Geburtstag

Dieter Nuhr: Deutschlands meistgehasster Kabarettist wird 60

Er ist einer von Deutschlands erfolgreichsten Kabarettisten – und vielleicht der umstrittenste. Jetzt wird Dieter Nuhr 60. Jahre. Ein Gespräch.

Dieter Nuhr provoziert

Der Komiker Dieter Nuhr erntet mit seinen Witzen häufig Kritik.

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Essen. Am 29. Oktober 2020 feiert er seinen 60. Geburtstag: Kabarettist Dieter Nuhr, seit mehr als 25 Jahren auf der Bühne und in allen Medien präsent, gilt als erfolgreichster Kabarettist des Landes. Lange lebte er von seinem Schwiegersohnimage, so dass man ihm manche Bosheit verzieh.

Doch die Shitstorms sind heftiger geworden für Dieter Nuhr, seit er vor gut einem Jahr Greta Thunberg bespöttelte. Zudem musste er erleben, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) einen Beitrag von ihm (zwischenzeitlich) von ihrer Homepage nahm. Das macht vorsichtig. Deutschlands angeblich erfolgreichster und meist gehasster Kabarettist stellte sich den Fragen per Mail. Lesen Sie hier: Dieter Nuhr teilt aus: Zwei Männer verlassen den Saal

Grob geschätzt: Um wie viele Jahre sind Sie seit Ihrem letzten Geburtstag gealtert?

Dieter Nuhr: Grob geschätzt eines. Ansonsten versuche ich Alterungsprozesse zu verzögern, weil ja am Ende möglicherweise der Tod steht. Den versuche ich zu vermeiden.

Hand aufs Herz – haben Sie angesichts der Shitstorms in jüngster Zeit schon mal gedacht: „Echt jetzt, ich bin zu alt für den Scheiß!“

Nuhr: Nein. Mentalitätstechnisch fühle ich mich alles andere als alt. Ich bin gefühlte 33. Mein reales Alter beruht auf einem Fehler im Raum-Zeit-Kontinuum, den ich durch mein Verhalten quasi korrigiere. Den Dauershitstorm ordne ich dementsprechend ähnlich ein wie das kosmische Hintergrundrauschen. Es ist da, aber wenn man nicht drauf achtet, ist es wurscht.

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Sie haben vor dreieinhalb Jahren Ihre Biografie geschrieben. Titelvorschlag für die Fortsetzung: „Wäre ich doch mal Lehrer in Wesel geworden!“ Einverstanden?

Nuhr: Nun. Wie komme ich aus dieser Frage höflich raus? Erstens vielleicht, indem ich darauf hinweise, dass das keine ernsthafte Biografie war und dass es insofern keine Fortsetzung geben wird. Zweitens trete ich in meinem Beruf vor Freiwilligen auf. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, den ich nicht aufgeben möchte. Und drittens habe ich ja in Wesel bereits schon einmal gelebt. Und wie sagt der Lateiner? Repetitas non placet. (übersetzt etwa: Wiederholungen mag er nicht, Anm. d. Red)

Sie sind in Wesel geboren, in Düsseldorf groß geworden, wohnen in Ratingen – wenn Sie aus dem Rheinland verbannt würden – wo nehmen Sie Ihren Wohnsitz?

Nuhr: Ich wohne nicht ausschließlich im Rheinland. Ich bin, wenn nicht gerade Corona ist, etwa zwei bis drei Monate im Jahr auf Reisen, lebe auch teilweise in Berlin und in Spanien. Ich kann mir vorstellen, überall zu leben, wenn man von Nordkorea oder dem Jemen absieht. Ich würde das Rheinland aber nie ganz aufgeben. Warum auch?

Mit wem würden Sie lieber eine Kabarettsendung machen: mit dem Papst oder mit der Präsidentin der DFG?

Nuhr: Mit dem Papst sicher nicht. Ich halte seine Vortragsart für intellektuell überschätzt, sehr pointenarm, ganz nebenbei schlecht gekleidet und vom Timing her langweilend. Da schalten uns die Leute weg. Die Präsidentin der DFG ist eine angenehme Frau, aber ich glaube nicht, dass eine humoristische Sendung der Ort wäre, an dem sie sich sonderlich wohl fühlen würde.

Wenn Sie wählen müssten: Nie mehr auf der Bühne stehen oder nie mehr reisen dürfen – was wäre Ihre Entscheidung?

Nuhr: Das sind so Fragen, die ich Gott sei Dank nicht beantworten muss, weil sie niemand stellt. Genauso könnte man auch fragen: Treten Sie lieber in Elefantenkot oder in Erbrochenes vom Leguan? Mir ist Reisen essenziell wichtige Lebensraumerkundung und Auftreten ein Vergnügen. Ich wäre sehr froh, wenn beides irgendwann wieder ganz normal möglich wäre.

Würde der Dieter Nuhr, der Anfang der 80er beschloss, Kabarettist zu werden, über Sie heute denken: „Nuhr peinlich“?

Nuhr: Nein. Wieso? Wie kommen Sie darauf? Natürlich verändern sich im Laufe des Lebens Standpunkte. Das muss auch so sein. Viele sind ja stolz darauf, im Leben nichts dazugelernt zu haben und verwechseln das damit, „sich selber treu geblieben zu sein“. Das Leben ist für mich eher eine Gelegenheit sich weiterzuentwickeln. Meine innere Haltung aber war, als ich anfing, bereits erstaunlich ähnlich zu der von heute.

Suchen Sie die Gäste für Ihre Sendungen selbst aus? Und warum ist der Frauenanteil so gering?

Nuhr: Ich suche die Gäste nicht selber aus. Ich schreibe meine Texte selbst, da habe ich genug zu tun, deshalb macht das in erster Linie die Redaktion. Aber natürlich bin ich an der Auswahl beteiligt. Für mich ist Geschlecht überhaupt kein Auswahlkriterium, genauso wenig wie Hautfarbe, Blutgruppe oder Nasenlänge. Mir ist das Geschlecht meiner Kollegen vollständig gleichgültig. Weil öfter mal so getan wird, als würde man als Mann automatisch andere Männer bevorzugen: Das ist bei mir definitiv nicht der Fall.

Gibt es jetzt schon Dinge, die Sie bereuen, unterlassen zu haben?

Nuhr: Jetzt, da die zweite Lebenshälfte ansteht, stelle ich fest, dass ich gut damit gefahren bin, in den ersten 60 Jahren nichts zu planen. Das behalte ich deshalb für die nächstens zwei Hälften bei.

Und zum Schluss: die berühmte FAZ-Fragebogenfrage: Wie möchten Sie sterben?

Nuhr: Gar nicht. Und wenn dann bewusstlos. Man muss nicht bei allem dabei sein.


Dieter Nuhr ist im niederrheinischen Wesel geboren, hat in Essen Kunst und Geschichte auf Lehramt studiert. Sein erstes Soloprogramm „Nuhr am Nörgeln“ kam 1994 auf die Bühne. Er gewann den Deutschen Kleinkunstpreis und fünf Mal den Comedypreis gewonnen und ist erfolgreicher Fotograf. In der ARD läuft seine Sendung „Nuhr im Ersten“.

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