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Hilferuf aus dem Homeoffice – Wir wollen zurück ins Büro!

Wir glaubten an Fortschritt, weil wir zu Hause arbeiten durften. Aber: Am schönsten ist es im Büro. Ein Hilferuf aus dem Homeoffice.

Am Anfang haben wir uns über die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, gefreut. Inzwischen wollen wir einfach nur zurück ins Büro.

Am Anfang haben wir uns über die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, gefreut. Inzwischen wollen wir einfach nur zurück ins Büro.

Foto: Christin Klose / dpa-tmn

Berlin. Als Journalist versteht man ja von vielen Sachgebieten nur die Randaspekte. Aber bei einem Thema kann ich wirklich mal kompetent mitreden: Homeoffice. Mache ich seit zwanzig Jahren. Und ich habe mich über die Euphorie gewundert. Videokonferenz, Jogginghose, Zwischenmahlzeit – toll. Von wegen.

Vier Wochen habe ich geschwiegen wegen des sozialen Friedens. Aber die Tatsachen lassen sich nicht länger verschweigen. Die Wahrheit lautet: Heimarbeit ist wie Nachdenken auf dem Oktoberfest – unmöglich. Wie man bei Tinder nicht den Partner fürs Leben findet und bei Facebook keine Freunde, schafft das Rackern daheim weder Freiheit noch Freude, sondern ständigen Frust.

Das Homeoffice liegt dem alten Mythos vom Multitasking zugrunde

Kaum hat man kurz vor Mittag das Smartphone aus der Hand gelegt, um zumindest obenrum was Vorzeigbares für die Videokonferenz anzulegen, da klingelt der Paketbote, das Kind geht mit drei Geräten online und verstopft die Leitung, während der Magen schon wieder knurrt. Die Assistentin muss den Chef auch nach vier Wochen Hausarrest noch durch die Technik navigieren, und dennoch vergisst der Trottel immer den Audioknopf. Ich google den täglichen Corona-Horror. Auf dem Bildschirm stumm wedelnde Führungskräfte. War es je anders? Ich wedele zurück. „Das S-Wort“, murmelt die Chefin und meint „Selbstdisziplin“. Ich denke nur an Schokolade, Stützschlaf, Serie gucken.

Der Idee vom Homeoffice liegt der alte Mythos vom Multitasking zugrunde, der vermutlich aus der Reklamebranche stammt: Irgendeine Simulation von Geschäftigkeit wird für konzentriertes Arbeiten gehalten. Früher, als Büroschlaf noch heilig war, galt Homeoffice aus unerklärlichen Gründen als gesellschaftlicher Fortschritt. Alle Akten auf einem Stick, per Internet mit der ganzen Welt verbunden und über die Tracking App sauber durchkontrolliert – so wünschte sich der Aktionär das neue Arbeiten.

Ablenkung von der Arbeit gibt es Zuhause viel

Was man da alles an Büroflächen, Kantine und Parkplätzen sparen kann, an Klopapier, Kaffeekosten und Privatkopien. Doch dafür müsste die heimische Technik erstmal reibungslos funktionieren. Aber irgendein Adapter oder Update fehlt immer, die Druckerkartusche ist leer oder der Akku. Er habe nur ein Vierteljahr gebraucht, um den heimischen Router so an der Decke zu positionieren, dass alle Räume online sind, erklärte neulich der Systemexperte, der auf unsere Kosten die Illusion von der schönen neuen Arbeit mit WLAN unterstützt.

Das Versprechen lautete: Man könne sich nebenbei um die Kinder kümmern, die Wäsche machen und abends rasch noch mal die Präsentation schön machen. Die Wahrheit: Vor lauter Kinderkümmern und Wäschemachen und Ausruhen bleibt die Präsentation liegen, die man früher rasch noch auf dem Weg zur Arbeit erledigt hat.

Lasst die Homeofficer wieder ins Büro!

Fazit: Wer nicht zufällig mit dem Gemüt eines tibetischen Lamas auf die Welt gekommen ist, kann mit seinen nicht abgearbeiteten To-do-Listen jenen fensterlosen Raum tapezieren, in dem sonst die Schwiegermutter übernachtet, die Wäsche trocknet oder die obstlergetränkte Skihose aus Ischgl auslüftet. Denn genau dort ist das Homeoffice provisorisch untergebracht. Hier lassen sich Ablenkungen vermeiden, wie der Jobexperte empfiehlt. Aber nicht gleich wieder einnicken, fügt der Praktiker hinzu.

Deutschland diskutiert, ob man zuerst Schulen, Schuhläden oder Frisöre öffnet. Falsch gedacht. Wenn ihr ein neues Wirtschaftswunder wollt, dann lasst Millionen Homeofficer zurück in ihre heimeligen Resopalräumlichkeiten. Sie werden es mit außergewöhnlichen Leistungen danken, Überstunden schieben, ganze Wochenenden auf der Planstelle verbringen. Endlich wieder mit den Kollegen tratschen, den Lieblingsfeind mobben, die Praktikantin mit Altherren-Charme behelligen. Wir verzichten auf Urlaub, Boni, Weihnachtsfeier, wenn wir nur nicht zurück müssen in die heimische Hölle.

• In seinem Podcast „Wir gegen Corona“ beschäftigen sich Hajo Schumacher und seine Frau Suse, Psychologin und Krisenberaterin, täglich mit dem Leben im Ausnahmezustand. Und wer sich noch mehr vom Arbeiten oder der Corona-Panik ablenken möchtewie wäre es mit einem Smartphone-Frühjahrsputz?

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