Literaturkanon

Kritiker Scheck verrät: Das sind die 100 wichtigsten Bücher

Literaturkritiker Denis Scheck spricht über seinen Kanon der wichtigsten Bücher – und erklärt, wer dazu gehört und wer bestimmt nicht.

Denis Scheck moderiert seit 2003 die TV-Sendung „Druckfrisch“

Denis Scheck moderiert seit 2003 die TV-Sendung „Druckfrisch“

Foto: Jörg Gutzeit

Berlin. In seiner Sendung „Druckfrisch“ im Ersten setzt er sich regelmäßig mit neuen Büchern auseinander und spart dabei weder mit Lob noch mit Tadel: Denis Scheck. Jetzt legt der 54-jährige Literaturkritiker seine ganz persönliche Bestenliste vor.

In seinem 480 Seiten starken Buch „Schecks Kanon. Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“, das am 14.10. im Piper-Verlag erscheint, erklärt Scheck, was man seiner Meinung nach gelesen haben muss und warum – von Ovids „Metamorphosen“ über Franz Kafkas Tagebücher bis zu den „Tim und Struppi“-Comics von Hergé.

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Herr Scheck, warum haben Sie einen Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur verfasst?

Denis Scheck: Weil ich aus zahlreichen Lesungen gelernt habe, dass viele Leserinnen und Leser ein starkes Bedürfnis nach Orientierung in der Bücherflut empfinden.

Was waren Ihre Auswahlkriterien und welche Rolle spielten dabei Ihre persönlichen Vorlieben?

Mein Goldstandard ist: Vermag ein Buch meinen Blick auf die Welt dauerhaft zu verändern. Nehme ich nach der Lektüre etwas anders wahr als vorher? Franz Kafka und Samuel Beckett gelingt das zum Beispiel ganz mühelos.

Warum haben Sie auf einige der üblichen Kandidaten wie Benn, Ibsen oder Christa Wolf verzichtet?

Weil Christa Wolf eine bestenfalls zweitklassige Autorin war und in einem Kanon der 100 Meisterwerke der Weltliteratur nichts zu suchen hat. Sie hat genau wie Heinrich Böll oder Siegfried Lenz ihre Wirkung in ihrer Gegenwart entfaltet, ein langes Nachleben sehe ich für alle drei nicht. Anders liegt die Sache bei Ibsen und Benn. Beide waren im erweiterten Favoritenkreis für meinen Kanon, mussten aber letzten Ende zugunsten von Autoren wie Lu Xun, Ngũgĩ wa Thiong’o oder Sei Shōnagon weichen, weil ich einen weniger eurozentristischen Blick auf den Kanon wagen wollte.

Haben Sie alle 100 der von Ihnen empfohlenen Bücher für diesen Kanon noch einmal gelesen, darunter auch so sperrige Werke wie „Zettel’s Traum“ von Arno Schmidt?

Die zwei Jahre, die ich an diesem Buch arbeiten durfte, zählen zu den glücklichsten in meinem Leserleben. Und Arno Schmidts kalauerträchtigen Großroman habe ich mir seit meinem ersten Lektüredurchgang mit 15 schon mehrfach wieder vorgenommen. Mit diesen Werken verhält es sich wie mit Tafelsilber: Sie glänzen umso stärker, je mehr sie in Benutzung sind.

Warum haben Sie auch Kinderbücher und Comics in Ihren Kanon aufgenommen?

Mir geht es um einen „wilden“ Kanon für das 21. Jahrhundert, der die durch die Nationalphilologien im 19. Jahrhundert errichteten Sprachgrenzen überwindet und auch die Grenzen zwischen den Genres einreißt. In meiner Bibliothek stehen Comics, Science-Fiction- und Fantasy-Romane, Sachbücher und Kinderbücher neben Goethe und Joyce.

Sie stellen Agatha Christie in eine Reihe mit William Shakespeare und Jules Verne mit Thomas Mann – ist das überhaupt zulässig?

Gegenfrage: Wer sollte es mir verbieten? J.R.R. Tolkien, der Autor von „Der Herr der Ringe“, sagte mal, die einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind die Gefängniswärter. In Deutschland wimmelt es immer noch von solch literarischen Gefängniswärtern, getarnt als Lehrer, Professoren, Kritiker. Shakespeares Globe Theatre musste sich im London seiner Zeit gegen populäre Amüsierbetriebe wie Tierhatz­arenen und Bordelle behaupten. Steigen wir also vom hehren Marmorsockel und stürzen uns ins bunte Leben. Da gehört Literatur hin!

Warum haben Sie auch eher sperrige Texte wie Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ aufgenommen? Das liest heutzutage doch keiner mehr…

Ich bedaure jeden, der sich die beträchtlichen Freuden des „Parzival“ entgehen lässt. Eschenbach heute zu lesen, ist nicht nur ein ästhetisches Vergnügen, sondern auch von enormer politischer Relevanz – denken Sie nur, wie entspannt er von Parzivals schwarzem Halbbruder Feirefiz erzählt.

Richtet sich Ihr Kanon nur an Bildungsbeflissene oder auch an die breite Masse der Leser?

An alle, die wach und neugierig bleiben möchten. Ich bin kein Lordsiegelbewahrer literarischen Geheimwissens, biedere mich als Kritiker aber auch nicht an. Auf die Auszeichnung als Mitarbeiter des Monats im Literaturbetrieb lege ich keinen Wert.

Warum lesen Erhebungen zufolge immer weniger Leute Romane?

Weil das Schöne schwindet und der Scheiß bleibt. Im Ernst: Was Statistiken angeht, liegen mir da andere Zahlen vor. In absoluten Zahlen gibt es heute enorm viel mehr Leserinnen und Leser als in meinem Geburtsjahr 1964. Nicht zu lesen ist genauso unappetitlich wie sich nicht die Zähne zu putzen. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, mit einem Menschen, der nicht liest, ins Bett zu gehen. Wenn wir es alle so halten, ist das Problem bald gelöst.

Was verpassen die Nichtleser denn?

Das Leben.

Warum lesen mehr Frauen als Männer?

Weil Frauen klüger sind.

Unter den von Ihnen gelisteten Autoren sind auffallend viele Frauen. Haben Sie damit auch ein bisschen dem Zeitgeist Genüge getan?

Das hat weniger mit Zeitgeist als mit Aufklärung zu tun. Dass der erhebliche Anteil von Frauen an der Literatur bislang zu wenig anerkannt wurde, wird wohl nur der verstockteste Literaturchauvinist bestreiten. Aber natürlich darf man 3000 Jahre Literaturgeschichte nicht einfach umschreiben, um Geschlechtergerechtigkeit herzustellen.