Herausforderung

Pflegemutter: „Jedes Kind nimmt ein Stück vom Herzen mit“

Die Kinder bleiben häufig nur wenige Wochen in der Bereitschaftspflegefamilie. Wie halten Pflegeeltern immer wieder den Abschied aus?

Eine Herausforderung für die Gefühle: Die Bereitschaftspflegeeltern Anja und Falk Willberg geben Kindern ein Zuhause auf Zeit.

Eine Herausforderung für die Gefühle: Die Bereitschaftspflegeeltern Anja und Falk Willberg geben Kindern ein Zuhause auf Zeit.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

Bochum. Im ersten Stock ihres schmalen Reihenhäuschens haben Anja und Falk Wilberg ein ganz normales Babyzimmer eingerichtet: eine Wickelkommode gefüllt mit Babykleidung und Pflegeprodukten, darüber ein Mobile, in der Zimmermitte ein Stubenwagen. Alles wirkt ansprechend, freundlich und vor allem so, als würde das Baby, das darin wohnt, jeden Moment wieder in das Bettchen gelegt.

Doch statt einem schlummerten in den vergangenen vier Jahren insgesamt elf Säuglinge in dem Wilbergschen Bettchen; keines von ihnen länger als ein halbes Jahr: Anja und Falk sind Bereitschaftspflegeeltern.

Pflegeeltern: Wie meistern sie den Abschied vom liebgewonnen Kind?

„Viele dieser Kinder kommen total traumatisiert bei uns an. Sie weinen nicht, sie reagieren nicht oder sie wimmern 24 Stunden lang“, erzählt Anja Wilberg. „Manche der Kinder kommen auf Nähe erst mal nicht klar. Und man kann sich gar nicht vorstellen, in welchem Zustand sie teilweise zu uns kommen: unterernährt oder ohne Kleidung, nur in ein Handtuch gewickelt.“

Die Wilbergs sind eine von derzeit 24 Bochumer Familien, die auf Abruf Kinder aufnehmen, die durch den Sozialen Dienst des Jugendamtes von ihren leiblichen Eltern getrennt wurden. „Meistens sind das Kinder, die aus Notsituationen geholt werden“, weiß Brigitte Dunker, Jugendamtsmitarbeiterin für den Bereich der Bereitschaftspflege. „Fast immer informieren uns die Kollegen auf dem Weg zum Einsatz. Dann haben wir ungefähr zwei Stunden Zeit, eine geeignete Familie zu finden, die das Kind vorübergehend aufnimmt.“

Solange, bis geklärt ist, ob das Kind zurückkehrt oder in eine Pflegefamilie auf Dauer oder gegebenenfalls in eine Einrichtung kommt. „Die leiblichen Eltern können sich in diesem Moment nicht angemessen kümmern, sie können die seelische, kognitive und körperliche Unversehrtheit des Kindes nicht sicherstellen.“ In manchen Fällen melden sich aber auch Eltern, weil sie sich zum Beispiel aufgrund einer Krankheit für eine gewisse Zeit nicht selbst kümmern können, selbst bei dem Breitschaftschaftspflegedienst.

Wer Pflegemutter werden will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen

2015 sah Anja Wilberg als gelernte Altenpflegerin – zuletzt Pflegedienstleiterin in einem Altersheim – keine Perspektive mehr in ihrem Berufszweig. „Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich Erzieherin geworden“, sagt sie. Doch in Anbetracht ihres Alters – heute ist die Mutter von drei erwachsenen Kindern und Oma von zwei Enkeln 56 Jahre alt – beschloss sie eben, noch einmal Mutter zu werden: Mutter auf Zeit.

Ihr Mann Falk, 58-jährig und gelernter Softwareentwickler, unterstützt sie dabei, wo er kann. „Ich kann die Welt nicht retten, aber ich kann ein Kind für kurze Zeit wieder in geordnete Bahnen lenken“, beschreibt Anja Wilberg ihre Motivation. „Ich mache das, um diesen kleinen Würmern zu helfen. Die müssen wertgeschätzt werden, das hilft ihnen.“

Voraussetzungen für die Bereitschaftspflege seien Humor und Spaß am Zusammenleben mit Kindern, Geduld und Zeit, Einfühlungsvermögen, Sensibilität und Flexibilität sowie Belastbarkeit, heißt es auf der Homepage des Pflegekinderdienstes. „Für die Kinder bin ich einfach die Person, die sie aufhebt, tröstet, wäscht und umsorgt… für eine kurze Zeit“, sagt Anja Wilberg. „Letzten Endes brauchen Kinder eigentlich alle das Gleiche: Wärme und Zuneigung“, ergänzt ihr Mann Falk.

Eine Ausnahme haben sie gemacht

Weil seit drei Jahren eines ihrer Pflegekinder, die das Ehepaar zunächst kurzzeitig aufgenommen hatte, dauerhaft bei ihnen lebt, nehmen die Wilbergs nur null bis sechs Monate alte Babys auf. „Unsere Vierjährige soll nicht ständig wieder ihre Spielkameraden verlieren“, sagt die Pflegemutter. Das Schönste an der Aufgabe sei, die Entwicklung der Kinder beobachten zu dürfen: Wenn sie irgendwann lächeln, direkten Blickkontakt suchen oder interagieren. Aber: „Jeder Abschied tut weh, jedes Kind nimmt ein Stück von meinem Herzen mit“, sagt Anja Wilberg.

Denn die Kleinen seien ja, wenn auch nur für kurze Zeit, immer „ein Teil der Familie.“ Womit sie ganz gut umgehen kann, ist der obligatorische Umgang mit der Ursprungsfamilie bei Besuchskontakten, die teils wöchentlich im Jugendamt stattfinden. Und das, obwohl sie ja hautnah mit dem Zustand konfrontiert ist, in dem die Babys bei ihr ankommen: vernachlässigt, misshandelt, unterernährt.

„Ich schalte die Gedanken an die leiblichen Eltern einfach ab. Ich gucke eher danach, was das Kind braucht.“ Besuchskontakte seien emotional schon sehr anstrengend, aber sie versuche eben, alles auszublenden. „Ich bilde mir kein Urteil“, sagt Falk Wilberg. „Zu jedem Fall gibt es eine Vorgeschichte. Wer weiß, was die Eltern dazu gebracht hat.“

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