Bildung

Psychiater schlägt Alarm: Warum Schule Kinder dümmer macht

Schlechte Noten? Nicht die Schüler sind dumm, sagt der Kinderpsychiater Michael Winterhoff, ihnen fehlen in der Schule Ansprechpartner.

In der Schule fehlt es den Kindern an Anleitung. Auch die Eltern müssen wieder mehr Verantwortung übernehmen, sagt Psychiater Winterhoff.

In der Schule fehlt es den Kindern an Anleitung. Auch die Eltern müssen wieder mehr Verantwortung übernehmen, sagt Psychiater Winterhoff.

Foto: imago stock / imago/Westend61

Berlin. 
  • Bald gibt es in der Schule Halbjahreszeugnisse – und wohl nicht nur Schüler, sondern auch so mancher Elternteil bangt um die schulische Leistung seines Kindes
  • Doch nicht immer ist daran das Kind selbst schuld: Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff macht die Schule und das Bildungssystem selbst dafür verantwortlich
  • Winterhoff hat das Buch „Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut – und wie wir das ändern können“ geschrieben
  • Ihm zufolge gibt es zu wenige Bezugspersonen in Kitas und Schulen für die Kinder
  • Aber auch Eltern müssen sich deutliche Kritik gefallen lassen

Im Januar ist es wieder Zeit für die Halbjahreszeugnisse. Schüler wie Eltern zittern vor den Noten in Mathe, Deutsch, Englisch. Viele fragen sich, warum ihr Kind nicht besser abschneidet – und verzweifeln. Doch der Jugendpsychiater Michael Winterhoff stellt nicht den Schülern schlechte Noten aus, sondern der Schule.

Ihr Manko: Es fehle den Kindern an Bezugspersonen. Nicht der Lehrer stehe heute im Zentrum, sondern das selbstbestimmte Lernen, was für Winterhoff der komplett falsche Weg ist.

Schule beeinflusst auch das Berufsleben

Ein Lernsystem mit verheerenden Folgen, wie Michael Winterhoff auch in seinem Buch „Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut – und wie wir das ändern können“ beschreibt. Fehlende Deutschkenntnisse, fehlendes Mathematikverständnis, von Geschichte, Geografie ganz zu schweigen – so etwas hat Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, so Winterhoff.

  • Laut Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung weisen fünfzig Prozent der Abiturienten keine Hochschulreife mehr auf;
  • ein Drittel der Studenten überstehen nach Studienabschluss die Probezeit in der Firma nicht.
  • Ein Drittel der Lehrstellen im kaufmännischen Bereich seien mangels Qualifikation nicht besetzt sind.
  • Ein Drittel der Betriebe müssten genauso wie viele Hochschulen Nachhilfe in Deutsch und Mathe geben.
So kämpfen diese Schüler gegen Diskriminierung
So kämpfen diese Schüler gegen Diskriminierung

Kinder werden nicht gefördert: Schüler sind zu sehr auf sich allein gestellt

Doch die fehlende Leistung in den klassischen Schulfächern sei nicht alles. Vielen Heranwachsenden fehlten die psychische Fähigkeiten, sogenannte Softskills: Arbeitshaltung, Sinn für Pünktlichkeit, Erkennen von Strukturen und Abläufen – viele fürchten, dass eine „Generation ahnungslos“ entsteht.

„Das deutsche Schulsystem lässt unsere Kinder verdummen“, sagt Dr. Michael Winterhoff. Und das liege vor allem daran, dass die Schüler zu sehr auf sich selbst gestellt seien. Lehrer, so Winterhoff, sollen nur noch als Lernbegleiter im Hintergrund fungieren. Und die Kinder sollten möglichst viel sich selbst erarbeiten. „Damit sind sie restlos überfordert“, so Winterhoff. „Kinder werden heute schon früh zu kleinen Erwachsenen gemacht.“ Lesen Sie hier: So rechnet Harald Lesch mit dem Schulsystem ab.

Schülern fehlen Bezugspersonen

Besonders scharf verurteilt der Jugendpsychiater den „lernorientierten Unterricht“. Der Grund: Hier fehle den Schülern die Bezugsperson des Lehrers. „Für die Entwicklung der emotionalen und sozialen Psyche, die alle zwischenmenschlichen Leistungen umfasst, braucht das Kind allerdings den direkten Bezug zum Lehrer der ihm Halt und Orientierung gibt. Soziale Fähigkeiten und Arbeitshaltung müssten –und das ist durch die Psychoanalyse bewiesen, durch die Bezugspersonen und somit auch durch den Lehrer eingeübt werden.“

Schule: zwei Lehrer für 15 Schüler

Dabei geht es Winterhoff nicht um die Frage Frontal- versus Gruppenunterricht. Kinder könnten sich durchaus auch Dinge selbst erarbeiten, aber entscheidend sei, dass der Lehrer den Schüler begleitet. „Das ist nur wirklich gut umsetzbar mit kleinen Lerngruppen.“ Daher fordert er in der Grundschule diesen Stellenschlüssel: auf 15 bis 20 Kinder müssten zwei Lehrer oder ein Lehrer und ein Erzieher kommen.

Der Lehrer spiele einfach eine entscheidende Rolle. Winterhoff erklärt: Bei der Entwicklung der kindlichen Psyche handelt es sich um einen Hirnreifungsprozess, vergleichbar mit dem Erlernen einer Sportart. „Wer Tennisspielen lernen will, braucht einen Trainer, der seinen Schüler sieht, liebevoll coacht, anleitet und einen Übungsaufbau hat.“ Nur so gelingt das Lernen. „Und nicht, indem man auf sich gestellt in einer Ecke die Vorhand einübt, in der anderen die Rückhand. Nur unter der ständigen Begleitung eines Coaches kann man irgendwann selbstständig spielen.“

Kinder werden auch in Kitas viel zu oft sich selbst überlassen

Aus Sicht des Therapeuten setze die Schule allerdings nur das fort, was bereits in der Kita angelegt wurde. Auch hier würden die Kinder sich vielfach selbst überlassen und häufig nur noch „verwahrt“. „Ein kleines Kind aber braucht die Erfahrung, dass die Bezugsperson gleich ist, deren Reaktionen, die Abläufe, die Gruppe, der Raum und der Inhalt.

Wenn aber auch hier Erzieher oder Erzieherinnen nur noch freie Angebote machen, und sich das Kind auf sich gestellt nach Lust und Laune durch die Räume bewegt, ist das für die Kinder fatal. Sie sind überfordert und können sich in ihrer Psyche nicht entwickeln.“ Zusätzlich für die Kinder sei in manchen Einrichtungen eine unglaubliche Lautstärke und Unruhe. „Das würde nicht einmal ein Erwachsener aushalten.“

In Kitas fehlt häufig die Ruhe und die Zuwendung

Was die Förderung der Kinder betrifft, liege ein grundsätzliches Missverständnis vor, so Winterhoff. „Die Grundlagen der Psychoanalyse belegen, dass das Verhalten eines Kindes maßgeblich nicht von Erziehung bestimmt wird, sondern aus seinem psychischen Entwicklungsalter resultiert“, so Winterhoff. Um psychisch zu reifen, aber brauche das Kind viel Ruhe und Zuwendung.

Diese Zuwendung müsste am besten von Mutter und Vater kommen, so der Psychiater. Aber auch das sei heutzutage schwierig: „Erwachsene heute haben das Gespür für Kinder verloren.“ „Viele sind gehetzt, genervt, haben den Kopf im Handy – kaum einer reagiert heute angemessen auf ein Kind.“ „Ein Kind brauche viel Zeit, das machten sich Eltern heute oft nicht klar.“

Verlässlichkeit ist für Heranwachsende von großer Bedeutung

Neben der Wohlstandsverwahrlosung gebe es auch eine Reihe Eltern, die im Bemühen, ihre Kinder zu fördern, gleich in eine Art „Förderwahn“ verfallen. Auch das überfordere die Kinder. „Es ist eben alles nicht mehr im gesunden Maß. Eltern stehen heute zu sehr unter Strom.“

Wichtig sei, dass Eltern begreifen, was die Kinder brauchen – Verlässlichkeit in der Bindung – und gegensteuern: „Eltern sollten am Wochenende die digitalen Geräte ausschalten. Mindestens einen Tag, noch besser wären zwei Tage, an denen man nicht dauernd erreichbar ist.“

Hilfreich seien Gemeinsamkeiten – eine Wanderung machen oder eine Radtour planen. Es müssten keine Riesen-Events sein. Im Gegenteil: „Wichtig ist die Wertschätzung fürs Kind: Du bist wert, dass ich jetzt für dich da bin. Dadurch ergibt sich automatisch die Orientierung fürs Kind. Das ist gut und das ist nicht gut, das machst du richtig, das nicht richtig.“

Schule: Viele Jugendliche leiden unter Selbstüberschätzung

Weil sich die psychische Reife nicht ausbilden könne, komme noch ein Faktor hinzu: „Viele Jugendliche leiden unter Selbstüberschätzung und Lebensferne.“ Winterhoff berichtet von einem knapp 15-jährigen, „smarten Jugendlichen, freundlich, mit einem IQ von 140“, der seit zwei Jahren nicht mehr zur Schule geht. „Er liegt nur im Bett.“ Mit dabei? Wie bei vielen Kindern und Jugendlichen PC oder Smartphone. „Sein Ziel: Er möchte gern noch mehr schlafen.“

Winterhoffs Fazit: „Trotz der Intelligenz ist der Junge nicht lebensfähig. Er dreht sich nur um sich selbst. Und wenn es nicht nach seinem Willen geht, flippt er aus.“ Das habe nichts mit schlechter Erziehung zu tun, sondern mit einer fehlenden psychischen Entwicklung. „Kinder von heute, die viel auf sich gestellt sind, werden auch als Erwachsene auf dem psychischen Entwicklungsstand eines Kleinkindes sein.“

Was tun? Die Therapie setze an den Defiziten an. „Diese Menschen sind ja alle nicht krank, sie nur nicht entwickelt. In 1,5 Jahren könnte man das ändern, dadurch, dass man Schülern Bezugspersonen mit Herz und Leidenschaft gegenüberstellt – und nicht ein lernoptimiertes Umfeld. Dieser Unsinn kommt übrigens von der OECD, da wurde gesagt, Kinder müsse man auf das digitale Zeitalter vorbereiten. Das ist Quatsch.“

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Ein Problem bei Schulbildung ist auch das Personal – Experten erwarten bis 2030 rund 2378.000 Schüler mehr – dafür fehlen allerdings die Lehrer. Die Bildungspolitik ist Dauerstreitthema – das Zentralabitur ist offiziell gescheitert, das Bildungschaos wieder einmal belegt.

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