Propriozeption-Forschung

Kluge Arte-Dokumentation klärt über geheimen 6. Sinn auf

Eine Arte-Doku führt in die Propriozeption-Forschung ein – des 6. Sinns, den sogar Pflanzen haben. Ein kluger und strukturierter Film.

Bei einer Bettruhestudie, bei welcher sich der Proband zwei Monate nicht aufrichten und nur liegen darf, werden die Folgen einer Langzeitbettruhe für das Gehirn erforscht.

Bei einer Bettruhestudie, bei welcher sich der Proband zwei Monate nicht aufrichten und nur liegen darf, werden die Folgen einer Langzeitbettruhe für das Gehirn erforscht.

Foto: Jean-Pierre Rivalain / © Jean-Pierre Rivalain

Berlin.  Wir tasten, riechen, schmecken, hören und sehen. Mit diesen fünf Sinnen nehmen wir bekanntermaßen die Welt wahr. Doch haben Sie auch schon mal propriozeptiert? Selbstverständlich, wird sagen, wer die aufschlussreiche französische Wissenschaftsdokumentation, die Arte am Samstagabend als Erstausstrahlung zeigt, gesehen hat: Wir alle tun es permanent, unbewusst zumeist, sozusagen automatisiert.

Denn ohne sie, die Propriozeption – wie der rätselhafte sechste Sinn sperrig-schwierig heißt, der die komplexesten Abläufe in unserem Körperinneren koordiniert, aber kein eigenes Verb kennt – könnten wir gar nicht gehen, tanzen oder bloß den Arm heben.

Kluger und klar strukturierter Arte-Film

Wieder was gelernt an einem Samstagabend im Kulturkanal: Klug und klar strukturiert, führt der Film von Vincent Amouroux Aspekt für Aspekt tiefer in die wunderbare Welt der neurowissenschaftlichen Propriozeption-Forschung ein.

Erst seit etwa zehn Jahren wird die Funktionsweise des 6. Sinns an der Universität von Aix-Marseille und dem CNES in Toulouse in verschiedenen Studien untersucht. Um die Rolle der Propriozeption für unseren Alltag zu veranschaulichen, bedient sich die Dokumentation außerdem der beeindruckend poetischen Choreographien von Yoann Bourgeois, der seine Tänzer gerne auf Drehscheibe, Trampoline oder Wippen stellt, um deren propriozeptiven Fähigkeiten zu stimulieren.

„Als Sinn der Interaktion zwischen Körper und Umwelt ist die Propriozeption so fundamental“, wird der Choreograph im Verlauf der anschaulich-akademischen Sendung etwas pathetisch räsonieren, „dass man sagen kann, es ist der Sinn unserer Existenz.“

Das versteht man unter Propriozeption

Kurz gesagt, ist Propriozeption die Eigenempfindung, die dem Menschen in Echtzeit die Wahrnehmung der Lage seines Körpers im Raum ermöglicht. Sie hat kein eigenes Organ und agiert unsichtbar tief im Körperinneren. Sie kommt zustande, weil das Gehirn im Hintergrund all die Nervenreize verarbeitet, die ihm Tausende Rezeptoren aus dem Körper, vor allem aus Muskeln und Sehnen, permanent übermitteln.

Schwerkraft spielt auch eine Rolle, weil sie wie ein Senklot auf den Körper wirkt. Und unser Alter, weil dieser 6. Sinn entwicklungsfähig und für die Bildung unseres Körperschema zuständig ist, das uns hilft, die eignen Körpergrenze zu erfassen. Das beste aber ist, dass sich die Propriozeption wie die anderen fünf Sinne täuschen lässt – mentale Trainings wie Visualisierungs- oder Aufmerksamkeitsübungen wirken wie echte Aktionen.

6. Sinn hilft, sich in der Welt zu orientieren

Alle Lebewesen besitzen diesen 6. Sinn, der uns hilft, sich in der Welt zu orientieren, sogar Pflanzen. Daher ist es schwer vorstellbar, wie es ist, wenn die Propriozeption fehlt. Wie bei Ginette, einer von nur fünf Menschen auf der ganzen Welt, die die Eigenempfindung verloren haben: Die mittelalte Französin, die am Institut des Sciences du Mouvement in Marseille als Probandin regelmäßig getestet wird, sitzt im Rollstuhl, obwohl sie körperlich vollkommen in der Lage wäre, zu gehen.

Sie kann ihre Kraft auf die Dinge in ihrer Umgebung nicht einschätzen und in der Dunkelheit noch nicht einmal den Arm bewegen wie angesagt. Vor allem aber weiß sie nicht, wo ihr Körper aufhört und der Raum beginnt: „Der Tisch gehört zu mir, der Stuhl auch.“

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