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Für Julianne Moore ist Gloria „Ein Film über Gleichheit“

Julianne Moore ist im Film Gloria zu sehen – einem Remake. Im Interview erzählt sie, warum es im Kino oft mehr Sex geben sollte.

Julianne Moore berichtet darüber, wie es war, ein Remake zu drehen.

Julianne Moore berichtet darüber, wie es war, ein Remake zu drehen.

Foto: a24

London. Auf der Berlinale vor sechs Jahren gab es wohl niemanden, der aus Sebastián Lelios „Gloria“ nicht mit einem Lächeln und dem Ohrwurm „Gloria“ aus dem Kino herauskam. Der chilenische Regisseur hat seinem eigenen Film jetzt ein amerikanisches Remake verpasst. Mit Julianne Moore in der Hauptrolle, einer Frau Mitte fünfzig, die sich nach ihrer Scheidung noch einmal mitten ins Leben wirft.

Zum Interview in London kommt sie bestens gelaunt und pfeifend ins Hotelzimmer und lüftet erstmal durch. Anna Wollner sprach mit der 58-jährigen Schauspielerin.

Um direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Ist die Sexualität von Frauen über 50 in Hollywood ein Tabu?

Julianne Moore: In Hollywood ja, für mich persönlich nicht. Allerdings hat das Fehlen von Sex im Kino mit jedem Alter zu tun.

Warum?

Moore: Ich habe keine Ahnung – aber ich bedauere es zutiefst. Denn darum geht es im Kino doch oft. Um die großen Gefühle. Und da gehört Sex für mich eigentlich dazu. Aber immer, wenn es um die Liebe geht, steht im Kino ein Paar im Vordergrund. Oder gleich eine ganze Familie.

Bei Gloria ist das zum Glück anders.

Moore: Ja, und das ist ein tolles Geschenk. Wir haben uns hier viel Mühe gegeben nah an der Wahrheit zu bleiben, an der Lebensrealität einer mittelalten Frau mit Falten. Oder besser gesagt nah an der Wahrhaftigkeit. Wir wollten nicht nur real sein, sondern in erster Linie menschlich.

Was hat Sie am Original-Film so begeistert, dass Sie sich auf ein Remake eingelassen haben?

Moore: Es ist wohl die Art und Weise wie Regisseur Sebastián Lelio auf die Welt blickt. Er verurteilt seine Figuren nicht. Den neuen Freund von Gloria zum Beispiel, gespielt von John Turturro. Ich will einfach, dass ihre Beziehung funktioniert, dass Gloria endlich Glück in der Liebe hat. Aber er ist einfach nicht bereit dazu, sich von seiner Familie zu trennen. Das heißt aber nicht, dass er es nicht versucht. Und wie Sebastián Lelio diesen Mann beobachtet, ist sehr zärtlich. Er hat zu seinen Figuren einen sehr empathischen Zugang. Und großartigen Humor. Er ist nie schonungslos. Das Original trifft genau den Ton, den ich sehen will, wenn ich selbst ins Kino gehe.

Haben Sie etwas von Gloria gelernt?

Moore: Oh ja, eine Menge. Von ihrer Impulsivität hätte ich mir gerne eine Scheibe abgeschnitten. Sie ist furchtlos. Ich dachte oft schon beim Lesen des Drehbuchs „Oh nein, tu das nicht“. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie beschützen muss. Aber das ist natürlich Quatsch. Weil sie so ist wie sie ist, ist sie sehr präsent.

Ist „Gloria – Das Leben wartet nicht“ ein feministischer Film?

Moore: Für mich ist die Definition von Feminismus ganz klar: eine Frau oder ein Mann, die an Gleichberechtigung glauben. Sozial und wirtschaftlich. Insofern ist „Gloria“ ein feministischer Film. Weil es eben auch ein humanistischer Film ist. Ein Film über Gleichheit für Alle.

Das Leben zieht einfach so an einem vorbei – eine Weisheit, die Ihre Figur Gloria im Film sagt. Wie halten Sie das Leben fest?

Moore: Das ist hart. Nicht nur für mich. Ich versuche einfach präsent zu sein, meiner Umwelt zu zeigen, dass ich da bin. Ich habe neulich online die „New York Times“ gelesen und festgestellt, dass selbst dort die Überschriften sehr nach „Clickbait“ klingen. Alle provozierend und wütend. Ich musste meinen ersten Impuls unterdrücken, alle Artikel auf einmal lesen zu wollen. Ich bin fast darauf reingefallen. Aber ich wusste, dass sie mich nur ködern wollen, um Clicks zu sammeln. Es braucht viel Selbstbeherrschung, nicht alles zu nah an sich herankommen zulassen. Ich lese mittlerweile sogar wieder lieber analog, habe ein richtiges Buch in der Hand und nicht ein Tablet. Ich versuche mich auf die Gegenwart zu konzentrieren.

Welches Buch liegt auf ihrem Nachttisch?

Moore: „Wie sollten wir sein“ von Sheila Heti.

Wenn Sie lieber analog als digital lesen – sind Sie so kulturpessimistisch und würden sagen, Netflix sei das Ende von Hollywood?

Moore: Ich würde Netflix da nicht allein für verantwortlich machen. Die Welt und auch Hollywood hat sich allein schon durch die Erfindung des Internets verändert. Wir erleben einfach eine Welt im Umbruch. Ich habe 2002 meine allererste E-Mail geschrieben. Das ist zwar noch gar nicht so lange her, aber ich muss zu meiner Verteidigung auch sagen, dass ich eine Spätzünderin war. Um jetzt aber auf Netflix zurückzukommen. Wir haben miterlebt, wie das Fernsehen Hollywood beeinflusst hat, wir haben miterlebt wie die Musikindustrie von Streamingdiensten aufgemischt wurde, dann kam das Bezahlfernsehen und jetzt eben Streaming. Alles ist eben im Fluss.

Hollywood befindet sich nicht nur wegen des wachsenden Streamingangebots im Umbruch, sondern auch durch die #metoo-Debatte. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr?

Moore: Das ist eine gute, nein eine sehr gute Sache.

Passiert denn wirklich etwas?

Moore: Oh ja. Nicht nur in Hollywood. Sondern in der ganzen Welt. Am Set nehme ich wahr, dass die Leute viel respektvoller miteinander umgehen. Es gibt kaum noch raue Umgangssprache oder körperliche Übergriffe. Ich glaube, Frauen haben viel hingenommen und Dinge über sich ergehen lassen. Es abgetan, dass es halt immer schon so war. Jetzt gibt es ein Bewusstsein dafür. Sie haben den Mut, Nein zu sagen. Das ist gut. Und wichtig.