Interview

Harald Krassnitzer: „So kann es nicht weitergehen“

Harald Krassnitzers Filmprojekte liegen zurzeit auf Eis. Doch der 59-Jährige kann in der Corona-Krise auch viel Positives erkennen.

Harald Krassnitzer ist ab Karfreitag in der ARD-Reihe „Über Land“ zu sehen – und stellt sich in Zeiten der Coronavirus-Pandemie viele große Fragen.

Harald Krassnitzer ist ab Karfreitag in der ARD-Reihe „Über Land“ zu sehen – und stellt sich in Zeiten der Coronavirus-Pandemie viele große Fragen.

Foto: Andreas Gora via www.imago-images.de / imago

Berlin. Der Schauspieler Harald Krassnitzer (59) ist in Zeiten von Coronavirus und sozialem Distanzhalten nur telefonisch zu sprechen. Dafür ist das Interview intensiv. Denn Krassnitzer kümmert sich nicht nur um seine neue Filmreihe „Über Land“ (ab Freitag, 10. April, 20.15 Uhr im ZDF), sondern auch um die großen Fragen unserer Zeit. Er versucht, die ihm auferlegte Drehpause zu nutzen. Er will sich Zeit nehmen für die Dinge, die sonst zu kurz kommen. Und hofft ganz nebenbei auf einen gesellschaftlichen Aufbruch.

In Ihrem neuen Film „Über Land“ spielen Sie einen älteren Richter, den nichts mehr schocken kann. Sie werden selbst in diesem Jahr 60, hat das irgendeine Bedeutung für Sie?

Harald Krassnitzer: Ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht. Und im Moment erlaubt das Coronavirus ja auch kaum andere Gedanken. Außerdem muss ich erst einmal 60 werden. Prinzipiell habe ich mit dem Alter überhaupt kein Problem. Ich habe ein sehr natürliches Verhältnis zum Menschsein. Und ob wir wollen oder nicht, ist das Leben endlich.

Sind Sie mit der Zeit ruhiger geworden?

Krassnitzer: Ich betrachte Dinge einfach anders. Mit 30 hat man mehr Kraft und Drive, Dinge zu tun, als mit 60. Aber ich bin trotzdem noch neugierig und möchte Neues erleben. Das ist ja auch der Hauptantrieb für meinen Beruf. Zu erforschen, wie tickt jemand, was hat ihn zu dem gemacht?

Wie erleben Sie denn gerade unsere Zeit?

Krassnitzer: Ich mache das, was viele andere auch machen. Ich ziehe mich zurück, schränke meine Sozialkontakte ein, bin meist nur im Umfeld meines Hauses, grüße mit dem Ellenbogen oder mit dem Fuß. Und hoffe, dass Corona an uns irgendwie vorbei geht. Auf der anderen Seite wird gerade vieles abgesagt. Ich weiß nicht, wann meine Filmprojekte weitergehen. Daher widme ich mich jetzt Dingen, für die ich sonst keine Zeit habe. Wie meinem Garten oder den ungelesenen Büchern in meinem Regal.

Wird sich durch diese Corona-Zeit unser Leben verändern?

Krassnitzer: Ich bin gespannt. Denn ich erlebe dieses Virus als Zäsur für unser aller Leben. Wenn schon ein Virus alles durcheinanderbringen und lahmlegen kann, sollte uns diese Tatsache eine Warnung sein.

Vor was eigentlich?

Krassnitzer: Jeder hat doch ein bisschen das Gefühl, so wie es bis jetzt gelaufen ist, mit dieser überbordenden, verschwenderischen Lebensart, so kann es nicht weitergehen. Wir schmeißen zu viele Lebensmittel weg, wir produzieren nicht nachhaltig. Gleiches gilt für Kleidung und technische Geräte, die in Schwellenländern billig hergestellt werden. Wir verschwenden viele Ressourcen, wir reparieren nicht, sondern kaufen neu, weil es genauso teuer ist.

Hat dieser Stillstand auch gute Seiten?

Krassnitzer: Ich empfinde den Konsumstopp als wohltuend, weil ich dieses ständige Reisen, Erleben und Kaufen, eigentlich nicht brauche. Die Ruhe ist wie eine Heilung für uns alle. Es entstehen plötzliche ganz andere Gespräche. Wir müssen uns alle fragen, ob wir bisher die richtigen Fragen gestellt haben. Warum bezahlen wir Pflegepersonal so schlecht, wenn sie es in der Krise sind, auf die es am meisten ankommt? Gleiches gilt für die Verkäufer und Verkäuferinnen. Auf der anderen Seite müssen wir natürlich an alle denken, die sich schon angesteckt haben oder die zur Risikogruppe gehören. Die haben natürlich ganz andere Sorgen als ich.

Wie ist denn Ihr Bild von der Menschheit?

Krassnitzer: Na ja, denken Sie an die Wende in der Atomkraft. Es hat eigentlich zwei Explosionen in Atomkraftwerken gebraucht, bis wir den Ausstieg beschlossen haben. Diese Auszeit jetzt könnte eine Chance für einen gesellschaftlichen Aufbruch sein. Wir haben jetzt die Zeit für Träume und Utopien.

Wenn ich mir Ihre Rollen anschaue, sind das oft Figuren, die sich nicht an Konsum orientieren. Auch Ihr Richter Bachleitner in der Serie „Über Land“ interessiert sich nur für seine Fälle.

Krassnitzer: Beim Bachleitner ist das schon so angelegt. Der Regisseur und Drehbuchautor Franz X. Bogner hat den so genial entwickelt. Ich mag die Figur und finde sie spannend, dem folgt man lieber als so einem Scherenschnitt von Ermittler oder Rechtsanwalt. Alles Oberflächliche ist eben langweilig und ermüdend. In der Serie gibt es noch eine Tochter, die Frau hat eine ganz eigene Rechtsauffassung.

Ist das eine Kritik am Rechtsstaat?

Krassnitzer: Überhaupt nicht. Der Rechtsstaat ist das einzig Sinnvolle. Nur manchmal spürt man eben, dass Recht für den Einen ungerecht empfunden wird. Und dieses Recht wird auf der anderen Seite geschützt. Das ist ein spannender Konflikt. Ich finde im Film aber den Konflikt zwischen Arm und Reich stärker.

Sie sind privat ein eher sozialer Typ, oder?

Krassnitzer: Ja, was vor allem daran liegt, dass ich aus einfachen Verhältnissen komme. Das hat mich sehr geprägt. Narzissmus hat mich eher immer gelangweilt.

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