Filmreihe

„Schulmädchen-Report“ wird 50: So verklemmt waren wir früher

Vor 50 Jahren kam der erste „Schulmädchen-Report“ ins Kino. Es ist eine Zeitreise in die Verklemmtheit der alten Bundesrepublik.

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Pornos sind beliebt – und dank Pornoseiten im Internet einfach erreichbar. Offiziell guckt ja keiner. Doch die Zahlen verraten, wie viele Menschen Sexfilmchen schauen – und was sie interessiert.

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Berlin. Der zweite Teil des „Schulmädchen-Reports“ fackelt nicht lange. Zunächst versucht er, sich einen pseudoaufklärerischen Rahmen zu geben. Der heutige Schauspiel-Grandseigneur Friedrich von Thun berichtet aus einem holzvertäfelten Büro von den vielen Zuschriften auf den ersten Teil. Aus den zahlreichen Geschichten hätte er die „interessantesten“ ausgesucht.

Dann blickt der Zuschauer auch schon ins Klassenzimmer eines Mädcheninternats. Die Kamera streift lüstern über Ausschnitte und Miniröcke der etwa 17-jährigen Schülerinnen. „Was haben Sie denn, Christa?“, fragt der Physiklehrer, der die elektrische Reibung erklären will, eine provozierend blickende junge Frau. „Gar nichts, mir kribbelt es nur jetzt schon“, sagt sie.

Dümmlich, aber harmlos? Mitnichten. Laut Bundesprüfstelle werden in erster Linie Teil 1 und Teil 3 der insgesamt 13 Filme „auch nach heutigen Maßstäben als unsittlich angesehen, da Inzest propagiert und Vergewaltigungen verharmlost werden“. Nachdem 2018 der Kinder- und Jugendpornografiebegriff erweitert wurde, gilt Teil 1 als jugendpornografisch und Teil 3 zusätzlich sogar als kinderpornografisch - also als Missbrauchsdarstellung. Sie sind damit strafrechtlich relevant.

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„Schulmädchen-Report“: Kino-Premiere bedeutete keine sexuelle Befreiung

Das sah man 1970 noch nicht so: Studentenrevolte und Hippies hatten an der verkrusteten Gesellschaft gerüttelt, Greenpeace wurde gegründet, der neue Bundeskanzler Willy Brandt wollte „mehr Demokratie wagen“. Das Kino aber wollte mehr Sex wagen. Im Oktober kam „Schulmädchen-Report: Was Eltern nicht für möglich halten“ in die westdeutschen Kinos.

Sechs Millionen sahen das Filmchen, das seinen Voyeurismus unter dem Deckmantel einer Dokumentation verhüllt. Einige der Laiendarsteller machten Karriere: Heiner Lauterbach, Ingrid Steeger, Jutta Speidel, Lisa Fitz, Sascha Hehn. Sprechen wollen sie über ihr Frühwerk nicht.

Sexuelle Befreiung bedeutete der „Schulmädchen-Report“ keineswegs. „Er war eindeutig ein Zeichen der Verklemmtheit“, sagt Filmexperte Christian Keßler (Bücher: „Gelb wie die Nacht: Das italienische Thrillerkino“, „Die läufige Leinwand“). „Genaugenommen formulierte er in bestechender Deutlichkeit den Mief, der sich in der Zeit des Wirtschaftswunders angesammelt hatte.

Die sexuelle Aufklärung fungierte als Alibi. Es ging nicht um ein tieferführendes Verständnis der jüngeren Generation, sondern um eine wohlfeile Ausstellung kommerziell attraktiver Nacktheit.“ Erzählt werden die Filme aus der Sicht des Zielpublikums, „also alternder Regenmantelträger“. In ihrer Schlüpfrigkeit ist die Reihe somit ein Zeugnis der Zerrissenheit jener Zeit im Umbruch: Das Spießbürgertum beäugt neidvoll und wollüstig eine Generation, die anders leben will.

Sexualmoral: Der „Schulmädchen-Report“ unterstrich ungleiche Geschlechterverhältnisse

Eines hat der Geist dieser Filme mit dem der 68er gemeinsam: An den ungleichen Geschlechterverhältnissen sollte nicht gerüttelt werden. Eine gelockerte Sexualmoral sollte vor allem dazu dienen, Frauen leichter zugänglich zu machen. Die Filmreihe vermittelt zudem: Gehen Frauen zu unbekümmert mit ihren Reizen um, kommen sie eben in unangenehme Situationen – und tragen die Schuld. Eine wirkliche Änderung im Bewusstsein kam da erst ab 2017 durch die metoo-Bewegung.

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Als Retro-Trash-Vergnügen über den Mythos der fröhlichen 70er eignen sich die verschämten Tabuzonen-Torpedos daher nur bedingt. „Die Filme sind handwerklich beachtlich gut gefertigt und besitzen neben den Schauwerten auch viel Zeitkolorit, also bunte Kleidung, wilde Frisuren, schmissige Beatmusik“, sagt Keßler.

Aufklärungsfilm: Wie der „Schulmädchen-Report“ heute wirkt

Ihr Spannerblick auf Minderjährige sowie ihre Verharmlosung von Pädophilie und sexueller Gewalt machen sie allerdings an manchen Stellen unerträglich. Abstoßend wirken besonders Szenen, in denen Thun als „Reporter“ den jungen Frauen auflauert und mit intimen Fragen löchert.

Einerseits also stößt uns der „Schulmädchen-Report“ spätestens seit der metoo-Bewegung sauer auf. Das klingt nach einem Fortschritt. Andererseits aber ist härteste Pornografie in allen Varianten inzwischen nur einen Klick entfernt und macht den Körper mehr denn je zur Massenware. Das wiederum zeigt die moralische Zerrissenheit unserer Zeit.

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