Serien-Kritik

„Der Report der Magd“: Warum die Buchverfilmung so gut ist

Die Erfolgsserie „Der Report der Magd“, basierend auf dem Roman von Margaret Atwood, läuft auf Tele5. Deshalb ist die Serie so gut.

Elisabeth Moss als Desfred in der Serie „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“.

Elisabeth Moss als Desfred in der Serie „The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd“.

Foto: Tele5 / © 2019 MGM & Relentless Prod., L

Essen. Als Margaret Atwood 1985 ihren Roman „The Handmaid’s Tale“ (Der Report der Magd) veröffentlichte, gab es noch kein Internet, keine Smartphones, keine Video-Plattformen. Über 30 Jahre später aber scheinen ihre Schreckensvisionen einer Zukunft, in der ein Gottesstaat Frauen zu Gebärmaschinen degradiert, immer noch unmittelbar und angsteinflößend wie einst.

Und so entstand aus der literarischen Vorlage der 79-Jährigen beim US-Videoportal Hulu eine Serie, die nicht nur reichlich Emmys abstaubte, sondern auch als erste Video-on-Demand-Serie bei den Golden Globes gewann. Bislang war der Genuss der Serie Amazon- und Telekom-Kunden vorbehalten (auf Entertain TV), nun zeigt Tele5 die erste Staffel – Freitag, 18.10., 22 Uhr.

Elisabeth Moss spielt die Hauptrolle voller Angst, Sehnsucht und Wut

Vor allem eine überragende Elisabeth Moss macht dieses Stück Filmgeschichte zu einem Ereignis. In ihrem Gesicht spiegeln sich die Ängste und Sehnsüchte, der Trotz und die Wut der Magd Desfred, und spätestens nach der dritten Folge fragt man sich ganz ernsthaft: Ob es nicht gelingen könnte, einen Film nur mit diesem Gesicht zu bestreiten, in stundenlanger Großaufnahme, die die ganze Welt in sich trägt in jedem Augenaufschlag, jedem Zucken eines Mundwinkels.

Oder auch: In dem entsetzten Schrei, als ihr die kleine Tochter aus der Hand gerissen wird am Ende einer Hetzjagd im Wald – das Ende ihres Lebens als June, der Beginn ihrer Existenz als Desfred.

Im Gottesstaat Gilead gibt es für Frauen nur wenige, festgelegte Rollen: Die Ehefrauen dienen ihren Männern, die „Martas“ führen den Haushalt, die „Mägde“ bekommen die Kinder – denn nur wenige Frauen sind überhaupt fruchtbar, dank einer namenlosen Umweltkatastrophe. Dann sind da noch die „Tanten“, die Wärterinnen dieses gesamtgesellschaftlichen Gefängnisses.

Ralph Fiennes als zerrissener Machthaber

Grausamkeit, Blut und Tränen gibt es beinahe allzu reichlich (einzelne Folgen sind ab 16); dabei sind die psychologischen Verstrickungen ungleich spannender, in gewissem Sinne sogar brutaler. Desfred kommt in ihre erste Familie, der Hausherr lädt sie (verbotenerweise) in sein Arbeitszimmer – um (verbotenerweise) Scrabble zu spielen.

Hintergrund: Emmys: „Game of Thrones“ stellt eigenen Rekord ein

Ralph Fiennes gibt einen zerrissenen Machthaber, der am eigenen Glauben, am eigenen System zu ersticken scheint. Seine Ehefrau Serena (Yvonne Strahovski) wittert den Treuebruch ebenso wie die Verzweiflung des vermeintlich stärkeren Geschlechts – und ist doch diejenige, die (man unterschätze die Frauen nicht!) das System geschaffen hat.

Desfred verhilft ihrer Freundin zur Flucht

Als auch sie um eine Partie des verbotenen Buchstabenspiels bittet, schlägt ihr Mann ihr den Wunsch ab: „Du kennst die Gesetze.“ Sie entgegnet: „Ja. Ich habe sie mitverfasst.“ Desfred wagt den geheimen Widerstand, sie verhilft ihrer Freundin Moira (Samira Wiley) zur Flucht und beginnt – hier folgt die Serie eng der Vorlage – eine Liason mit dem Fahrer der Familie, Nick (Max Minghella).

Dies scheint im krassen Widerspruch zu stehen mit ihrer äußeren Unterwürfigkeit, die sich zeigt, wenn sie die seltsamen Grußrituale abspult: „Gesegnet sei die Frucht“ – „Möge der Herr uns öffnen“. Oder wenn sie sich in die von brillanter Kamera eingefangenen Massen-Choreografien der Mägde einfügt.

In Rückblenden aber erklärt sich der innere Widerstand einer Frau, die einst Opfer ihrer eigenen Naivität wurde: Und erst aufwachte, als der Staat die Konten aller Frauen sperrte, sie entmündigte. Diesen schleichenden Prozess, in dem sich eine Demokratie verwandelt in eine Diktatur, zeichnet die Serie sehr eindrucksvoll nach – und sehr beängstigend.

Autorin Atwood mit Booker-Preis ausgezeichnet

Am Montagabend wurde Margaret Atwood, die Autorin von „Der Report der Magd“ und „Die Zeuginnen“ , zusammen mit der Autorin Bernardine Evaristo mit dem Booker-Preis ausgezeichnet. Margaret Atwood ist mit 79 Jahren die älteste Booker-Preis-Gewinnerin.

Die 60-jährige Bernardine Evaristo ist die erste schwarze Frau, die mit dem Preis für englischsprachige Literatur ausgezeichnet wurde.

2017 war Atwood mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden.