Ermittlungen

Bei Berlin: 5-Jährige wurde über Jahre schwer vernachlässigt

In Eberswalde ist eine Fünfjährige vom Jugendamt aus einer Familie geholt worden. Das Mädchen soll lange vernachlässigt worden sein.

Blick auf Eberswalde: In der brandenburgischen Stadt soll ein Mädchen möglicherweise jahrelang von seinen Eltern vernachlässigt worden sein.

Blick auf Eberswalde: In der brandenburgischen Stadt soll ein Mädchen möglicherweise jahrelang von seinen Eltern vernachlässigt worden sein.

Foto: Andreas Gora / imago/Andreas Gora

Eberswalde. Ein fünf Jahre altes Mädchen soll bei ihrer Familie, die in Eberswalde bei Berlin wohnt, jahrelang stark vernachlässigt worden sein. Einem Bericht zufolge, wurde das Mädchen Ende Dezember vom Jugendamt des Landkreises Barnim aus der Familie geholt und in eine Klinik gebracht.

Mittlerweile sei das Kind aus dem Krankenhaus entlassen und in die Obhut der Behörden genommen worden, sagte der Landrat des Kreises Barnim, Daniel Kurth (SPD), am Montag bei einer Pressekonferenz.

Der Fall war bundesweit bekannt geworden, nachdem die „Märkische Oderzeitung“ am Samstag berichtet hatte, das Mädchen habe jahrelang kein Tageslicht gesehen und solle mindestens zwei Jahre völlig auf sich allein gestellt gewesen sein. Landrat Daniel Kurth konnte das am Montag allerdings nicht bestätigen. Weiter hieß es in dem Bericht, das Mädchen sei körperlich und geistig unterentwickelt.

Eberswalde: Geschwister offenbar nicht so vernachlässigt wie Fünfjährige

Kurth habe feststellen müssen, „dass das Kind nicht die Fürsorge und Pflege und Liebe seiner Eltern bekommen hat“, die es gebraucht hätte. Es befinde sich nun in sicherer Obhut. Seine beiden Geschwister seien zeitgleich in Sicherheit gekommen. Bei ihnen gebe es keine Hinweise auf derartige Vernachlässigung wie bei dem Mädchen, sagte Sozialdezernentin Yvonne Dankert.

Die Familie war den Behörden schon länger bekannt. „Wir sind mit dem Jugendamt der Kreisverwaltung Barnim bereits seit Mitte 2017 bemüht, Hilfe in diese Familie zu bringen“, sagte der Landrat. Sozialdezernentin Yvonne Dankert ergänzte, es habe eine erste Meldung Mitte 2017 gegeben. Alle Hilfsversuche blieben laut Kreis zunächst erfolglos.

Eine beim Amtsgericht erwirkte Familienhilfe habe ab November 2019 einen Einblick in die Familienstruktur ermöglicht. Eine Mitarbeiterin aus dem Kinderschutz habe dann eine Gefahrenmeldung abgegeben. Eine Strafanzeige wurde bisher nicht erstattet.

Der endgültige Bericht des Krankenhauses stehe aus. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen eingeleitet. Ebenso steht im Landkreis Barnim die Frage im Raum, warum das Jugendamt nicht sofort die Polizei einschaltete.

Deutsche Jugendämter melden immer mehr Kindeswohlgefährdungen

Laut dem Statistischen Bundesamt meldeten die Jugendämter in Deutschland im Jahr 2018 bei rund 50.400 Minderjährigen eine Kindeswohlgefährdung – zehn Prozent mehr als noch 2017. In 6200 Fällen wurden Minderjährige nach Misshandlungen von den Behörden in Obhut genommen, in 6000 Fällen wegen Vernachlässigungen, in 840 Fällen zum Schutz vor sexueller Gewalt.

Ein ähnlicher Fall wie der in Eberswalde hatte im Herbst 2019 für Entsetzen gesorgt: In den Niederlanden waren mehrere junge Erwachsene auf einem Bauernhof gefunden worden, die offenbar neun Jahre lang in einem abschließbaren Raum mit mehreren Kammern isoliert gehalten wurden. Ein 25-Jähriger war kurzzeitig geflohen und hatte in der Dorfkneipe um Hilfe gebeten. Der Vater sitzt nach wie vor in Untersuchungshaft.

(dpa/br)