Digitalisierung

Internet: „Über das Handy werden wir dauerhaft verfolgt“

Christoph Meinel, Direktor vom Hasso-Plattner-Institut, über 50 Jahre Internet, eine ahnungslose Gesellschaft und Gefahren im Netz.

Das Internet wird 50: Eine schöne bunte Welt mit vielen Möglichkeiten, aber auch Gefahren.

Das Internet wird 50: Eine schöne bunte Welt mit vielen Möglichkeiten, aber auch Gefahren.

Foto: Andrew Brookes/Imago / Westend61

Berlin. Das Internet feiert am 29. Oktober 50. Geburtstag. Für den Leiter des Hasso-Plattner-Instituts (HPI), Professor Christoph Meinel, ein besonderer Tag. Nicht nur, weil das Exzellenz-Zentrum für diverse Internetbezogene Studiengänge zeitgleich seinen 20. Geburtstag begeht. Sondern weil das Internet für seine tägliche Arbeit das Rückgrat bildet.

Sie bezeichnen das Internet als Rückgrat der neuen, digitalen Welt. Wie gesund ist dieses Rückgrat?

Es ist sehr gesund, es hat sich millionenfach bewährt. Es entstand zu einer Zeit, als es die heutigen Computer, erst recht Smartphones, noch gar nicht gab. Aber: Die Netzwerktechnologie, die Prinzipien von damals haben mitgehalten mit der Entwicklung. Noch immer werden Datenpakete verschickt, so wie das mal erdacht wurde. Auch über Grenzen hinweg funktionieren die ursprünglichen Prinzipien wunderbar.

Was waren die wichtigsten Schritte in der Geschichte?

Seit der Erfindung des Internets gab es viele Anwendungen, aber eine war die Killeranwendung, die das Internet zu einem unverzichtbaren Bestandteil unsere Lebens werden ließ: 1989 wurde das World Wide Web von dem Engländer Tim Berners-Lee am Forschungszentrum Cern bei Genf erfunden – also in Europa.

Am Anfang war das sehr technisch, Mitte der 90er dann der entscheidende Schritt zum Massenprodukt: Die Entwicklung eines Browers mit grafischer Benutzeroberfläche, die es Nutzern erlaubte das Web zu nutzen ohne komplizierte Kommandos eingeben zu müssen. Die liefen nun im Hintergrund, vom Nutzer unbemerkt. Das brachte die explosionsartige Entwicklung.

War der Durchbruch des Smartphones ähnlich revolutionär?

Der Durchbruch war der Browser mit Point and Click. Das Smartphone sorgte dann für eine weitere Verbreitung in Bereiche, wo traditionell gar keine Computer stehen. Es war ein wichtiger Schritt bei der Verbreitung des Internets und hat weitere ganz neue Nutzungsmöglichkeiten eröffnet.

Nutzt die Menschheit das Potenzial des Internets, begreift sie es?

Mit dem Internet und der Digitalisierung sind zwei Welten entstanden, die analoge und die digitale. Die Grenze ziehe ich, weil in beiden Welten ganz unterschiedliche Gesetze herrschen. In der digitalen Welt spielen Faktoren wie Zeit, Raum, Gravitation keine Rolle. Ich sende ein Foto ans andere Ende des Planeten, ich schalte mich live in eine Konferenz, all dies, was in der analogen Welt so nicht möglich ist.

Ein wichtiger Unterschied ist auch: Wir haben in tausenden von Jahren erlernt, mit den Gesetzen der analogen Welt umzugehen. Diese gelten aber nicht in der digitalen Welt und wird sind in keiner Weise darauf vorbereitet, uns sicher und vernünftig in der digitalen Welt zu bewegen.

Was zu Problemen führt.

Wir müssen klären, was wir in dieser noch neuen Welt alles machen können und wollen. Wo liegen die Chancen der Digitalisierung und wo liegen die Gefahren. Was für Missbrauchsmöglichkeiten gibt es. Die Wirtschaft, die Bildung, aber auch wir als Privatpersonen profitieren von der Digitalisierung, aber es gibt eben auch die Kehrseite.

Wir beobachten Fake News, Hate Speech, Cyberkriminelle tun ihr schmutziges Werk. Wir sind als Menschheit gefordert, Antworten auf diese neuen Herausforderungen zu finden, auch, weil kein Land da entschieden weiter ist, als andere – wir alle stehen am Anfang.

Wobei es durchaus kritische Stimmen gibt, dass zum Beispiel die Bundesregierung nicht ausreichend agiert. Sehen Sie das auch so?

Richtig ist, dass Länder wie die USA und China mit Begeisterung Neues in der digitalen Welt ausprobieren. Deutschland sieht die Digitalisierung oftmals eher als zusätzliche Last, es gibt mehr Misstrauen als Motivation, Dinge voranzutreiben und auszuprobieren, die neue Welt zu erkunden. Das kann zu einem großen Problem werden: Das ist ein Wettbewerb, den wir schnell verlieren können. Da aufzuschließen, ist schwer.

In der digitalen Welt wirkt es, als seien Regeln der analogen Welt außer Kraft.

In der alten Welt sind die Dinge erprobt, in der neuen müssen Regularien erst entwickelt werden. Die Gesellschaft muss viele neu auftauchende Fragen diskutieren und beantworten: Ist es auf Dauer richtig, dass wir uns anonym durchs Netz bewegen? Wie damit umgehen, das es leicht ist, andere digitale Identitäten zu übernehmen? Wie werden Informationen verbreitet? Müssen die überprüft werden und von wem? Das ist ein Klärungsprozess notwendig.

Gleichzeitig schreitet die Digitalisierung aber sehr schnell voran. Gerichtshöfe, das juristische System, die Polizei – sie alle brauchen viel Zeit für ihr Wirken, sind viel zu langsam für die digitale Welt. Die fortwährenden Entwicklungen und Veränderung dort überholen die Realität immer wieder. Deshalb wäre es sinnvoll, schnell aber nur zeitlich befristet zu regulieren und diese Regulierungen dann immer wieder zu überprüfen und anzupassen.

Die Anonymität aufgeben. Wäre das nicht ein heftiger Eingriff?

Wie immer ist das natürlich ein gesellschaftlicher Verhandlungsprozess. Wo ist die Balance zwischen absoluter Freiheit und fixen Beschränkungen? In der analogen Welt wurde über Jahrtausende eine Balance ausgehandelt. In der digitalen Welt müssen wir das erst erlernen

Schon jetzt sind Menschen bereit, viel zu opfern für ein paar Apps.

Richtig. Wir wollen wissen, wo ein Restaurant ist oder was hinter der nächsten Straßenbiegung kommt. Damit das funktioniert, überlassen wir unserem Handyprovider und den App-Anbietern haargenaue Bewegungsbilder. Eine Verfolgungsjagd in der realen Welt dauert vielleicht mal eine Stunde. Mit dem Handy sind wir im übertragenen Sinne Gegenstand einer dauerhaften Verfolgungsjagd. Rund um die Uhr. Wir sehen einen Vorteil und geben dafür sehr viele Informationen von uns preis. Freiwillig. Das wäre in der analogen Welt undenkbar. Wollen wir das? Auch hier müssen wir die Grenzen finden, die für die Gesellschaft richtig sind.

Glauben Sie, dass die Gesellschaft bereit ist, auf Online-Anonymität zu verzichten?

Wir müssen das auf jeden Fall diskutieren. In der analogen Welt ist das so. Es gibt einen Personalausweis. Weil wir uns identifizieren können müssen. Wenn die Gesellschaft erkennt, dass es gut ist, auch im Internet eine nachvollziehbare Identität zu haben, wird sie es akzeptieren. Aber es gibt natürlich auch Gründe, die für eine Anonymität im Netz sprechen.

Angesichts der Menschen, die das Internet missbrauchen, angesichts bedenklicher Entwicklungen wie Fake News – war die Menschheit reif für das Internet?

Die Frage stellt sich so nicht. Als das Auto erfunden wurde, sind auch Menschen bei Unfällen gestorben. Um das möglichst zu verhindern, wurden Regeln gesetzt, die die technischen Möglichkeiten mit den gesellschaftlichen Anforderungen in Einklang brachten. Das Internet ist weder gut noch böse, es ist neutral. Der Mensch macht es zu etwas Gutem oder etwas Schlechtem. Es ist an uns, auf Fehlentwicklungen zu reagieren. Allerdings gilt das für die digitale ebenso wie für die analoge Welt und es wird immer einen kriminellen Prozentsatz geben.

Wie wichtig ist Aufklärung, wie wichtig ist es, das Wissen, wie Internet funktioniert, tiefer zu verankern?

Schauen Sie auf die Geschichte: Die Zeit nach dem Absolutismus, als die bürgerliche Gesellschaft aufkam, war die Zeit vieler Schul- und Universitätsgründungen. Die Bürger wurden verantwortlich für ihr eigenes Leben und Auskommen und mussten deshalb verstehen, wie die Welt funktioniert. Das galt damals, gilt aber auch heute bezogen auf die neue digitale Welt. Es muss nicht jeder Informatiker sein, aber jeder Mensch braucht ein Grundverständnis des Internets und seiner Funktionsweise, damit er sich auch im Netz eigenverantwortlich und selbstbestimmt bewegen kann.

Auch und vor allem mit Sicht auf Datenschutz?

Ja. Wir sind im Rahmen unseres HPI Identity-Leack-Checker-Services im Netz auf neun Milliarden frei verfügbare Identitätsdatensätze gestoßen: Anschriften, Kreditkartennummern, Passwörter in Verbindung mit der E-Mail-Adresse – und zwar nicht im Darknet, sondern frei zugänglich. Jeder kann die finden und missbrauchen.

Auf unserer Online-Bildungssplattform, OpenHPI, bieten wir regelmäßig kostenlose Kurse zu IT- und Innovationsthemen an. Mehr als 650.000 Menschen sind dort eingeschrieben. Gerade starten wir dort einen Kurs zu 50 Jahren Internet. Im zugehörigen Forum des Kurses werden wir auch mit den Teilnehmern diskutieren, wie das Internet in 50 Jahren aussieht, denn den Menschen ist nicht bewusst, wie viel in der digitalen Transformation noch vor uns liegt.