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Toxische Beziehung: Warnsignale und die häufigsten Symptome

Wenn die eigene Partnerschaft krank macht, sollte man einen Schlussstrich ziehen. Therapeuten geben Rat, wie die Trennung funktioniert.

So erkennt man eine toxische Beziehung
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Es war zu schön, um wahr zu sein. Am Anfang ihrer Beziehung konnte Julia H. (24) ihr Glück kaum fassen. Ihr neuer Freund brachte ihr Blumen mit, teilte ihre Leidenschaft fürs Theater und hörte sogar die gleiche Musik. Gemeinsam machten sie Sport und fuhren in den Urlaub. Julia war überzeugt, ihren Romeo gefunden zu haben. „Ich dachte wirklich, das könnte der Mann fürs Leben sein“, erinnert sich die junge Frau.

Doch nach einem halben Jahr veränderte sich ihr Partner. Immer öfter warf er Julia vor, nicht ausreichend Zeit für ihn zu haben und gab ihr das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Manchmal verschwand er einfach und tauchte erst nach Tagen wieder an ihrer Tür auf. Immer wieder durchsuchte er ihren Laptop und fing aus den unmöglichsten Gründen Streit an. „Selbst als er mich betrogen hat, dachte ich, es wäre mein Fehler, weil ich ihm nicht gab, was er brauchte“, erinnert sie sich. Heut weiß Julia: Diese Beziehung war toxisch.

Toxische Beziehung: Das sind die häufigsten Symptome

Es gibt keine genauen Zahlen dazu, wie viele Menschen von solchen „giftigen Beziehungen“ betroffen sind. Das liegt auch daran, dass viele sich für diese Partnerschaften schämen. In den vergangenen Jahren wird über den englischen Begriff „toxic relationships“ und die damit gemeinte Art der Beziehung jedoch immer häufiger gesprochen und Betroffene merken, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind.

„Toxische Beziehungen sind davon geprägt, dass sich einer der Partner immer unterordnet“, sagt die Münchner Paartherapeutin Sigrid Sonnenholzer. Es sind Verbindungen zu Menschen, die ihre Partner unglücklich machen, weil sie permanent Streit verursachen und ihre eigenen Bedürfnisse über alles andere stellen. Toxische Beziehungen konsumieren extrem viel Zei t und nehmen den Partner komplett ein.

Nach und nach entfernen sich die Betroffenen von Freunden und Familie. „Ich ging nicht mehr zur Uni, um bei meinem Freund zu sein, aber auch das reichte ihm nicht“, erzählt Julia, die eigentlich immer fleißig und zielstrebig war. „Opfer von toxischen Beziehungen verändern sich und ihr Wertesystem, um den widersprüchlichen Erwartungen ihres Partners zu genügen, was allerdings nie gelingt“, sagt Beziehungsexpertin Tanja Grundmann.

Auswirkungen auf den Partner: „Giftig“ oder einfach nur mies?

Kompromisse und Konflikte gehören zu jeder Partnerschaft, doch in toxischen Beziehungen überwiegen die schlechten Zeiten deutlich. Das raubt den Betroffenen Kraft und Energie. Studien zeigen, dass toxische Verhältnisse sogar psychisch und physisch krank machen können. Auch Julias Umfeld bemerkte nach und nach, dass etwas nicht stimmte: Die zierliche Frau sah übermüdet aus und hatte abgenommen.

Wenn es wieder einmal zu Streit kam, erinnerte sich Julia an die guten Zeiten, krallte sich förmlich an ihren Erinnerungen fest. Sie sagte sich, dass alles wieder gut werden würde. Eben so, wie es am Anfang war. „Ich dachte, ich müsste mich nur mehr bemühen, um diese Beziehung zu retten.“ Dass sie Opfer eines krankhaften, manipulativen Verhaltens geworden war, wollte Julia nicht wahrhaben.

Opfer und Täter: So ticken die Partner einer toxischen Beziehung

„Betroffene in toxischen Beziehungen sind hoch-sensible Personen mit einem hohen Anpassungsdruck“, sagt Expertin Tanja Grundmann, die auf ihrer Seite www.beziehung-in-balance.de Tipps für gesunde Partnerschaften gibt. Besonders empathische Menschen suchen die Schuld stets bei sich und wollen immer mehr geben als zu nehmen. Diese Kombination werde vom toxischen Partner ausgenutzt.

Der legt meist ein egoistisches und empathieloses Verhalten an den Tag. Toxische Menschen sind unzufrieden mit sich selbst und übertragen diese negativen Gefühle auf ihren Partner, anstatt sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen. Sie holen sich bei Anderen das, was ihnen fehlt: Aufmerksamkeit, Kraft und Lebensenergie.

Dabei merken manche gar nicht, wie verletzend ihr Verhalten ist, stellt Therapeutin Sonnenholzer in ihren Beratungen immer wieder fest. Zu ihr kämen hauptsächlich Paare, in denen der Mann die toxische Rolle einnimmt. „Früher wurde es häufig geduldet, wenn der Mann sich so bestimmend und egoistisch verhielt“, sagt Sonnenholzer. Das sei heute zunehmend anders. Vor allem der familiäre und kulturelle Hintergrund der Partner spiele eine Rolle und sei entscheidend für ihr Verhalten in der Beziehung.

Liebe macht blind, toxische Liebe macht sogar abhängig. „Ich konnte es kaum mehr ertragen, neben ihm zu liegen und wollte ihn gleichzeitig einfach nicht verlassen“, sagt Julia. Wie eine Droge, von der sie nur selten high war und von der sie doch nicht loskam. Fast zwei Jahre lang blieb sie die Frau an der Seite ihres toxischen Partners. Erst als sie Freunde und Familie in ihre Sorgen einweihte, kam sie langsam los. „Sie haben mir die Augen geöffnet.“

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Ein großes Problem besteht darin, dass Opfer toxischer Beziehungen ihren Freundeskreis oft vernachlässigen und daher nur schwer auf ein soziales Netz zurückgreifen können, wenn sie sich für eine Trennung entscheiden. „Es ist wichtig, alte Freundschaften wieder zu aktivieren und sich anzuvertrauen“, sagt Expertin Grundmann. Freunde sollten die Betroffenen zwar bei der Trennung unterstützen, jedoch niemals Druck ausüben oder ungeduldig werden.

Sätze wie „Trenn dich endlich“ bringen laut der Expertin rein gar nichts. Wichtig sei es vor allem, den Menschen die Liebe entgegen zu bringen, die sie beim toxischen Partner so verzweifelt suchen und doch nie bekommen werden. Auch eine Psychotherapie kann dabei helfen, die negativen Ereignisse aufzuarbeiten und das Selbstwertgefühl zu stärken.

Trennung: Wie kann man eine solche Albtraum-Beziehung beenden

„Betroffene müssen beginnen, sich wieder selbst zu spüren und die eigenen Grenzen und Bedürfnisse wahrzunehmen“, sagt Expertin Gutmann. Da sich die Opfer oft jahrelang nur um die Gefühle des Anderen gesorgt haben, kann das sehr schwer sein.

Auch Julias Trennung war nicht leicht: Ihr Ex-Partner akzeptierte den Schlussstrich nicht, fuhr immer wieder zum Haus ihrer Eltern, drohte gar damit, sich umzubringen. Das sei typisch für das Ende solcher Beziehungen, meint Grundmann: „Toxische Partner können Trennungen kaum akzeptieren. Sie sind es nicht gewohnt, ihren Willen nicht zu bekommen.“ Doch dank der Unterstützung ihrer Familie und ihrer Freunde schaffte es Julia, stark zu bleiben und der Albtraum-Beziehung endlich ein Ende zu bereiten.

Heute kann sie kaum glauben, was sie sich damals gefallen ließ. Ihren Ex-Partner hat sie nie wieder gesehen, dafür viel und ausgiebig über ihre Erfahrungen gesprochen. „Das hilft“, sagt Julia. Inzwischen kann sie wieder vertrauen und hat verstanden: „Eine Beziehung muss mir gut tun. Und zwar nicht nur hin und wieder.“

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