Kolumne

Bedenken bei Corona-App? Unsere Daten-Schizophrenie

Viele fremdeln immer noch mit der Corona-App. Die lieben Daten. US-Konzernen spendieren wir dagegen auch die intimsten Informationen.

ARCHIV - 16.06.2020,

ARCHIV - 16.06.2020,

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin. Mal unter uns: Haben Sie auch diese Bedenken wegen der Corona-App? Man weiß ja nicht, was mit den Daten passiert. Was, wenn der Arbeitgeber oder die Kanzlerin oder gar der Partner ...? Mit diesem flauen Gefühl bleiben Sie nun ein paar Zeilen allein.

Zunächst eine Preisfrage: In welchem Jahr enthüllte Edward Snowden das ausgeklügelte Schnüffelsystem des US-Geheimdienstes NSA? Kaum zu glauben, aber der Fall liegt sieben Jahre zurück. Während das Abhören der globalen Internetkommunikation seither noch deutlich verfeinert worden sein dürfte, lebt Whistleblower Snowden mit überschaubarem Bewegungsradius in Moskau.

Ausgerechnet NSA warnt jetzt vor dem Schnüffeln

Es gehört zu den Ironien unserer Zeit, dass ausgerechnet die NSA nun vorm Schnüffeln warnt. In einem Schreiben an die eigenen Mitarbeitenden mahnt der Geheimdienst, dass jedes Smartphone jederzeit geografische Daten sammele und von Milliarden Nutzern präzise Bewegungsprofile erstellt werden, von wem auch immer.

Wer daheim erzählt, wieder mal besonders lange im Büro gewesen zu sein, sollte tunlichst sein Smartphone auf dem Schreibtisch liegen lassen. Folgende Tipps geben die NSA-Profis:

  • Alle Ortungsdienste rigoros ausschalten. Bei Bedarf muss das Gerät um Erlaubnis fragen.
  • WLAN und Bluetooth ausschalten, wenn nicht gebraucht.
  • Wann immer möglich, den Flugmodus aktivieren, aber darauf achten, dass WLAN und Bluetooth ebenfalls deaktiviert sind.
  • Werbung immer unterbinden, vor allem das Ad-Tracking.
  • Funktionen entfernen, die dem Auffinden verlorener oder gestohlener Geräte dienen.

Menschen, die wirklich anonym bleiben wollen, empfiehlt die NSA, das Gerät in einer metallenen Hülle aufzubewahren, die alle Radiosignale unterbindet. Lustige Nebeninformation: Auch der Bonsai-Führer Attila Hildmann rät für jeden der vielen Märsche auf Berlin, das Smartphone in Alufolie einzuwickeln, falls noch was übrig ist.

Naheliegend wäre, dass zum Beispiel Google eine globale Corona-Warn-App baut, denn niemand hortet mehr personenbezogene Daten, auch darüber, wer sich wo testen lässt und wer nach dem Resultat zuerst informiert wird. Das werden wir allerdings nie offiziell erfahren, denn keines der Datensammelunternehmen hat Interesse zu offenbaren, auf welch detailliertem und mithin geldwertem Datenschatz man wirklich sitzt.

Es gehört zu den Geheimnissen der deutschen Seele, dass wir einer Staats-App zutiefst misstrauen, die selbst vom erbarmungslosen Chaos Computer Club als halbwegs unbedenklich eingestuft wird. Laut einer Studie der TU München fürchten 44 Prozent der Befragten, dass die App zur staatlichen Überwachung gebraucht werden könnte. Was die Studie nicht ermittelte: Wie viele dieser 44 Prozent hatten zum Zeitpunkt der Umfrage die Ortungsdienste ihres Smartphones abgeschaltet?

Social-Media-Dienste sind maximal intransparent

Während in Finnland wenige Tage nach Veröffentlichung etwa ein Drittel der Bevölkerung eine Tracking-App geladen hatte, sind es in Deutschland bis heute nur lausige 18 Millionen Downloads der von Telekom und SAP gebauten Warn-App.

Angeblich offenbaren sich nur vier von hundert Infizierten. Ein Lottogewinn ist wahrscheinlicher als der Hinweis des Smartphones auf eine nahe Virenquelle. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide, Virenträger und Infizierungskandidat, die App nutzen, liegt bei sechs Prozent.

Von Anfang an war klar, dass eine App allenfalls einer von vielen Bausteinen einer Schutzstrategie sein würde. Gleichwohl wirft der halbherzige Gebrauch und das nach wie vor herrschende Misstrauen ein merkwürdiges Licht auf das schizophrene deutsche Datenbewusstsein.

Man muss seiner Regierung nun wirklich nicht blind vertrauen, aber Facebook, Google und den anderen noch viel weniger. Eine Regierung und ihr Personal lassen sich immerhin parlamentarisch kontrollieren und alle paar Jahre abwählen. Social-Media-Dienste dagegen sind maximal intransparent, bleiben uns dafür aber lebenslänglich erhalten.

  • Seine digitalen Abenteuer beschreibt Netzentdecker Hajo Schumacher in seinem neuen Buch Kein Netz!: Geld, Zeit, Laune, Liebe – Wie wir unser wirkliches Leben zurückerobern, das am 30. September im Eichborn-Verlag erscheint.
  • Digitale und andere Themen in Corona-Zeiten behandelt Hajo Schumacher in seinem täglichen Mutmach-Podcast „Wir gegen Corona“.
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