Leipzig

Schweinefleisch in Kitas: Drohungen gegen Einrichtungen

Zwei Kitas in Leipzig wollten Schweinefleisch vom Speiseplan nehmen. Das Echo war groß. Die Einrichtungen erhielten deswegen Drohungen.

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Leipzig. Die Leipziger Kitas, die angekündigt hatten, auf Schweinefleisch verzichten zu wollen, haben Drohungen erhalten. Diese seien von der Kita-Leitung angezeigt worden, sagte ein Polizeisprecher. Die Beamten ermitteln.

Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) veröffentlichte auf Facebook eine Dokumentation der Androhungen, die die Einrichtungen nach seinen Angaben erreicht haben. „Ich bin sprachlos“, teilte Jung mit. Demnach gingen weit mehr Drohungen gegen die Kitas ein, als er veröffentliche.

Die Einrichtungen werden von einem freien Träger betrieben. Der aus Rücksicht auf andere Kulturen geplante Schweinefleisch-Verzicht hatte eine umfassende Debatte ausgelöst. Auch beim Presserat gingen Beschwerden ein.

Schweinfleisch-Verzicht: Kita rückte nach Kritik von Vorstoß wieder ab

„Den Untergang des Abendlandes und Gefahr für unsere aufgeklärte Freiheit geht nicht von denen aus, die aus welchen Gründen auch immer eine andere Ernährungskultur haben, als es am tradierten deutschen Stammtisch üblich ist, sondern von denen, denen jeglicher moralischer Kompass und der Anstand verloren gegangen ist“, schrieb Jung auf Facebook.

Die Betreuungseinrichtungen in Leipzig hatten vergangene Woche angekündigt, kein Schweinefleisch mehr auf den Speiseplan zu setzen. Zudem wolle man auf Gelatine in Süßigkeiten bei Feiern verzichten, so die Idee.

Nach einer massiven öffentlichen Debatte nahmen die Einrichtungen von der Speiseplanänderung wieder Abstand. Zugleich äußerte der Leiter der Kitas, Wolfgang Schäfer, sein Unverständnis über die Aufregung. Denn die Mehrheit der Eltern habe die Entscheidung begrüßt.

Kein Schweinefleisch mehr für zwei Leipziger Kitas – der Streit in Kürze

  • Zwei Kindertagesstätten in Leipzig wollten zukünftig auf schweinhaltige Produkte verzichten
  • Schnell gab es Proteste – viele sahen sich beziehungsweise ihre Kinder in der Freiheit beschnitten, alles essen zu können
  • Die Kita-Leitung reagierte auf des mediale Echo und nahm den Plan vorerst zurück
  • Die Polizei ermittelt inzwischen wegen zahlreicher Drohungen gegen die Kitas
  • Das Skurrile an der Diskussion: In vielen Kitas wird kaum Schweinefleisch verzehrt
  • Der Zentralrat der Juden sieht ein Verbot als zu viel des Guten
  • Den Zentralrat der Muslime besorgt die Empörungswelle – vor allem im Vergleich mit anderen Entwicklungen in der Gesellschaft

Die Beschwerden, die beim Presserat eingingen, beziehen sich auf Berichte der „Bild“-Zeitung. Beklagt würden Sorgfaltsmängel in der Berichterstattung sowie eine unangemessene, tendenziöse und hetzerische Darstellung, teilte das Selbstkontrollorgan der Presse vergangenen Freitag in Berlin mit. Ob und wann die Beschwerden dem Beschwerdeausschuss vorgelegt werden, entscheide sich nach ihrer Prüfung in der nächsten Woche.

„Bild“ hatte am Dienstag über die Leipziger Kitas berichtet. Am Mittwoch dann titelte das Boulevardblatt: „Keine Gummibärchen, kein Schnitzel, kein Osterfest – Kniefall vor den Falschen“.

Unter anderem schrieb „Bild“ über eine der Einrichtungen: „Schweinefleisch und Gummibärchen sollten künftig tabu sein. Und: Statt Weihnachts- und Ostercafé standen plötzlich nur Ramadan und Zuckerfest auf dem Themenplan der Kita.“

Im Zuge der Schweinefleisch-Debatte hatten Rechtskonservative vor den Kitas demonstrieren wollen, die Protestaktionen aber wieder zurückgezogen. Als Grund gab der Verantwortliche, ein ehemaliger AfD-Mann, die Sicherheit der Kinder an.

Schweinefleisch-Verzicht schlug bundesweit Wellen

Eigentlich war es eine lokale Entscheidung – zwei Kitas in Leipzig wollten künftig auf Schweinefleisch verzichten. Doch anstatt das im Elternrat oder vielleicht noch mit der Lokalpolitik zu debattieren, schlug die Entscheidung bundesweit Wellen, von der CSU bis zur Bundesernährungsministerin hatten viele ganz schnell starke Meinungen.

Ministerin Julia Klöckner (CDU) erklärte der „Bild“: „Alle anderen für die Essgewohnheiten anderer, die auch mal gerne Schweinefleisch essen, in Mithaftung zu nehmen, ist nicht förderlich für ein gedeihliches Zusammenleben“.

In der Debatte haben die jeweiligen Zentralräte der Juden und der Muslime entsprechend vor Überreaktionen gewarnt. „Das Letzte, was wir brauchen, ist Hetze gegen Minderheiten, nur weil in einer Einrichtung über den Speiseplan nachgedacht wird“, hatte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster gesagt.

Der Zentralrat der Muslime thematisierte vor allem die Empörung. „Erstaunlich welch angebliche Rücksichtnahmen erfolgen, obgleich sie nicht mal von Muslimen ausgehen. Und wie die Empörungswelle um ein Vielfaches höher ist als bei den derzeitigen, schrecklichen täglichen Schändungen und Bombendrohungen gegen deutsche Moscheen von mutmaßlich Rechtsradikalen“, erklärte Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland.

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, die selbst Muslimin ist, twitterte: „Wenn Kitas, Schulen und sonstige Einrichtungen lieber vegetarisch statt Fleisch servieren – fine with me. Ich bin nur dagegen, wenn es heißt: aus Rücksicht auf Muslime.“ Gleiche Chancen und „ein Leben ohne Rassismus – das wünschen sich Muslime. Nicht Kitas ohne Schweinefleisch“, schrieb Chebli.

Viele Kitas verzichten längst auf Schweinefleisch

Ganz neu ist der Verzicht auf Schweinefleisch ohnehin nicht. Wie die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ berichtet, verzichten viele Kitas schon länger auf Schweinefleisch – meist aus gesundheitlichen Gründen und erst im zweiten Schritt aus Rücksicht auf kulturelle Bedürfnisse.

Immer wieder gibt es Diskussionen um Fleisch auf den Speiseplänen von Kitas und Schulen – allerdings nicht so sehr aus kulturellen, sondern gesundheitlichen Erwägungen. So mahnte Ernährungsministerin Klöckner zum Kampf gegen Übergewicht bei Kindern, wobei es auch um den Verzehr von Fleisch in Kitas und Schulen ging. Darum verschwinden in vielen Schulen Schnitzel vom Teller.

Doch nicht nur in Kitas scheint es zu oft ungesundes Essen zu geben. Forscher haben untersucht, was Restaurants an Kindergerichten anbieten. Dabei zeigte sich, dass diese Gerichte für Kinder oft ungesünder als McDonald’s sind.

• Hintergrund: Bericht der „WAZ“ zu Schweinefleisch an Kitas (Bezahlinhalt) (dpa/epd/ac)