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Coronavirus-Risikogruppen: Wer besonders gefährdet ist

Nach einer Coronavirus-Infektion kann die Lungenkrankheit Covid-19 lebensgefährlich werden. Wer das höchste Risiko in sich trägt.

Coronavirus: Diese Menschen sind besonders gefährdet

Das Alter hat einen großen Einfluss auf das Sterberisiko von Coronavirus-Infizierten. Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind besonders gefährdet.

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Berlin. 
  • Fast vier Monate sind seit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus in China vergangen: Inzwischen sind weltweit über 430.000 Menschen infiziert - fast 20.000 starben
  • In Deutschland gibt es über 34.000 Coronavirus-Fälle und mehr als 170 Todesopfer
  • Die Suche nach einem Impfstoff oder Medikament läuft auf Hochtouren, doch bis adäquate Mittel zur Verfügung stehen, werden noch einige Monate vergehen
  • Viele Staaten haben ihre Ausgangsbestimmungen verschärft und das öffentliche Leben heruntergefahren, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und die ältere Bevölkerung zu schützen
  • Denn ältere Menschen sowie solche mit Vorerkrankungen gehören nach Einschätzung der Mediziner und des Robert-Koch-Institut (RKI) zu den Coronavirus-Risikogruppen
  • Was bedeutet das alles genau? Welche Faktoren erhöhen das Risiko? Und wie gefährdet sind Kinder? Wir klären auf

Milde, oft gar keine Symptome sind bei einer Ansteckung mit dem neuen Virus Sars-CoV-2 der Normalfall. 80 Prozent der Infektionen verlaufen harmlos, betonen Wissenschaftler immer wieder. Bleiben 20 Prozent, bei denen die Lungenerkrankung Covid-19 schwer oder sogar tödlich verläuft. Wer genau Teil dieser Risikogruppe ist, gehört zu den vielen Details, die derzeit noch erforscht werden.

Es scheint jedoch nach derzeitigem Wissen ähnlich wie bei anderen Infektionskrankheiten zu sein: Wer ohnehin geschwächt ist, steckt eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus nicht so leicht weg. Auch Raucher scheinen gefährdeter zu sein. Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Coronavirus: Wem kann der Erreger nach aktuellem Stand besonders gefährlich werden?

Grundsätzlich gilt: Je älter die Menschen sind, desto schwerer sind im Schnitt die Verläufe. Das zeigen Daten aus China und das sagt Professor Uwe Liebert, Direktor der Virologie am Uniklinikum Leipzig: „Besonders Menschen ab 70 Jahren haben ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf.“ Den chinesischen Daten zufolge sind es bereits Menschen ab 60 Jahren. Die meisten Todesfälle gab es in China bei den Über-80-Jährigen.

So entsteht ein Impfstoff
So entsteht ein Impfstoff

Bei Älteren kommen oft zwei Dinge zusammen: Erstens nimmt die Stärke der körpereigenen Abwehr mit dem Alter ab, zweitens steigt die Wahrscheinlichkeit für andere Erkrankungen. „Gerade bei Atemwegserkrankungen ist die Lunge im Fall einer Infektion doppelt betroffen“, sagt Liebert. Dazu gehören etwa die chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD oder Asthma.

Aber nicht nur Erkrankungen der Atemwege erhöhen das Risiko. Auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetiker sind anfälliger für einen schweren Verlauf – unabhängig vom Lebensalter. „Bei Diabetikern zum Beispiel geht es nicht allein um eine Störung des Zuckerstoffwechsels“, sagt Liebert. Gefäße seien verändert, Organe könnten angegriffen sein. „Die Erkrankung bringt die Balance des Körpers durcheinander. Er kann dann schlechter mit einem Virus umgehen.“

Ein Blick auf die deutschen Todesopfer zeigt, dass drei Viertel von ihnen 80 Jahre alt oder älter ist.

Ist Covid-19 für Jüngere ungefährlich?

Nein. Jüngere Menschen sind zwar insgesamt weniger gefährdet. Aber es wird immer deutlicher wird: Das Coronavirus kann auch Jüngere massiv treffen. Auf den Intensivstationen auch in Deutschland werden immer öfter junge mit dem Coronavirus infizierte Patienten behandelt. Lesen Sie hier: Junge Risikogruppe -- Sie sind Mitte 20 und könnten nach einer Infektion mit dem Coronavirus sterben.

Das habe sich in Italien gezeigt - und „das ist ein Bild, das sich auch in Deutschland ergibt“, sagte der Chefarzt Clemens Wendtner von der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing. „Die jüngsten symptomatischen Covid-19-Patienten waren Anfang 20 Jahre alt. Insgesamt sehen wir das ganze demografische Altersspektrum, egal ob auf Normalstation oder Intensivstation.“ Si

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) appellierte an junge Menschen, sich während der Corona-Krise an die strengen Ausgangsbeschränkungen zu halten. „Ich habe eine Botschaft für junge Leute“, hatte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Freitag in Genf gesagt. „Ihr seid nicht unbesiegbar.“

Sind Kinder besonders durch Sars-CoV-2 gefährdet?

Im Gegenteil. Das legt zumindest eine aktuelle Studie chinesischer Wissenschaftler gemeinsam mit Forschern von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health nah. Das Team hatte sich 391 Infizierte und rund 1300 Kontaktpersonen genauer angesehen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich Kinder zwar genauso häufig mit dem Virus anstecken, jedoch weniger starke oder sogar gar keine Symptome zeigen.

Zwar hat die Studie noch nicht das übliche Verfahren durchlaufen, bei dem unabhängige Experten die Arbeit auf ihre Qualität überprüfen. Doch die Ergebnisse bestätigen ältere Vermutungen. Warum Kinder eine Infektion mit Sars-CoV-2 besser wegstecken, weiß bislang niemand.

Auch Schwangere scheinen laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) nicht besonders gefährdet für einen schweren Verlauf zu sein. Das ist die größte Sorge eines Infektiologen für das Coronavirus.

Haben Raucher ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf?

Dazu gibt es noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Aber Daten aus China zeigen, dass Männer das Virus härter zu treffen scheint als Frauen, und Experten wie der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité halten hier auch einen Zusammenhang mit dem Rauchen für möglich.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, ruft die Deutschen angesichts der Coronavirus-Krise dazu auf, mit dem Rauchen aufzuhören. „Es ist erwiesen, dass insbesondere Raucher zu einer Risikogruppe gehören“, sagte die CSU-Politikerin unserer Redaktion.

Raucher liefen Gefahr, an wesentlich schwereren Lungenentzündungen durch den neuartigen Erreger Covid-19 zu erkranken, als Nichtraucher. Raucher sollten deswegen ihr Verhalten dringend ändern, so die Drogenbeauftragte. „Hören Sie jetzt auf zu rauchen – es ist höchste Zeit!“, appellierte Ludwig.

Jeder zweite chinesische Mann ist Raucher, bei den Frauen sind es deutlich weniger. Auch wenn die Zusammenhänge noch nicht klar seien, „ist vielleicht der Tipp, jetzt mit dem Rauchen aufzuhören, ein guter“, sagte Virologe Drosten vor einigen Tagen in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner“.

Es komme wie bei vielem darauf an, wie lange und wie viel jemand raucht – also wie vorgeschädigt das Lungengewebe bereits ist, sagt Liebert. „Bei der Raucherlunge ist das Gewebe bereits geschwächt. Eine Infektion mit Sars-CoV-2 würde da noch einen draufsetzen.“

Besteht für Krebspatienten eine besondere Gefahr?

Laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums gibt es im Moment kaum Informationen dazu, wie Krebspatienten auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 reagieren. Da sie jedoch aus verschiedenen Gründen ein geschwächtes Immunsystem haben können, könnten sie auch schwerer an der Lungenkrankheit Covid-19 erkranken. Deswegen sollten Krebspatienten die empfohlenen Hygienemaßnahmen einhalten, heißt es beim Krebsinformationsdienst.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) empfiehlt außerdem, geplante Krebstherapien zunächst nicht zu verschieben. Sollte ein Krebspatient jedoch Kontakt zu einem Corona-Infizierten haben, sollten Nutzen und Risiko einer geplanten Therapie mit den behandelnden Ärzten besprochen werden.

  • Wie breitet sich das Coronavirus aus:

Gibt es Medikamente oder Wirkstoffe, die Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben?

Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran schrieb bei Twitter, Entzündungshemmer wie etwa Ibuprofen könnten eine Infektion mit dem Coronavirus verschlimmern. Im Falle von Fieber solle man Paracetamol nehmen, riet Véran. Der nationale Gesundheitsdirektor Jérôme Salomon äußerte sich ähnlich und riet von der Einnahme sogenannter nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) ab. Zu dieser Wirkstoffgruppe zählen neben Ibuprofen auch Acetylsalicylsäure (ASS; Aspirin) und Diclofenac.

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) kann sich durchaus vorstellen, dass insbesondere ASS, aber auch Ibuprofen, bei der Lungenerkrankung Covid-19 nicht hilfreich sein könnten. „Ibuprofen hemmt die Blutgerinnung, das wäre ein möglicher Hinweis“, erläutert der Virologe. Damit steige das Risiko für innere Blutungen. „Bei Paracetamol ist das nicht der Fall.“

Dennoch sei ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von NSAR und schweren Verläufen bei Covid-19 nach seinem Wissen bislang nicht gesichert, betont Schmidt-Chanasit. „Wir wissen wenig über die Pathogenese des Virus Sars-CoV-2. Es gibt dazu bisher keine klinischen Daten.“ In Frankreich ist Ibuprofen seit Jahresbeginn nicht mehr frei in Apotheken verkäuflich.

Gleichzeitig verbreitete sich in sozialen Netzwerken eine Nachricht, der zufolge Ibuprofen die Anfälligkeit für eine Coronavirus-Infektion erhöhe. Dies hätten Forscher der Uniklinik Wien herausgefunden, hieß es. Die Universität distanzierte sich von dieser Nachricht und schrieb bei Twitter von einer Falschnachricht. Das deutsche Gesundheitsministerium hatte ebenfalls vor Falschnachrichten gewarnt, die zum Thema Coronavirus unter anderem bei WhatsApp und in den sozialen Medien kursieren.

coronavirus- achtung vor whatsapp-fake-news zu ibuprofenDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am Donnerstag ihre Warnung vor der Einnahme von Ibuprofen zurückgenommen. Die WHO-Experten hatten Studien und Ärzte konsultiert und seien zu dem Schluss gekommen, dass es über die bekannten Nebenwirkungen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hinaus keine Hinweise auf negative Ibuprofen-Konsequenzen bei Covid-19-Patienten gebe.

Sollten sich auch Menschen aus der Risikogruppe jetzt impfen lassen?

Frühestens im Sommer 2021 könnte es eine Impfung gegen Sars-CoV-2 geben. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt jedoch generell jedem, sich entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) impfen zu lassen – besonders gegen Erkrankungen, die die Lunge schwächen könnten wie Pneumokokken, Keuchhusten oder Influenza.

„Diese Empfehlung gilt umso mehr für Menschen mit dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs“, sagt Liebert. Sorge vor einer Schwächung des Immunsystems durch die Impfung und einer dadurch verursachten Anfälligkeit für schwere Krankheitsverläufe mit Covid-19 seien unbegründet, sagt der Virologe: „Es handelt sich bei den Impfstoffen um abgetötete Erreger.“

Eine Impfung sei also keine Herausforderung für das Immunsystem. „Jeder sollte jetzt einfach bei seinem Hausarzt den Stand seines Impfausweises überprüfen lassen“, rät Liebert. Spontanbesuche sind aber tabu. Ob und wann eine Impfung ratsam ist, sollte stets vorher telefonisch mit dem Hausarzt abgestimmt werden.

Was müssen Gesunde im Umgang mit Risikopatienten beachten?

Gerade hier ist die Einhaltung von Hygieneregeln wichtig. Bedeutet: gründliches Händewaschen, Husten- und Niesetikette. Atemmasken und Desinfektionsmittel seien nicht notwendig, sagt Liebert. „Diese Dinge braucht man im Krankenhaus. Mit Hamsterkäufen nimmt man dem Gesundheitssystem seine Ressourcen.“ Seife sei ein gutes Mittel, um das Virus zu inaktivieren. Auch auf Flächen, wenn man die Seifenlösung einwirken lasse.

Die Großeltern nicht mehr zu besuchen aus Angst, sie mit Corona anzustecken, sei unsinnig, sagt Liebert. Einiges könne man dabei aber beachten: „Hat die Oma zum Beispiel einen Atemwegsinfekt, sollte man sie vielleicht nicht zu innig umarmen, um die Weitergabe einer möglichen unentdeckten Corona-Infektion zu vermeiden“, sagt Liebert.

Coronavirus: Vorerkrankungen erhöhen die Sterblichkeitsrate

Neben dem Alter und dem Geschlecht zeigen die Ergebnisse, dass auch Vorerkrankungen einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung und auf das Sterberisiko haben. Die höchste Sterblichkeitsrate gibt es bei Infizierten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen – hier liegt sie bei 10,5 Prozent laut den Ergebnissen der chinesischen Forscher.

Bei Diabetikern liegt die Sterblichkeitsrate bei 7,3 Prozent, bei Menschen mit Atemwegserkrankungen bei 6,3 Prozent und bei Bluthochdruck bei 6,0 Prozent.

Lesen Sie hier: So läuft die häusliche Quarantäne ab.

Die Sterblichkeitsrate könnte in Deutschland besonders hoch ausfallen

Die Princeton-Forscherin Jessica Metcalf zeigte in drei Schaubildern auf Twitter, wie sich die Gefährdung der höheren Altersgruppen durch das Coronavirus auf andere Populationen der Welt auswirken könnte:

Das Schaubild A zeigt die mit dem Alter zunehmende Sterblichkeit durch Sars-CoV-2. Schaubild B verdeutlicht, wie die Altersverteilung in China, den USA, Deutschland, Indonesien und Madagaskar aussieht. C verknüpft die Zahlen von A und B und zeigt – unter der Annahme gleichbleibender Bedingungen –, dass die relative Sterblichkeit etwa in Deutschland aufgrund der Altersstruktur bei einem Ausbruch besonders hoch ausfallen könnte.

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