Ermittlungen

Kinder sollen in Waldorf-Kita misshandelt worden sein

In einem Waldorfkindergarten in Schleswig-Holstein soll es zu Misshandlung von Kindern gekommen sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

In Schleswig-Holstein sollen mehrere Kinder in einer Waldorf-Kita misshandelt worden sein. Eltern berichten davon, dass ihre Kinder seitdem unter Ängsten leiden. (Symbolbild)

In Schleswig-Holstein sollen mehrere Kinder in einer Waldorf-Kita misshandelt worden sein. Eltern berichten davon, dass ihre Kinder seitdem unter Ängsten leiden. (Symbolbild)

Foto: Juanmonino / iStock

Berlin. Die Krippenbettchen waren scheinbar liebevoll bezogen, die Möbel und die Atmosphäre gemütlich und kindergerecht. Die Einrichtung erschien Vera Berg* (36) wie ein harmonischer Ort fernab vom Alltag. „Es war der begehrteste Kindergarten im Ort. Ich wollte für mein Kind das Beste.“ Berg hätte „alles getan“, wie sie sagt, um ihren Sohn in dem Waldorfkindergarten in ihrer Kleinstadt in Schleswig-Holstein anmelden zu können – eine Hoffnung, die wohl sehr viele Eltern nachvollziehen können.

Tatsächlich erfolgte wenig später der Anruf: Ein Platz sei frei. Die Mutter zweier Kinder freute sich. Ihr Zweijähriger sollte schon im kommenden Herbst anfangen können. Elterndienste und zusätzliche Gebühren waren ab da für die Familie keine Belastung, sondern jede Mühe, jeden Cent wert.

Das war im Winter 2014, heute erheben Vera Berg und ihr Mann schwere Vorwürfe gegen die Einrichtung und erstatteten Anzeige bei der Polizei.

Waldorf-Kita: Vorwürfe wegen Misshandlung – Das Wichtigste in Kürze:

  • In einem Waldorfkindergarten in Schleswig-Holstein gibt es Vorwürfe wegen Kindesmisshandlung
  • Eltern hätten bei ihren Kindern auffälliges Verhalten festgestellt
  • Sie erstatteten Anzeige, die Staatsanwaltschaft ermittelt

Kinder sollen auf Toilette festgehalten worden sein

Denn wie sie nach zwei Jahren von einer Erzieherin und anderen Eltern hören musste, wurden im Alltag Kinder gegen ihren Willen zum Toilettengang gezwungen. „Ich musste erfahren, dass die Kinder teilweise von zwei Erziehern an Händen und Füßen festgehalten wurden und über 30 Minuten trotz Gegenwehr und Schreien auf dem Toilettensitz festgehalten wurden.“

In anderen Fällen seien Kinder isoliert worden und ohne Jacke und Mütze in die Winterluft herausgestellt worden. Auch sollen Kinder bis zur Erschöpfung durch die Halle oder den Garten der Einrichtung gezogen worden sein, obwohl sie weinten und sich wehrten.

Inzwischen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Lübeck im Zusammenhang mit dem Waldorfkindergarten wegen des Verdachts der Misshandlung Schutzbefohlener zum Nachteil von sechs Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren. „Der Leiterin (Name der Redaktion bekannt) der Kindertagesstätte sowie fünf dort als ErzieherIn angestellten Personen wird eine Misshandlung Schutzbefohlener zur Last gelegt“, erklärt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Ulla Hingst.

Mutter sieht Kita als Grund für Ängste ihres Sohnes

Dass ihr Sohn solchen Zwangsmaßnahmen im Kindergarten ausgesetzt war, darin besteht für Vera Berg heute kein Zweifel. „Die Leitung der Kita nahm die Sauberkeitserziehung immer sehr ernst und erklärte mir, ich solle mit meinem Sohn auch zuhause alle Viertelstunde in der Phase des Trockenwerdens auf Toilette gehen.“

Auch habe die Leitung betont, erinnert sich Berg, dass die Erzieher in der Kita maximal drei Tage brauchen würden, um ein Kind trocken zu bekommen. „Ich hätte ihr alles geglaubt“, sagt sie rückblickend. Und ist verärgert und enttäuscht.

Heute macht im Hinblick auf die mutmaßlichen Vorfälle in der Kita vieles im Verhalten ihres Sohnes für sie Sinn. „Er scheut bis heute auf öffentliche Toiletten zu gehen.“ Auch habe er Angst vor Dunkelheit und bis heute ärztlich bescheinigte Probleme mit seiner Verdauung, erklärt Vera Berg. Mittlerweile hat die Mutter ihren Fünfjährigen in einer anderen Kita untergebracht.

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Tochter weinte, wenn sie morgens zum Kindergarten sollte

Meike Uhl* (39) ist Mutter von drei Kindern und hat ebenfalls Anzeige gegen den Waldorfkindergarten erstattet. Nachdem die Familie im Montessori-Kindergarten keinen Platz bekommen konnte, wendete sie sich an die Einrichtung. „Das Konzept der Erziehung im Waldorf überzeugte uns ebenfalls“, erklärt die Einzelhandelskauffrau. Der Ansatz, das Kind so zu lassen, wie es sei, habe ihr auf dem Informationsabend sehr gefallen. Wenig später danach bekam auch sie einen Anruf. Ein Platz sei frei.

Dass die Leitung des Kindergartens mit „stampfender Energie“ auftrat, wunderte sie zwar, aber schreckte sie nicht ab. Bis auch sie Veränderungen an ihrer mittlerweile sechsjährigen Tochter feststellte, die sie nicht zuordnen konnte.

Zwei Jahre besuchte die Familie die Einrichtung – die Anfangsschwierigkeiten blieben allerdings. „Zunächst dachte ich, es liegt daran, dass mein Kind sehr schüchtern ist.“ Denn schon bald klagte ihre damals vier Jahre alte Tochter über Kopfschmerzen, hatte Verdauungsprobleme. Der Gang zur Kita war jeden Morgen ein Akt der Überzeugung. „Sie weinte jeden Tag und erklärte, dass sie nicht mehr hin will. Sie wollte dort nicht mehr auf die Toilette gehen“, erklärt Meike Uhl.

Mutter von Kita-Leitung entsetzt

Fast täglich grübelte sie über die Ursache, war verunsichert. „Ich hätte alles in Betracht gezogen, nur die Situation im Kindergarten blendete ich lange Zeit aus.“ Auch als sie an einem Tag beim Bringen beobachtete, wie ein Kind „den Flur entlang gezerrt“ wurde. „Irgendwann stand er draußen in der Winterkälte ohne Jacke“, erinnert sich Uhl.

Auch das habe sie ignoriert, das schlechte Gefühl sei jedoch geblieben. „Ich habe bei meiner Tochter an alles gedacht. Wir haben Allergietests durchgeführt, waren bei verschiedenen Ärzten.“ Bis sie im Sommer diesen Jahres in Kontakt mit anderen Eltern kam und von den Vorwürfen erfuhr.

Sofort nahm Uhl ihre Tochter aus dem Kindergarten. „Ich habe das Gespräch gesucht“, erklärt sie. „Stattdessen fand ein klärender Elternabend auf Einladung des Vorstands in Anwesenheit eines Anwalts statt.“ Daraufhin erstatten laut Uhl sechs Eltern Anzeige bei der Polizei. Heute ist die Mutter enttäuscht: „Ich bin entsetzt über die Gleichgültigkeit und die Ignoranz, die einem entgegenschlägt, wenn man versucht, Missstände aufzuklären.“

Der Vorstand des Kindergartens wollte auf eine Anfrage unserer Redaktion „aus Rücksicht auf Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher“ keine Auskunft geben.

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* Name der Redaktion bekannt

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