„Man hat Existenzängste“ – die Wirkung des Lockdowns

Für die vom zweiten Corona-Lockdown betroffenen Gewerbetreibenden ist die erneute Schließung ein harter Schlag. Wie es ihnen geht, was sie tun.

Die Gastronomie bleibt im November geschlossen, Speisen müssen abgeholt oder geliefert werden.

Die Gastronomie bleibt im November geschlossen, Speisen müssen abgeholt oder geliefert werden.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Osterode. Ab Montag ist Deutschland erneut im Lockdown, um die sprunghafte Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Es treten weitreichende Kontaktbeschränkungen in Kraft: Angesichts dramatisch steigender Infektionszahlen wollen Bund und Länder den gemeinsamen Aufenthalt in der Öffentlichkeit nur noch Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes mit maximal zehn Personen gestatten. Bars, Clubs, Diskotheken, Kneipen und ähnliche Einrichtungen sollen geschlossen werden, ebenso alle Institutionen und Einrichtungen für die Freizeitgestaltung wie Fitnessstudios. Auch touristische Übernachtungsangebote sind im November nicht erlaubt. Es ist ein weiterer harter Schlag für die betroffenen Gewerbetreibenden, etwa Gastronomen und Veranstalter, die schon das ganze Jahr zu kämpfen hatten. Wir haben uns bei einigen erkundigt, was der Lockdown für sie bedeutet und wie sie mit der neuen Lage umgehen.

Fitnessstudio in Herzberg

Dario Oschmann, der seit drei Jahren ein Fitnessstudio am Herzberger Marktplatz betreibt und das Angebot wegen der strengen Hygieneregeln ohnehin schon erheblich einschränken musste, äußerte sich am Donnerstag empört über die neuen Regeln, die seine Branche treffen: „Große Enttäuschung“ und „großes Unverständnis“ fasste er seine Meinung zu dem Verbot zusammen, das ihn zwingt, Montag für einen Monat zu schließen. Er verweist auf Untersuchungen, die ergeben hätten, dass in Fitnessstudios nur ein geringes Infektionsrisiko bestehe. In seinem Studio seien alle Corona-Regeln eingehalten worden. Die Besucherzahl ist beschränkt und zwischen den Geräten besteht ein Abstand von mindestens zwei Metern, beim Wechsel zwischen Geräten müssen Masken getragen werden. Nun hofft er, dass seine Kunden ihm weiterhin die Treue halten.

Hotel-Restaurant in Scharzfeld

„Man hat Existenzängste“, sagt Petra Döring-Menzel, die gemeinsam mit ihrem Mann das Hotel-Restaurant Harzer Hof in Scharzfeld betreibt, einschließlich einer kleinen Theaterbühne. Der Betrieb der Menzels ist von dem neuen Lockdown somit dreifach betroffen. „Wo geht die Reise hin?“, fragt die Scharzfelderin. Sie habe die Befürchtung, dass der Lockdown womöglich noch wesentlich länger dauert als nur einen Monat, sondern bis ins Frühjahr.

„Wir waren geschockt“, schildert sie die Gefühle, als sie am Mittwoch vom erneuten Lockdown erfahren haben. Doch sie zeigt auch Verständnis: „Die Zahlen sind rapide gestiegen. Ich weiß, dass die Politik handeln musste.“ Doch die neuen Regeln seien niederschlagend: „Jetzt sind wir wieder alle eingeschlossen, gerade in dieser Jahreszeit“, sagt sie zum Verbot von Theatervorstellungen und Restaurantbesuchen. Im Harzer Hof sollten im November mehrere Aufführungen stattfinden. Außerdem waren zwei Familienfeiern geplant, beide mit maximal 25 Gästen. Und gleich mit Bekanntwerden der Regeln am Mittwoch hätten die Stornierungen bei den Hotelbuchungen begonnen. „100 Prozent Verlust“, bringt Menzel die Folgen für den Betrieb auf den Punkt. Es seien nicht allein die finanziellen Sorgen, die sie extrem belastend findet, sondern auch der Verlust des Zwischenmenschlichen, der Begegnung. „Da blutet mein Herz.“

Update: Restaurant in Bad Lauterberg

Der bevorstehende Lockdown trifft auch das Restaurant „Zum Belgier“ in Bad Lauterberg hart. „Aber wir wollen alle gesund bleiben“, sagt Sieglinde Lieder. Das Unternehmen will sich jetzt auf den Außer-Haus-Verkauf konzentrieren. „Das muss erst einmal anlaufen, und wir müssen unser Angebot publik machen“. Die Menschen würden nicht immer nur Pizza oder Döner bestellen wollen, sondern auch gerne mal ein leckeres Schnitzel, ist sie sicher. Erste Kunden, die bereits außer Haus bestellen, hätten sich schon gefreut, dass „Zum Belgier“ mit dem Angebot weitermacht.

Die Schließungen während des ersten Corona-Lockdowns und die damit verbundenen Einnahmeausfälle hätten dank des guten Sommers ein wenig abgemildert werden können, berichtet Sieglinde Lieder. Immerhin mussten keine Mitarbeiter entlassen werden. Die jetzt von der Regierung angekündigte finanzielle Unterstützung würde dem Lauterberger Restaurant auf jeden Fall helfen – vor allem, wenn sie möglichst bald kommt.

Maskenpflicht auf dem Boulevard- „Maske soll uns alle schützen“

Waldgasthaus in Wieda

„Jeder Euro, den wir bekommen, hilft“, sagt Patrick Pchalek vom Waldgasthaus „Historischer Bahnhof Stöberhai“ in Wieda. Er merkt aber an, dass viele Gastronomen im November Urlaub machten, weil in dem Monat wenig Gäste im Harz sind: Wer vergangenes Jahr zwei Wochen geschlossen hatte, bekommt also finanzielle Hilfe, die sich auf nur zwei Wochen November-Umsatz bezieht. Es sollte aber möglich sein, damit die fixen Betriebskosten zu decken.

Schwarzmalen will er nicht: „Wir haben die drei Monate im Frühjahr überstanden, da werden wir die Wochen jetzt auch wuppen.“ Existenzangst habe er nicht, das Waldgasthaus habe gut gewirtschaftet. Er hofft, dass im Dezember wieder geöffnet und Geld verdient werden kann. „Der Lockdown kommt nicht ganz unerwartet“, so Pchalek. Er sei jedoch überrascht, dass die Gastronomie komplett zumachen muss – immerhin seien die bisherigen Hygienemaßnahmen in den Restaurants gut umgesetzt worden. Trotzdem: Er könne die Entscheidung nachvollziehen, weil Restaurants tatsächlich Orte der Begegnung sind. Und er ist froh, dass es dieses Mal eine klare Ansage gibt und kein Hin und Her wie im Frühjahr, als immer wieder neue Regeln festgelegt wurden.

Hotel in Bad Sachsa

Lutz Rockendorf vom Hotel Sonnenhof in Bad Sachsa bemängelt hingegen die Entscheidung der Regierung: „Es hätte differenziert werden müssen.“ Hotels seien keine Infektionsherde; anders, als etwa private Feiern. Die Hygieneauflagen seien stets erfüllt worden, sodass sich auch die Gäste sicher und wohl gefühlt hätten. Beispielsweise war nach dem ersten Lockdown nur eine 60-Prozent-Belegung möglich, und noch immer werden Mund-Nase-Masken betragen.

Gewünscht hätte er sich, es erst einmal mit halber Belegung zu probieren. Mit 50 Prozent könne zwar nichts zum Investieren angespart werden, aber die Ausgaben könnten gedeckt werden. „Die Branche kränkelt ohnehin schon. Viele Existenzen sind bedroht.“ Dabei sah es bis vor wenigen Tagen gar nicht so schlecht aus. Zwar hatte die erste Schließung das Sachsaer Hotel „kräftig zurückgeworfen“, auf ein Minus des Jahresumsatzes von 40 Prozent. Aber danach lief der Betrieb so erfreulich, dass es sich auf ein Minus von 15 Prozent verbessern konnte. Rockendorf: „Für das Jahr wären wir mit einem blauen Auge davongekommen.“ Doch nun kommt der zweite Lockdown, der sich auf die Zeit direkt nach der kompletten Schließung auswirken wird. Das habe er schon beim zurückliegenden Mal gemerkt, so Rockendorf: „14 Tage gab es Stillstand bei den Buchungen.“ Das habe psychologische Gründe, weil die Menschen verunsichert sind. Er befürchtet zudem, dass die neuen Auflagen einige der Menschen erzürnen, die bislang Verständnis für die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus haben.

Stadthalle Osterode

„Schon im Juli hatten wir beschlossen, bis Ende des Jahres die Stadthalle für öffentliche Kulturveranstaltungen zu schließen. Grund war die Sicherheit der Gäste, Künstler und Veranstalter. Agenturen und Veranstalter fanden die Entscheidung gut“, erklärt Michael Stein, Stadthallenleiter Osterode, auf Nachfrage unserer Zeitung. Veranstaltungen seien verschoben worden, dann die verschobenen Veranstaltungen nochmals verschoben worden. Das reiche schon bis in den Herbst 2021. „Künstler müssen proben. Aber auch das ging ja oftmals nicht. Wir können ja nicht heute sagen, morgen kommt Herr Stelter. Es gibt eben für Künstler und Veranstalter einen Vorlauf.“ Die letzte kulturelle Veranstaltung war am 8. März in der Stadthalle. Rats- und Kreistagssitzungen und ähnliches dagegen dürfen dort stattfinden. „Wir sind mit unserem Hygienekonzept gut aufgestellt. Aber: Einnahmen sind weggebrochen. Kleine Veranstaltungen können das nicht abfangen. Auch die Gastronomie muss nun wieder schließen.“ Und das obwohl ja bekannt sei, dass Restaurants keine Infektionsherde seien. „Fürs Frühjahr haben wir ein ,Corona-Programm’ mit Veranstaltungen mit nicht mehr als 200 Personen geplant“, so Michael Stein.

Iberger Albertturm

Klaus Reichardt, Inhaber vom Iberger Albertturm bei Bad Grund, hält die Entscheidung der Regierung zwar für richtig, um die Infektionszahlen zu senken, aber es sei „traurig, dass die Gastronomie darunter leiden muss.“ Der erste Lockdown habe ihn schwer getroffen, da er mit dem Albertturm erst im November angefangen hatte. „Ich hatte keine Reserven.“ Im Außer-Haus-Verkauf werde er jetzt Getränke, Kaffee und Kuchen anbieten. Und das täglich von 12 bis 16 Uhr. „Die Wintersaison ist eh relativ ruhig. Ich mache mir keine großen Sorgen.“

Lockdown- Sportbetrieb im Altkreis Osterode steht still

Update 2: Restaurant in Osterode

„Für Deutschland ist der zweite Lockdown richtig. In der ländlichen Region sind die Folgen für die Gastronomie nicht ganz so gravierend. Viele befinden sich in eigenen Händen oder die Pacht ist eher human. Aber in der Stadt...“, so Alfred Appel, Inhaber des Restaurants „Zur Alten Harzstrasse“ in Osterode, auf Nachfrage unserer Zeitung. „Ein ganz, ganz hartes Brot.“ Er glaube, dass dort 50 Prozent den zweiten Lockdown nicht überstehen werden. Ab Montag schließt „Zur Alten Harzstrasse“ aufgrund des aktuell angeordneten Lockdowns. Aber: „Wir werden den Betrieb nicht wieder hochfahren. Am 1. Dezember ist dann offiziell Schluss – nach 61 Jahren.“

Das Traditionshaus, das er zusammen mit seiner Frau Monika führt, schließt also endgültig seine Pforten. Etwas früher als vorgesehen, eigentlich sollte erst am 20. Dezember Schluss sein. „Der erste Lockdown begann ausgerechnet am 21. März“, erzählt Appel, „am 61. Geburtstag unseres Unternehmens.“ Seit fünf bis sechs Jahren sei er bereits auf der Suche nach einem Nachfolger gewesen, habe aber keinen gefunden. Ein Grund hierfür sei, dass die Bank eben potenziellen Nachfolgern kein Geld gebe.

„Ich hab noch viel investiert, wie etwa in neue Fenster und eine Lüftungsanlage, die bis zu 15 Kubikmeter Luft in einer Stunde rausziehen kann.“ Die finanzielle Hilfe von 75 Prozent, mit der der Bund den Umsatz während des zweiten Lockdowns ausgleichen wolle, wären eine große Hilfe, nicht zuletzt wegen der Investitionen. Nach dem ersten Lockdown sei der Betrieb schleppend angelaufen. „Dann haben sie aber unser Hygienekonzept honoriert, wir waren für die Corona-Zeit gut ausgebucht.“ Jetzt mit seinem Alter von 71 Jahren und nach 55 Jahren in der Gastronomie sei es Zeit, in den Ruhestand zu gehen.

Keinen einzigen Fall von Corona: Hotel in Lerbach

Auch das Hotel Sauerbrey in Lerbach schließt komplett – allerdings nur für die Zeit des aktuell angeordneten Lockdowns. „Es ist grausig, aber was sollen wir machen. Seitdem wir nach dem ersten Lockdown wieder geöffnet haben, hatten wir 4.000 Übernachtungen und keinen einzigen Fall von Corona – weder im Restaurant noch bei den Hotelgästen.“ Dass man Hotels so bestrafe... „Die meisten Fälle von Corona entstehen doch durch Auslandsurlauber oder im häuslichen Bereich, dort, wo Hunderte Menschen aufeinander wohnen und Hygienevorschriften nicht eingehalten werden“, ärgert sich Inhaber Fritz Sauerbrey. „Wir haben großen Aufwand für die Einhaltung der Hygienerichtlinien betrieben. Allein was unsere Mitarbeiterinnen leisten mussten, die bei großer Sommerhitze mit Mund-Nase-Schutz arbeiten mussten.“

Die Soforthilfe, die er erhalten habe, müsse zur Hälfte zurückgezahlt werden. Der Zuschuss reichte für einen Monat Energiekosten. „Wir lassen keinen im Stich, hieß es von der Regierung, aber was ist mit Messeleuten und Künstlern? Auch für viele Gastronomen sehe ich schwarz.“ Aber sein Hotel sei in der vierten/fünften Generation und es sei soviel überstanden worden. „Uns gibt es noch und Corona überstehen wir auch noch.“

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