Tötungsdelikt

Frau vor Zug gestoßen: „Mordlust“ für Expertin kein Tatmotiv

Hat ein Mann in Voerde eine ihm unbekannte Frau aus „Mordlust“ vor einen Rgionalzug gestoßen? Eine Expertin hält das für unglaubwürdig.

Am Bahnhof Voerde wird einer Frau gedacht, die vor einen Zug gestoßen wurde.

Am Bahnhof Voerde wird einer Frau gedacht, die vor einen Zug gestoßen wurde.

Foto: Marcel Kusch / dpa

Voerde.. Ein 28-jähriger Mann aus Hamminkeln soll sich einer offenbar völlig fremden Frau genähert und sie hinterrücks vor einen einfahrenden Regionalexpress geschubst haben. Die 34-jährige Frau, eine Mutter aus Voerde, erliegt noch am Bahnhof ihren schweren Verletzungen. Eine Tat ohne erkennbaren Grund – aus reiner Mordlust, so formulierten es Polizei und Staatsanwaltschaft in einer Mitteilung.

Aber kann ein Mensch eine andere Person überhaupt aus reiner Lust am Töten umbringen? Und hätte die Tat verhindert werden können? Jutta Muysers, ärztliche Direktorin und Leiterin der forensischen Psychiatrie in der LVR-Klinik Langenfeld, beantwortet die wichtigsten Fragen:

Abgesehen vom Fall in Voerde: Was gibt es für mögliche Mordmotive?

„Wenn ein Mensch einen anderen Menschen tötet, gibt es drei Möglichkeiten“, sagt Muysers. „Erstens: Ich kenne die Person und befinde mich mit ihr im Streit.“ Dann handle der Täter entweder aus einem Affekt heraus oder um sich gezielt an seinem Opfer zu rächen. „Zweitens: Jemand hat Alkohol oder andere Drogen konsumiert. Sowas enthemmt“, so Muysers.

Auch bestimmte Gruppenkonstellationen könnten unter Umständen dazu führen, dass Menschen fremde Personen verletzen und beispielsweise von Rolltreppen schubsen. „Drittens: Jemand ist psychotisch, hat irgendeinen Wahn und fühlt sich bedroht.“

Ist reine Mordlust ein denkbares Motiv?

„Dass jemand einen fremden Menschen völlig grundlos umbringt, halte ich für äußerst unwahrscheinlich“, meint Muysers. „Solche Fälle sind mir nicht bekannt.“ Zudem sei „Mordlust“ kein Begriff, der in Psychiatrien geläufig ist. Die Tötung eines Menschen sei in aller Regel das Ende einer langen Vorgeschichte.

Aus welchem Motiv hat der mutmaßliche Täter in Voerde gehandelt?

„Ich kann zu dem speziellen Fall nichts sagen“, so Muysers. Grundsätzlich seien alle drei Motive denkbar. Die Ermittler müssten zuerst den Tatverdächtigen und mögliche Zeugen befragen. Außerdem müsse geprüft werden, ob der 28-Jährige psychisch krank ist oder zum Zeitpunkt der Tat unter dem Einfluss von Drogen stand.

Dass der mutmaßliche Täter allerdings aus reiner Lust am Töten gehandelt hat, schließt Muysers aus: „Da muss irgendetwas anderes dahinter stecken, was wir aktuell noch nicht wissen.“

Kann eine sadistische Störung Grund für eine solche Tat sein?

„Menschen, die sadistisch veranlagt sind, würden eine fremde Person nicht einfach spontan vor einen einfahrenden Zug schubsen“, erklärt Muysers. Stattdessen würden sie andere Wege suchen, um ihr Opfer über einen möglichst langen Zeitraum zu quälen.

Was erwartet den mutmaßlichen Täter nun?

„Das kann man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen“, so Muysers. Aktuell spreche einiges dafür, dass der 28-Jährige zum Tatzeitpunkt nicht bei klarem Verstand war. Bestätigt sich dieser Verdacht, müsse geprüft werden, ob der Mann eine Gefahr für die Öffentlichkeit ist. „Dann müsste er womöglich im Maßregelvollzug untergebracht werden“, so Muysers.

Zum derzeitigem Ermittlungsstand sei aber auch eine Haftstrafe denkbar. Ein Maßregelvollzug kann gegen Straftäter verhängt werden, die beispielsweise aufgrund einer psychischen Erkrankung schuldunfähig oder vermindert schuldfähig sind.

Zuletzt hatte es Berichte gegeben, laut denen der Verdächtige von Voerde zuvor ein ganzes Dorf terrorisiert hatte. Er war demnach auch polizeibekannt.

Können Vorfälle wie der in Voerde verhindert werden?

„Nein“, sagt Muysers. „Unabhängig von der Art einer Erkrankung gibt es keine Anzeichen, die darauf schließen lassen, dass eine Person einen fremden Menschen vor einen einfahrenden Zug schubsen könnte“, sagt Muysers.

Dieser Text ist zuerst auf www.nrz.de erschienen.