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Täter-Netzwerk

Missbrauch in Münster: Kramp-Karrenbauer will harte Strafen

Nach dem schwerem sexuellen Kindesmissbrauch in Münster äußert sich jetzt CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Die Hintergründe.

Mo, 23.03.2020, 17.02 Uhr

Ein trauriger Wert aus der Kriminalitätsstatistik: Die Zahl der Verstöße wegen Kinderpornografie stieg 2019 stark an. Auch die Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern nahmen zu.

Münster. 
  • Nach einer Tagung des Parteipräsidiums fordert CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer am Montag, 8. Juni, eine generelle Verschärfung des Strafrechts bei sexuellem Kindesmissbrauch
  • So soll bei dem Delikt eine Mindeststrafe von einem Jahr Haft gelten; auch sollen härtere Strafen für den Besitz von Kinderpornografie eingeführt werden
  • Hintergrund der Forderung ist der Fall schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in und um Münster
  • Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich bei dem Fall nur um die „Spitze des Eisbergs“ handele – dahinter soll ein weitreichendes Täter-Netzwerk stehen
  • Im Fokus der Ermittlungen steht ein 27-jähriger Hauptverdächtiger, er ist IT-Techniker aus Münster
  • Drei Jungen wurden als Opfer identifiziert. Sie seien fünf, zehn und zwölf Jahre alt, teilten die Ermittler mit. Ein Opfer war der zehnjährige Sohn der Lebensgefährtin des Hauptverdächtigen
  • Die Mutter des 27-Jährigen soll von den Taten gewusst und sie aktiv unterstützt haben. Sie arbeitete in einer Kita

Wieder ein bundesweiter Fall von sexueller Gewalt gegen Kinder: Nach Ermittlungen der Polizei Münster wegen schweren sexuellen Missbrauchs sind elf Tatverdächtige festgenommen worden. Es seien sieben Haftbefehle erlassen worden, sagte Polizeipräsident Rainer Furth am Samstag in Münster.

Drei Jungen wurden als Opfer identifiziert. Sie seien fünf, zehn und zwölf Jahre alt, teilten die Ermittler mit. Alle drei befänden sich derzeit in der Obhut der zuständigen Jugendämter. Die Sichtung des belastenden Materials habe selbst erfahrene Ermittler schwer erschüttert. Am Dienstag wurde bekannt, dass es womöglich noch weitere Opfer gibt.

Aus Sicht von Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) wird es nicht gelingen, alle Beteiligten zu fassen. „Wir werden garantiert nie alle erwischen“, sagte Reul am Montag mit Blick auf Täter, die das Material bezogen haben.

„Im Moment ist auch die Priorität darauf gerichtet, erstens die, die wir jetzt erwischt haben, die es ja selber betrieben haben, zur Verurteilung zu bringen. Und zweitens, noch mögliche weitere Täter und – das ist das Allerwichtigste – mögliche weitere Kinder zu finden“, sagte Reul im „Bild“-Live-Interview. „Und am Schluss werden wir uns wahrscheinlich um die Frage kümmern: Wer hat denn das alles noch konsumiert?“ Die Datenmengen seien so groß, dass die Ermittler nicht alles auf einmal machen könnten.

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Filmdatei zeigt stundenlangen schweren Missbrauch in Gartenlaube

Bei den Verdächtigen in Untersuchungshaft handele sich um sechs Männer und eine Frau. Der Hauptbeschuldigte sei ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. Der Mann soll zahlreiche Missbrauchshandlungen an dem zehnjährigen Opfer vorgenommen und die Aufnahmen ins Darknet hochgeladen haben. Außerdem handele es sich um dessen 45-jährige Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg, Hannover, Schorfheide, Kassel und Köln.

Dem Hauptverdächtigen und dreien der beschuldigten Männer wird unter anderem vorgeworfen, das fünf- und das zehnjährige Opfer über Stunden hinweg in der Gartenlaube schwer sexuell missbraucht und die Tat gefilmt zu haben. Dies habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben, die von den Ermittlern in einer Zwischendecke in der Gartenlaube gefunden wurde, wie der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll, auf der Pressekonferenz am Samstag mitteilte.

Missbrauchsfall Münster: Tatverdächtige kannten sich aus dem Darknet

Die Männer lernten sich offenbar über ein Pädophilen-Forum im Darknet kennen, wo auch Treffen zum gemeinschaftlichen Missbrauch von Kindern verabredet worden seien. Die Taten sollen im Auto sowie in der Münsteraner Gartenlaube der Mutter des Hauptbeschuldigten stattgefunden haben, die von den Taten gewusst und sie aktiv unterstützt haben soll.

Wie am Sonntag bekannt wurde, hatte die tatverdächtige Mutter des 27-Jährigen bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet. „Die Leitung der Kita wurde von uns informiert“, sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf Taten der 45-Jährigen im Kindergarten. Ermittelt werde nur im familiären Umfeld der Frau. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hatte zuvor über den Arbeitsplatz der Frau berichtet. Sie soll ihrem Sohn den Schlüssel zur Laube überlassen haben, genau wissend, was er dort trieb.

Giffey: Die Gesellschaft muss wachsamer sein

Am Sonntag äußerte sich auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey zu den Taten. „Das sind abscheuliche Taten, bei denen niemand ermessen kann, welch furchtbares Leid diese Kinder erfahren haben“, sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft noch wachsamer sind, um frühzeitig Missbrauch erkennen und wirksam dagegen vorgehen zu können.“

In der Kleingartensiedlung will niemand etwas von dem Missbrauch der Kinder mitbekommen haben. Ein paar Mitglieder haben sich angeblich gewundert, dass der Wagen des 27-Jährigen öfter über Nacht auf dem Parkplatz der Anlage stand. Ansonsten aber seien weder der Täter noch sein Opfer aufgefallen – abgesehen davon, dass der Verdächtige ein W-Lan-Netz für die ganze Anlage eingerichtet haben soll.

Die meisten wollen derzeit nicht mehr reden in der Siedlung „Am Bergbusch“ im Münsteraner Stadtteil „Kinderhaus“. Sie sollen am besten auch nicht mehr reden, hat ihnen der Vorstand angeblich geraten.

Lesen Sie hier: Fall Maddie: Jetzt mehrere Fälle vermisster Kinder im Fokus

Kindermissbrauch in Gartenlaube: „Unfassbare“ Videoaufnahmen der Tat

Nach der Wiederherstellung der gelöschten Daten sei die Polizei auf Videoaufnahmen der Taten gestoßen. Die Bilder seien für die Ermittler „unfassbar“ gewesen. Es habe sich um sexuelle Handlungen schwerster Art gehandelt, die die vier Männer an den zwei Jungen vornahmen. „Sie können es sich nicht vorstellen“, sagte Poll. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: „Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.“ Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Körperlich verletzt worden seien sie nicht.

Bei dem zehnjährigen Opfer handelt es sich den Ermittlern zufolge um den Sohn der Lebensgefährtin des 27-Jährigen. Der fünfjährige Junge sei der Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Bei dem Zwölfjährigen soll es sich um den Neffen des Beschuldigten aus Kassel handeln. Dieser soll den Jungen missbraucht haben, wie aus sichergestellten Daten des Hauptbeschuldigten hervorgehe.

Münster: Was über den 27-jährigen Hauptverdächtigen bekannt ist

Der Hauptverdächtige soll in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld für die Technik zuständig gewesen sein. Ausgangspunkt der Ermittlungen war ein Verfahren gegen Unbekannt aus dem Jahr 2018. Damals hatte eine unbekannte Person über das Internet Dateien mit kinderpornografischem Inhalt angeboten. Eine ermittelte IP-Adresse führte zu dem landwirtschaftlichen Betrieb, in dem der Münsteraner als IT-Spezialist für die komplizierte Biogasanlage zuständig ist.

Im Mai 2019 durchsuchten Polizeibeamte die Wohnung des 27-Jährigen. Sie fanden zahlreiche Datenträger, die jedoch so professionell gesichert waren, dass selbst die IT-Experten der Polizei fast ein Jahr brauchten, um nur einige zu knacken. Bis heute sei noch nicht alles entschlüsselt worden. Zudem fanden die Ermittler in Münster einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum, der dem Hauptverdächtigen zugerechnet wird.

Mittlerweile ist bekannt, dass das Jugendamt der Stadt Münster Kontakt zu der Familie von einem der Opfer hatte. Die Familie sei den Behörden aus den Jahren 2015 bis 2016 bekannt, „weil der soziale Kindsvater wegen des Besitzes und des Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen war“, teilte die Stadt am Samstag mit.

In dieser Zeit habe das Jugendamt Kontakt zu der Familie gehabt. 2015 habe das Familiengericht keinen Anlass gesehen, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen. Oberbürgermeister Lewe sagte dazu: „Eine Bewertung können wir erst vornehmen, wenn die Faktenlage dafür ausreichend geklärt ist.“

Verbreitung von Kinderpornografie nimmt zu

Das Bundeskriminalamt warnt vor einer „bedenklichen Entwicklung“ bei der Verbreitung von Kinderpornografie: Die Zahl der Verstöße ist nach Informationen unserer Redaktion 2019 um 65 Prozent gestiegen. Auch beim sexuellen Missbrauch von Kindern verzeichnen die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern eine deutliche Zunahme.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter forderte nach Bekanntwerden des Missbrauchsfalls eine deutlich verbesserte personelle und technische Ausstattung bei der Polizei. „In einem solchen Fall stellen wir beim Blick in die kriminalpolizeiliche Praxis fest, dass wir über unsere Grenzen hinaus kommen“, sagte Sebastian Fiedler im WDR-Fernsehen.

„Es reicht aber nicht aus, mit kleinen Schritten voranzugehen was die Ausstattung und was die Qualifikation angeht.“ Jetzt seien riesengroße Schritte notwendig. Ein Plus an Experten wie IT-Techniker für Verschlüsselungstechnik oder Leute, die sich mit Opferanhörung auskennen, sei notwendig.

Immer mehr Fälle von Kindesmissbrauch werden bekannt

Wegen Besitzes von Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch eines Kindes wurde im September 2017 auch der Mann verurteilt, der derzeit im Fokus der Ermittlungen wegen der 2007 spurlos verschwundenen Maddie McCann steht. Er sitzt momentan in Kiel eine alte Haftstrafe ab.

Seit Anfang 2019 kamen in Nordrhein-Westfalen immer mehr Fälle von Kindesmissbrauchs ans Licht. Im Fokus stand dabei ein Campingplatz in Lüdge im Kreis Lippe, auf dem mehrere Männer über Jahre hinweg hundertfach Kinder schwer sexuell missbraucht hatten. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte daraufhin das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt. Die Arbeit der Ermittlungsbehörden wurde entsprechend verstärkt.

„Seitdem decken wir einen Fall nach dem anderen auf, genau das wollte ich“, sagte Reul am Sonntagabend in der WDR-Sendung „Westpol“. Die aktuellen Ermittlungserfolge würden die gute Arbeit der Polizei bestätigen.

Auch Michael Maatz, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) geht davon aus, dass durch die verstärkten Ermittlungskapazitäten in den nächsten Monaten weitere Fälle aufgedeckt werden. „Deshalb müssen wir damit rechnen, dass in den nächsten Monaten weitere Gruppen von Kinderschändern auffliegen werden, zum Teil in Dimensionen, die sich bislang niemand vorstellen kann.“

(dpa/raer/ba/ab)

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Mi, 19.02.2020, 15.06 Uhr