Autorin

„Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen“

Anna Schatz wünscht sich ein Baby. Sie spricht über ihre Sehnsucht, Eizellen-Tourismus und warum sie die „glücklichen Mütter“ nerven.

Auf den ersten Blick sieht alles gut aus: Die Autorin Anna Schatz mit Hund Fiene in ihrer Wohnung. Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Auf den ersten Blick sieht alles gut aus: Die Autorin Anna Schatz mit Hund Fiene in ihrer Wohnung. Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Foto: Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Hamburg. Anna Schatz will seit vielen Jahren ein Kind bekommen. Drei Mal wird sie schwanger - drei Mal erleidet sie eine Fehlgeburt. Inzwischen ist sie 37 Jahre alt und hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben. Eine künstliche Befruchtung kommt für sie nicht in Frage, erzählt sie. Somit läuft die Zeit ab, weil ab Ende 20 die Fruchtbarkeit der Eizellen einer Frau mit jedem Jahr weiter abnimmt.

„Ich verstehe jede, die alle Möglichkeiten ausschöpft, Mama zu werden, nur ich selbst will der Natur nicht mehr ins Handwerk pfuschen. Wenn ich immer weitergehe, wo ist denn dann die Grenze?“ fragt sich Schatz. „Wir Frauen, die wir uns erfolglos Kinder wünschen, haben keine Lobby. Wir sind die Spaßbremsen jeder Party, zusammen mit den unfreiwilligen Singles.“

Kinderwunsch ungewollt unerfüllt - Das Wichtigste in Kürze:

  • Anna Schatz ist ungewollt kinderlos
  • Drei Mal wurde sie bereits schwanger, drei Mal waren es Fehlgeburten
  • Eine künstliche Befruchtung lehnt sie ab
  • Sie hat ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben

Fiene ist süß. Doch sie ist kein Kind: Anna Schatz’ Dogge drückt sich an ihre Beine. Sehr durchtrainierte Beine, drei Runden um die Alster jede Woche. Frustkilometer. Früher waren es manchmal 300 Kilometer pro Monat, die die Hamburgerin rannte, um sich abzulenken. Doch trotz dieser langen Strecke hat Anna Schatz ihr großes Ziel immer noch nicht erreicht: ein Baby zu bekommen. Wie weit wird sie noch gehen müssen?

„Mein Körper hat bislang immer Nein gesagt, ich hoffe sehr, dass er irgendwann Ja sagt“, sagt Anna Schatz, isst dabei eine Zimtschnecke und trinkt einen Kaffee. Wer sie trifft, der denkt: eine so nette Frau. Die wäre eine gute Mutter.

Kinderwunsch: Wie lange soll man warten?

Doch dieser Konjunktiv gilt für jede Frau, nicht jede kann und darf sich beweisen. Und dann kommt die Traurigkeit, das Gefühl, dass da jemand fehlt, den man zwar nicht kennt, der aber ganz unbedingt zu einem gehört. Doch wo bleibt er nur? Wie lange soll man auf diese geliebte Person noch warten?

Der Kinderwunsch brülle so laut in ihr, dass ihr manchmal Hören und Sehen vergehe, gibt Anna Schatz zu. Und manchmal kann kein Trost mehr helfen, da bleibt dann nur Einsamkeit – egal, wie viele Leute gerade um einen herumwuseln.

Sehnsucht nach einem Baby ist manchmal unerträglich

Unfreiwillig ist das Wort, das den Unterschied macht. In Anna Schatz’ Abiturjahrbuch stand unter den Rubriken „Als Erste verheiratet“ und „Als Erste schwanger“ ihr Name. Das mit der Heirat hat Schatz zwar geschafft, sie kam mit 28 Jahren unter die Haube, mit 29 wurde sie allerdings schon wieder geschieden.

Eine Katze zog in ihren Haushalt, doch die starb nach einem halben Jahr: „Ich habe einfach kein gutes Händchen für Lebewesen.“ Autsch. Anna Schatz’ Ehrlichkeit überrascht einen manchmal eiskalt, da ist viel Wut, viel Leid, viel Selbsterkenntnis.

Die Autorin, die früher eine eigene Buchhandlung führte, hat ein Buch über ihr Leben mit unerfülltem Kinderwunsch geschrieben, es heißt: „Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen“ (Rowohlt Verlag). Es fällt Schatz leicht, über die Hochglanzmütter herzuziehen, die scheinbar eine „Vorfahrts-Kinderwagenspur“ benutzen, die jedes Café in einen Parkplatz verwandeln, die in der Kita schon Chinesischunterricht für ihren Nachwuchs ordern.

Babywunsch: Wenn Paare ungewollt kinderlos bleiben, aber glücklich sind

Natürlich wisse sie, dass diese Frauen in Wirklichkeit wahrscheinlich total nett seien, erklärt die Nicht-Mama: „Aber ich brauche ein Feindbild, sonst halte ich die Sehnsucht nicht gut aus.“ Bei Liebeskummer heilt die Zeit alle Wunden. Die Sehnsucht nach einem Kind jedoch wird mit jedem Zyklus, in dem es wieder mal nicht geklappt hat, unerträglicher. Sehnsucht an sich ist ja schon eines der intensivsten Gefühle überhaupt, doch wenn sie nie erfüllt wird, dann kann sie einem das Genick brechen bzw. das Herz.

Der schlimmste Monat sei der Mai, berichtet die Sehnsuchts-Frau. Da begegne sie einer Schwangeren nach der anderen, sobald sie das Haus verlasse. Bei einer Hamburger Eisdielenkette gibt es sogar Rabatt, wenn man seinen Mutterpass vorzeigt. „Aber Kinderwunschrabatt oder Trostrabatt für Singles? Fehlanzeige. Ich fühle mich diskriminiert.“

Am schlimmsten ist die fehlende Empathie der anderen

Am schlimmsten empfindet Schatz jedoch die fehlende Empathie der Mitmenschen. Was musste sie sich nicht alles anhören: „Wieso klappt es bei dir denn nicht so wie bei deinem Bruder?“ „Du hast kein gebärfreudiges Becken.“ „So lebt halt jeder seinen eigenen Egoismus.“ Nach solchen Anschlägen kann man eigentlich nur noch heulend zusammenbrechen. Tat Schatz auch, auf ihrem Küchenfußboden.

Mit ihrem neuen Partner lebt Schatz seit drei Jahren gemeinsam in Winterhude. Das Paar hat viele Freiheiten, kann Reisen in die Karibik buchen (mit Reiserücktritt für den Fall eines positiven Schwangerschaftstests, versteht sich) oder spontan zu einer Feier gehen und trinken bis zum Umfallen. Allein, was bringt einem das, wenn man etwas anderes will? Wenn man lieber entnervt, übermüdet und mit fettigen Haaren Milchfläschchen anrühren möchte?

„Kannst du ihr nicht endlich ein Kind machen!“, sagte ein sehr unsensibler Freund mal zu Annas Partner, und auch dessen Vater erklärte bereits, er würde die beiden viel häufiger besuchen, wenn es ein Enkelkind gäbe. Druck. Hilft ungemein beim Nachwuchszeugen.

Das ist Anna Schatz:

  • Anna Schatz ist Autorin und lebt in Hamburg
  • Sie hat das Buch „Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen“ geschrieben
  • Darin beschreibt sie, wie es sich anfühlt ungewollt kinderlos zu sein

Das Buch schrieb Schatz als eine Art Therapie, weil sie ansonsten eine Verdrängerin sei, aber vor allem, um eine Diskussion in Gang zu setzen, um den Kinderwunsch-Frauen endlich eine Lobby zu geben. Ihrer Meinung nach sollten Mitmenschen nicht nur auf Schwangere Rücksicht nehmen, sondern auch auf unfreiwillig Nicht-Schwangere. „Von der Resonanz auf mein Buch wurde ich überrannt, ich wollte mich gar nicht auf eine Bühne stellen, aber da bin ich nun“, sagt sie, die sich nun endlich nicht mehr alleine mit ihrem Problem fühlt.

Debatte um Sozialbeiträge und Gerechtigkeit: Zahlen Kinderlose zu wenig?

Angeblich haben 20 Prozent aller deutschen Frauen im gebärfähigen Alter einen unerfüllten Kinderwunsch, doch diese Zahl ist nicht wissenschaftlich fundiert, erklärt der Reproduktionsmediziner Frank Nawroth vom Facharzt-Zen­trum für Kinderwunsch, Pränatale Medizin, Endokrinologie und Osteologie in der Barkhofpassage.

Hälfte der Eizellen ist mit 40 nicht mehr in Ordnung

Der Arzt behandelt seit 1992 Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, ihr Alter nimmt immer weiter zu, was ihre Chancen mindert, denn die Fruchtbarkeit nimmt ab Ende 20 immer weiter ab. „Zeit bekommt eine andere Dimension, wenn Sie schwanger werden wollen. Es spielt schon eine Rolle, ob Sie 36 oder 38 Jahre alt sind“, erklärt Nawroth. „Mit 40 ist die Hälfte der Eizellen, die heranreift, nicht mehr in Ordnung.“ Was wiederum die hohe Fehlgeburtsrate in dem Alter erklärt.

Der Gynäkologe berät und untersucht durchschnittlich 20 Frauen am Tag und hält Vorlesungen, bei denen er auch den Studenten immer wieder erklärt, dass es eben nicht normal sei, wenn ein Popstar mit Ende 40 zum ersten Mal Mutter wird.

„Dabei handelt es sich um eine Eizellenspende, das steht in den Zeitschriften dann leider nicht und weckt falsche Hoffnungen,“ so Nawroth. Seitdem Schatz nicht mehr dokumentiert, wann sie Sex hat oder welche Menstruationsbeschwerden an welchen Tagen mit welcher Temperatur auftreten, sie alle Kinderwunsch-Foren verließ und FitforFamily-Apps löschte, ist sie gelassener geworden.

In Kinderwunschkliniken spielen sich Dramen ab

Aber nicht schwangerer. „Schwanger ist ein nicht steigerungsfähiges Adjektiv“, weiß Schatz. Natürlich kennt sie die Kinderwunsch-Kliniken in Hamburg, sie hat die Dramen, die sich dort abspielen, vor ihrem Auge. Paare, die aufrecht und mit Hoffnung hineingehen. Und Paare, die schnellen Schrittes das Gebäude verlassen. Sie fängt an zu weinen, er will trösten, doch sie erträgt seine Nähe nicht. Schmerz braucht Distanz, wenn er zu groß und einnehmend wurde. Oder Männer, die alleine vor der Tür warten, weil der Geliebten Blut oder Eizellen abgenommen oder Hormone gespritzt werden.

Bei einer Klinik ist ein Juwelier gleich nebenan, er verdient viel Geld mit der unerfüllten Sehnsucht, denn die zum Nichtstun verdammten Männer kaufen dann irgendeinen Schmuck zum Trost. „Dabei braucht ihre Frau etwas anderes, wenn sie in der Klinik ist, um nach einer Fehlgeburt eine Ausschabung über sich ergehen oder sich sagen zu lassen, dass die In-vitro-Fertilisation fehlgeschlagen ist. Sie will kein Gold, sie will ein Kind“, sagt Anna Schatz.

Baby: So kann der Kinderwunsch auf Umwegen erfüllt werden

Ohnehin kosten solche Behandlungen sehr viel Geld. „Die Ergebnisse bei künstlichen Befruchtungen sind am besten, sie sind aber auch die aufwendigsten“, erklärt Kinderwunsch-Experte Nawroth. Manche Kassen übernehmen drei Versuche, für Selbstzahler kostet eine IVF je nach Medikamentengebrauch um die 4000 Euro. Das klingt sehr viel, verglichen mit den USA ist es in Deutschland jedoch geradezu günstig, sich künstlich befruchten zu lassen. Da wird man allein für die Diagnostik schon 15.000 Dollar los. Doch das spielt für viele Paare keine Rolle, in der Not bezahlen sie alles, sogar vollkommen unsinnige Behandlungen.

Die Not der Frauen wird oft ausgenutzt

Die Hoffnungen der Kinderwunsch-Frauen würden ausgenutzt, findet Anna Schatz. In der Tat handele es sich um einen großen Markt, bei dem jede Betroffene genau schauen müsse, was Erfolg verspricht und was nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen empfohlen wird, erklärt Frank Nawroth: „Ich bin sehr wissenschaftlich orientiert. Wenn etwas nicht nutzt, dann werde ich es nicht machen. Die Hoffnungen, die ich wecke, will ich rechtfertigen können.“

Eine Million Deutsche sind auf künstliche Befruchtung angewiesen: Was Sie darüber wissen sollten

Die Kosten waren nicht der Grund, weshalb künstliche Befruchtung für Schatz und ihren Partner, den sie den „besten Mann von allen“ nennt, nicht infrage kommt. „Ich verstehe jede, die alle Möglichkeiten ausschöpft, Mama zu werden, nur ich selbst will der Natur nicht mehr ins Handwerk pfuschen. Wenn ich immer weitergehe, wo ist denn dann die Grenze?“ fragt sich Schatz. Bei einer erneuten Schwangerschaft würde sie sich zwar hormonell unterstützen lassen, aber sie fährt nicht nach Polen oder Tschechien, um sich befruchtete Eizellen von einer anderen Frau in die Gebärmutter einsetzen zu lassen. Das geht dort nämlich, in Deutschland ist es verboten. Eizellentourismus.

„Mir tun die Frauen leid, die so weit gehen müssen. Wir sollten unser Adoptionsgesetz überdenken. In einer Gesellschaft, in der die Frauen immer später Kinder bekommen, sollte es auch erlaubt werden, später zu adoptieren.“ Zurzeit gibt es eine Begrenzung auf einen maximalen Altersunterschied zwischen Kind und Adoptionseltern von vierzig Jahren.

Für Anna Schatz und ihren besten Mann von allen ist dieser Zug abgefahren. Ob sie eine Sehnsuchtsfrau bleiben oder doch noch Mutter werden wird? Sie weiß es nicht. Aber sie möchte weiterhin auch von Freunden, die jetzt eine Familie haben, eingeladen und nicht ausgestoßen werden wie jemand mit einer ansteckenden Krankheit: „Ich brauche kein Mitleid, aber bitte auch keine guten Ratschläge mehr.“

Dieser Artikel ist zuerst auf abendblatt.de erschienen.