevölkerung durchgeimpft hätten, könnten sie den übrigen Impfstoff den Reiseanbietern zur Verfügung stellen, so die Überlegung. Der Blick von Fit Reisen richtet sich dabei laut ihrer Website nach Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate. (VAE) Beide Länder gelten als sehr weit fortgeschritten in ihren Impfkampagnen.

In den VAE sind laut übereinstimmenden Medienberichten bereits für jeden Ein- und Bewohner des Landes Impfungen verfügbar. Im Dezember starteten mit dem chinesischen Impfstoff Sinopharm Massenimpfungen. Zu den VAE gehört übrigens auch Dubai - schon lange ein beliebtes Urlaubsziel für gut betuchte Touristen. Wie die englische Zeitung “The Guardian” berichtet, bietet der exklusive englische Club “Knightsbridge Circle” seinen Mitgliedern bereits eine Impfreise in die VAE für an. Für mehrere tausend Pfund erhalten die Clubmitglieder Zugang zum Sinopharm-Impfstoff. Möglich mache das eine Kooperation mit der Regierung der VAE, wie der Club gegenüber “The Guardian” bekannt gab.

In Israel scheinen sich ebenfalls die Anfragen für derartige Kooperation zu häufen. So sah sich das Staatliche Israelische Verkehrsbüro am vergangenen Donnerstag gezwungen, dem Impftourismus eine klare Absage zu erteilen. Es gebe keine Möglichkeiten für Touristen in Israel, sich impfen zu lassen“, betonte die Direktorin des Israelischen Verkehrsbüros für Deutschland, Österreich und die Schweiz, Ella Zack Solomon.

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“Wir sind mit vier Staaten im Gespräch, die auch großes Interesse daran haben, ihren Tourismus zu fördern”, sagt Mucha. Er sei optmistisch, dass er in den nächsten zwei bis drei Wochen einen Durchbruch erzielen könne. Bisher habe er an der Idee noch keinen Cent verdient. Auch wenn er das durchaus vorhabe, sagt Mucha. “Das Geld verdiene ich aber mit der Reise. Das Impfen ist nur die Zugabe.” Sollte sein Konzept nicht an den Hürden scheitern, will er es wie Lizenzen an Reiseveranstalter verkaufen. Er selbst sei nur der Ideengeber.

Schadet Impftourismus der Solidarität?

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht Impfreisen kritisch. Gegenüber dem "WDR" sprach Lauterbach von einem "unethischen Geschäftsmodell". Wenn Länder Impfstoff übrig hätten, sollten sie diesen lieber an ärmere Länder übergeben, die Schwierigkeiten hätten, ihre Bevölkerung zu impfen.

Mucha glaubt nicht, dass sein Angebot der Impfsolidarität schadet. “Ich nehme niemandem etwas weg. Meine Reisenden müssen zu Hause nicht mehr geimpft werden. Auch in den Herkunftsländern nehme ich niemandem etwas weg, weil die Staaten uns das nur freiwillig geben, wenn sie Impfstoff übrig haben.” Zudem gebe es bei ihm keine schäbige Impfdrängelei.

In Deutschland hatte es in den vergangenen Wochen mehrere Berichte über Vordrängler bei Impfterminen gegeben. So hatten sich beispielsweise Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand und weitere Mitglieder des Stadtrates außerhalb der vorgeschriebenen Reihenfolge impfen lassen.

Mucha ist der Überzeugung, dass es bereits seit der Antike eine Mehrklassengesellschaft im Gesundheitssystem gibt. “Wir leben im Humus einer europäischen Überflussgesellschaft und sind ständig Diebe an den ärmeren Ländern.” Derjenige, der das nicht zugeben könne, lebe an der Realität vorbei, sagt der 67-Jährige. “Wer noch niemals unseren europäischen Humus der Überflussgesellschaft gewissenlos genutzt oder unüberlegt davon profitiert hat, der nehme den ersten Stein und werfe ihn auf mich”. (jas mit dpa/afp)

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