Interview

Darum hat Tom Wlaschiha keine Angst vor Nazi-Rollen

In der Serie „Das Boot“ spielt Wlaschiha einen Gestapo-Kriminalrat. Im Interview spricht er über seine Karriere, Hotelzimmer und Musik.

Zerrissenheit und Selbsthass muss Tom Wlaschiha in seiner Rolle in „Das Boot“ darstellen – sehr lohnend, wie er sagt.

Zerrissenheit und Selbsthass muss Tom Wlaschiha in seiner Rolle in „Das Boot“ darstellen – sehr lohnend, wie er sagt.

Foto: Stephan Rabold / Sky Deutschland AG

Berlin. Für Tom Wlaschiha ist die Krise Segen und Fluch zugleich. Einerseits liegt seine internationale Karriere, die ihn nach „Game of Thrones“ demnächst in die Erfolgsserie „Stranger Things“ führt, akut auf Eis. Andererseits kommt der 46-Jährige jetzt endlich mal zur Ruhe – was allerdings auch seine Nachbarn zu hören bekommen. Doch auch zu Hause ist er beruflich noch im Einsatz: Die Premiere der neuen Staffel von „Das Boot“ wurde ins Internet verlagert.

In der Serie „Das Boot“, deren neue Staffel inzwischen auf Sky One zu sehen ist, spielen Sie einen Kriminalrat der Gestapo. Besteht da keine Gefahr, dass man auch künftig auf Nazi-Rollen festgelegt wird, wie das bei deutschen Schauspielern früher oft der Fall war?

Tom Wlaschiha: Diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Ich will auch nicht immer die Nazis spielen, aber das ist mir in dem Moment egal, wo das Drehbuch gut und die Figur vielschichtig ist. Abgesehen davon spiele ich nicht die Ideologie. Meine Aufgabe ist es, selbst im größten Antagonisten das Menschliche zu finden, ob das ein Nazi oder ein Serienkiller ist.

Worin besteht der Reiz in so einer Rolle?

Wlaschiha: Zu zeigen, warum Menschen an so etwas glauben und was das mit ihnen macht. In der zweiten Staffel wird das noch extremer, weil meine Figur an Punkte kommt, wo sie aus Glauben an die Ideologie Sachen tun muss, die sie eigentlich nicht tun will. Daraus entstehen eine innere Zerrissenheit und Selbsthass. Das zu spielen, ist für einen Schauspieler sehr lohnend.

Clemens Schick über die 2. Staffel "Das Boot"
Clemens Schick über die 2. Staffel Das Boot

Sie wurden international durch „Game of Thrones“ bekannt, drehten vor dem Corona-Stopp die neue Staffel der amerikanischen Hitserie „Stranger Things“. Ist die Arbeitsweise anders als bei deutschen Serien wie dem „Boot“?

Wlaschiha: Bei amerikanischen Serien wird unmittelbar am Set weniger kreativ gearbeitet. Das heißt, da wird von dir als Schauspieler erwartet, dass du mit einer fertig entwickelten Figur ans Set kommst. Allerdings bin ich auch fehlbar. Als Schauspieler braucht man da ein Korrektiv. Für mich ist es, weil ich vom Theater komme, als Arbeitsprozess interessanter, mit einem Regisseur an einer Rolle zu arbeiten. Und das ist bei europäischen Serien, wo der Regisseur mehr Einfluss hat, eher möglich.

In „Game of Thrones“ war es für Sie nach der sechsten Staffel vorbei. Wie reagiert man auf so etwas?

Wlaschiha: Da bin ich relativ nüchtern. Wenn es eine schöne Arbeit war, dann ist das vielleicht schade, aber dann freue ich mich auf die nächsten Aufgaben. So ein Ende hat ja nichts mit mir persönlich zu tun. Es gibt 100.000 andere Gründe, die nicht in meiner Macht liegen. Deshalb traurig zu sein wäre Unsinn.

Sie spielen ja nun immer wieder in Serien – „Stranger Things“ ist die nächste. Aber schauen Sie die auch selbst?

Wlaschiha: Ich gucke sie schon viel, denn ich bin oft alleine in Hotelzimmern. Aber ich muss mir gut überlegen, ob ich eine neue Serie anfange, denn sonst verbringe ich die nächsten Wochen mit Seriengucken. Zuletzt habe ich „The Americans“ wiederentdeckt. Auch habe ich „Sex Education“ gesehen.

Gewöhnt man sich an das Leben im Hotelzimmer?

Wlaschiha: Jein. Was bleibt mir anderes übrig? Doch das sind immer gute Hotels, in denen man es sehr gut aushalten kann. Der Punkt ist halt, dass man sehr viel weg von zu Hause ist und das Privatleben auf ein Minimum beschränkt ist. Aber ich freue mich, dass ich so viele internationale Projekte machen kann, weil ich mir das immer gewünscht habe.

Wie viele Monate waren Sie im letzten Jahr zu Hause?

Wlaschiha: Drei.

Sie spielen doch Klavier. Kommen Sie da nicht aus der Übung?

Wlaschiha: Schwer aus der Übung. Das habe ich vor ein paar Wochen wieder feststellen dürfen.

Was haben Sie da gespielt?

Wlaschiha: Das war etwas von Rachmaninoff. Die Noten stehen bei mir ganz oben. Ich mag auch Tschaikowski und Schostakowitsch.

Woher dieses Faible für russische Komponisten?

Wlaschiha: Ich kann es nicht genau beschreiben. Vielleicht steckt in mir irgendwo ein Stück slawische Seele, obwohl meine Familie schon vor über 150 Jahren nach Deutschland eingewandert ist.

Wie gut sind Sie?

Wlaschiha: Als ich früher mehr Zeit hatte, da konnte ich ein paar Preludes von Rachmaninoff spielen. Die kriege ich jetzt nicht mehr so schnell hin. Da müsste ich mich ein paar Wochen dransetzen und üben. Aber ich beneide immer Leute, die improvisieren können.

Die im Radio etwas hören und sich dann hinsetzen und das zusammenbauen, ohne eine Note lesen zu können. Da versage ich komplett. Bei mir funktioniert es immer mathematisch. Ich kann Noten lesen und dann auch was relativ Schwieriges spielen, aber nur, wenn die Technik da ist.

Jetzt haben Sie ja vermutlich dafür im Zuge der Beschränkungen mehr Zeit. Wie arrangieren Sie sich mit den Nachbarn?

Wlaschiha: Ich versuche, sie nicht allzu lange mit Tonleitern zu quälen.

Und wenn es dann wieder weitergeht und Sie Ihr Leben aus dem Koffer bestreiten, wie finden Sie dann Balance?

Wlaschiha: Das kommt darauf an. Wenn ich mehrere Wochen wo unterwegs bin, dann baue ich mir schon einen Parallelalltag auf. Da suche ich mir ein Fitnessstudio und gucke mir an freien Tagen die Städte an. Ab und zu hat man nette Kollegen, mit denen man sich versteht.

Aber nach einer Weile hat man das Gefühl, dass man heimatlos ist – ohne Kraftzentrum und Ruhepunkt. Andererseits habe ich darauf hingearbeitet. Solange die positiven Aspekte die negativen überwiegen, mache ich das weiter. Und letztlich sind das ja alles Luxusprobleme.

Serien – Mehr zum Thema:

Gegen den Corona-Blues kann auch ein wenig Ablenkung helfen. Das sind die besten Serien und Filme. Alle „Sissi“-Fans können sich schon einmal freuen: Netflix plant eine „Sissi“-Serie. Für Diskussionen sorgt derzeit die neue „deutsche Miniserie „Unorthodox“.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen