Maddies Schicksal – die Welt hält den Atem an

| Lesedauer: 10 Minuten
Bettina Thoenes, Dirk Breyvogel und unseren Agenturen
Der Ermittler und der Moderator: Christian Hoppe (links) vom Bundeskriminalamt im Gespräch mit Moderator Rudi Cerne während der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“, die am Mittwochabend mit einem Bericht über die Suche nach Maddie begann.

Der Ermittler und der Moderator: Christian Hoppe (links) vom Bundeskriminalamt im Gespräch mit Moderator Rudi Cerne während der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“, die am Mittwochabend mit einem Bericht über die Suche nach Maddie begann.

Foto: ZDF / dpa

Die neue Spur nach Braunschweig löst stürmische Reaktionen aus. Kann der 43-jährige Verdächtige noch überführt werden?

Was ist neu im Fall Maddie?

Der Film zum Vermisstenfall Maddie, den die Zuschauer der Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ am Mittwochabend zu sehen bekommen, ist nicht neu. 2013 hatte das ZDF diese Rückblende auf einen so rätselhaften wie spektakulären Kriminalfall schon einmal ausgestrahlt. Und sollte sich der aktuelle Verdacht bestätigen, war der heutige Tatverdächtige schon damals dank eingegangener Zeugenhinweise in den Fokus der Ermittler geraten, wie Christian Hoppe, leitender Kriminaldirektor beim Bundeskriminalamt (BKA), in der Sendung erklärte. Jetzt hofft er, den Fall zum Abschluss bringen zu können.

Der Unterschied zu 2013: Damals wurde ein möglicher Täter gesucht, heute setzten die Ermittler auf Hinweise zu den Autos des Tatverdächtigen und zu seinem Bewegungsprofil am Tatabend.

Und: Die Eltern der seit 13 Jahren verschwundenen Maddie werden sich nicht weiter zu dem Verdächtigen aus Deutschland äußern. „Sie wollen, dass sich nun alles auf die Ermittlungen konzentriert“, sagte ihr Pressesprecher Clarence Mitchell am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in London.

In der Vergangenheit hatte sich das britische englische Arzt-Ehepaar immer wieder in teils emotionalen Aufrufen an die Öffentlichkeit gewandt und um Mithilfe gebeten. „Alles, was wir je wollten, ist sie zu finden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“, heißt es in einem Statement der Eltern in der Scotland-Yard-Mitteilung. „Wir werden niemals die Hoffnung aufgeben, Madeleine lebend zu finden, aber was auch immer herauskommen sollte, wir müssen es wissen, weil wir Frieden finden müssen.“

Am Abend des 3. Mai 2007 verschwand Maddie wenige Tage vor ihrem vierten Geburtstag während eines Familienurlaubs in Portugal spurlos aus der Ferienwohnung einer Appartement-Anlage in dem Ferienort Praia da Luz. Die Eltern hielten sich zu diesem Zeitpunkt in einem Restaurant in der Anlage auf. Gegen 22 Uhr entdeckte die Mutter bei einem Kontrollgang, dass Maddies Bett leer war. Eine beispiellose Suche nach Maddie, nach möglichen Tätern und Motiven begann.

Wie lief die Suche nach Maddie?

Wochenlang drehten portugiesische Polizisten jeden Stein in dem Ferienort Praia da Luz an der Urlaubsküste Algarve um. Sie durchkämmten mit Spürhunden die Umgebung der Ferienanlage „Ocean Club“, aus der Madeleine verschwand. Taucher suchten den Meeresboden vor der Küste ab. Doch das Mädchen blieb verschwunden.

Auch die britische Polizeibehörde Scotland Yard wollte nicht aufgeben und suchte weiter. Die Polizisten durchwühlten die portugiesischen Ermittlungsakten, in der Hoffnung, doch noch eine brauchbare Spur zu finden. Sie gingen rund 9000 Hinweisen nach. Vernahmen mehr als 1000 Personen. Sie überprüften mithilfe von Interpol polizeibekannte Sexualstraftäter und Einbrecher, die sich im fraglichen Zeitraum in Portugal aufgehalten hatten. Dabei erhärtete sich die wichtigste Hypothese der britischen Fahnder: Demzufolge gilt es als wahrscheinlich, dass der oder die Täter in jenes Ferienappartement eindrangen. Die Eindringlinge verschleppten dann vermutlich Maddie.

Immer wieder tauchen neue Spuren auf. Mehrfach sind seither die Untersuchungen wieder aufgenommen worden. Durch Portugiesen, auch durch Scotland Yard, das zeitweise 30 Beamte im Einsatz hatte. Ein schottischer Geschäftsmann setzt 1,5 Millionen Euro für Hinweise aus. David Cameron, der britische Premierminister, stellt den Regierungsbeamten Clarence Mitchell zur Verfügung.

Britische Polizisten nehmen immer wieder die Feriensiedlung in den Fokus. Sie untersuchen Hinweise, wonach „englisch aussehende“ Männer in der Nähe waren – oder auch mal zwei Männer und eine Frau, „deutsch oder holländisch sprechende“, blonde Ausländer. Es kommt zu mehreren vorläufigen Festnahmen, denen genauso schnelle Freilassungen folgen.

Woher die neue Spur?

Zeugenhinweise führten die Ermittler zu einem heute 43 Jahre alter Deutschen, der im Tatzeitraum in Praia da Luz lebte. Bei dem Verdächtigen handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Braunschweig um einen mehrfach wegen Sexualstraftaten auch an Kindern vorbestraften Mann, der sich in Portugal mit Gelegenheitsjobs und Straftaten, darunter Einbruchs- und Drogendelikten, durchs Leben geschlagen haben soll. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ermittelt, weil der Tatverdächtige seit 2014 seinen Wohnsitz in Braunschweig hatte. Im Fall einer Anklage und Eröffnung des Verfahrens wird der Prozess voraussichtlich vor dem Braunschweiger Landgericht stattfinden.

Fall Maddie: Ermittler gehen von Tötung aus
Fall Maddie- Ermittler gehen von Tötung aus

Was wollen die Ermittler nun wissen?

Welche Rolle spielen die Autos? Das BKA veröffentlichte Fotos von zwei Autos, die der Tatverdächtige an dem Abend im Mai 2007 genutzt haben könnte: ein Jaguar XJR 6. Der zweite Wagen ist nach BKA-Angaben ein weiß-gelber VW T3 Westfalia mit portugiesischer Zulassung. Der VW-Bus war demnach nicht auf den Verdächtigen zugelassen. Es liegen allerdings Hinweise vor, wonach er eines dieser Fahrzeuge zur Begehung der Tat genutzt haben könnte.

Wer kann Angaben zu den Häusern, Zimmern oder anderen Anlaufpunkten des 43-Jährigen in Portugal machen?

Die Ermittler schließen zudem nicht aus, dass der mutmaßliche Täter weitere sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungen begangen hat. Wer wurde womöglich ebenfalls Opfer des Verdächtigen, ohne dies bisher der Polizei gemeldet zu haben?

Darüber hinaus wird dringend ein Zeuge gesucht, der mit dem Verdächtigen am 3. Mai ein längeres Telefonat mit der portugiesischen Nummer +351/916510683 geführt hat. Bei der Behörde wurde ein Hinweisportal BKA eingerichtet und für Hinweise zur Aufklärung der Tat eine Belohnung von
10.000 Euro ausgesetzt.

Was wusste unsere Redaktion?

Mit dem neuen Verdacht richtet sich der Blick internationaler Medien auf Braunschweig. So erreichten auch unsere Zeitung viele Anfragen von Pressevertretern, die sich vor allem für einen Vergewaltigungsprozess im Dezember vor dem Braunschweiger Landgericht interessierten, über den einzig unsere Zeitung berichtet hatte: Bei dem Angeklagten handelte es sich nach Kenntnissen unserer Zeitung um den Mann, der nun als Verdächtiger im Fall Maddie gilt.

Wegen der Vergewaltigung einer 72 Jahre alten Amerikanerin in deren Haus im portugiesischen Praia da Luz im Jahr 2005 wurde der 43-Jährige zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Verfahren war durch Hinweise von Zeugen ausgelöst worden. Frühere Bekannte des 43-Jährigen sagten aus, beim Beschuldigten Videoaufnahmen mit Vergewaltigungsszenen entdeckt zu haben. Auf der Suche nach möglichen Opfern stieß die Polizei auf die Vergewaltigungsanzeige der Amerikanerin. Nicht nur das Vorgehen passte nach Überzeugung des Gerichts zu den beschriebenen Videosequenzen. Ein am Tatort – auf dem Bettlaken im Schlafzimmer des Opfers – sichergestelltes Körperhaar war laut BKA-Gutachten eindeutig dem Beschuldigten zuzuordnen.

Die Prozessberichterstattung gegen den 43-Jährigen finden Sie hier:

Obwohl unserer Redaktion durch die Berichterstattung die Identität des Beschuldigten bekannt war, hat sie auf die Nennung von Namen und eindeutigen Identifizierungsmerkmalen verzichtet. Denn im Fall Maddie handelt es sich nach wie vor um Verdachtsberichterstattung. Noch schweigen die Ermittlungsbehörden in der Öffentlichkeit darüber, welche Beweise sie gegen den Tatverdächtigen in der Hand haben. Umso mehr muss der Persönlichkeitsschutz mit dem berechtigten öffentlichen Interesse abgewogen werden.

Wie sind die Reaktionen in Portugal?

In Portugal wurden die Nachrichten aus Deutschland mit Hoffnung auf eine baldige Aufklärung des Falles, aber auch mit viel Skepsis aufgenommen. „Ohne die Leiche der kleinen Maddie und ohne Geständnis wird es wahrscheinlich sehr schwer sein, in einem Prozess die nötigen Beweise zu erbringen“, sagte die erfahrene Anwältin Sofía Matos im portugiesischen Fernsehen. Zum Zeitpunkt des Verschwindens von Maddie hätten sich schließlich „zahlreiche andere Menschen verschiedener Nationalitäten in Nähe des Tatorts aufgehalten“. Ähnlich sieht die Lage der angesehene Justizexperte des portugiesischen Nachrichtensenders „TVI24“, Henrique Machado. „Motiv und Gelegenheit reichen für eine Anklage nicht aus, es müssen andere Beweise her.“ Nach Informationen von Machado, die auf Quellen der portugiesischen Kriminalpolizei basieren, wird der Verdächtige eher nicht viel verraten. „Dieser Mann wird kaum gestehen, denke ich.“

Was mag so ein Ermittlungsfortschritt für Angehörige bedeuten?

Die Entwicklung habe ihn sehr überrascht, sagt Rainer Bruckert, Vorsitzender des Weißen Rings in Niedersachsen, zur neuesten Entwicklung im Fall Maddie. Der Braunschweiger war früher Abteilungsleiter beim Landeskriminalamt. Bruckert nimmt an, dass sich für die Eltern von Maddie damit die Hoffnung verbindet, endlich Klarheit über die Frage zu bekommen, was mit ihrer Tochter passiert ist. „Eltern, die nicht wissen, was mit Ihrem Kind passiert ist, können diese Tatsache nur verdrängen. Sie können erst damit abschließen, wenn sie einen Ort haben, an dem sie trauern können. Erst dann spüren sie ein Gefühl der Erleichterung. So hart das klingt: Angehörige brauchen ein Grab“, sagt Bruckert, der mit vielen Angehörigen in ähnlich verzweifelter Lage gesprochen hat. „Solange es keine Leiche gibt, besteht die Hoffnung, dass das Kind irgendwann wieder vor der Tür steht.“ Er finde es redlich und wichtig, den Menschen keine falschen Hoffnungen zu machen. Die Aussicht auf Strafe – wenn ein Täter gefunden sein wird – sei für viele Opfer „elementar“, meint Bruckert. Dabei interessiert die Opfer oft gar nicht die Höhe des Strafmaßes, sondern sie erfahren durch das Urteil an sich ein Stück Genugtuung.

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