Klimawandel

Wie ein gigantischer Wald das Klima auf der Erde retten soll

Die effizienteste Maßnahme zur Klimarettung bietet nach einer Studie aber die Natur: Ein Drittel mehr Bäume sollten viel bringen.

Dichter Atlantischer Regenwald in Brasilien: Der Klimawandel kann einer Studie zufolge durch nichts so effektiv bekämpft werden wie durch Aufforstung.

Dichter Atlantischer Regenwald in Brasilien: Der Klimawandel kann einer Studie zufolge durch nichts so effektiv bekämpft werden wie durch Aufforstung.

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Zürich/Berlin. Der Studienleiter klingt euphorisch. Was er und seine Kollegen vorschlagen, habe das Potenzial, die Welt zu retten. Er will Kohlenstoff aus der Atmosphäre abbauen – das sei „die unglaublichste Waffe, die wir in unseren Händen halten“, jubelt Jean-François Bastin. „Und es ist eine Technologie, die für jedermann zugänglich ist.“

Bastin spricht von Bäumen. Die seien ein mächtiges, bislang unterschätztes Mittel im Kampf gegen den Klimawandel. Eine neue, von ihm mitverantwortete Studie kommt zu dem Schluss, dass ein groß angelegtes, weltweites Aufforstungsprogramm die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen könnte.

Bäume gegen den Klimawandel – Weltklimarat empfahl das 2018

Die Grundlage dieser Theorie kennt man aus dem Biologieunterricht: Bäume nehmen das für den Klimawandel verantwortliche Kohlendioxid auf und wandeln es in der Photosynthese in Sauerstoff um. Wer Bäume pflanzt, tut also etwas dafür, die Erderwärmung zu dämpfen.

Ganz neu ist die Idee zwar nicht – der Weltklimarat empfahl das schon im Oktober 2018 in einem Report, um das im Pariser Klimaabkommen festgelegte 1,5-Grad-Ziel bis 2050 zu erreichen. Doch die Studie, über die Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ berichten, beantwortet nun die Frage, ob es überhaupt möglich wäre, weltweit knapp eine Milliarde Hektar Wald zu pflanzen, mit einem klaren Ja.

Aufforstung: Eine Fläche so groß wie die USA


Die Erde könne ein Drittel mehr Wälder vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden, schreiben die Wissenschaftler um Bastin, einen aus Belgien stammenden 33-jährigen Ökologen. Der Planet ist nach Angaben der Forscher derzeit mit 2,8 Milliarden Hektar Wald bedeckt. Sie halten die Neubepflanzung von 900 zusätzlichen Millionen Hektar für möglich. Das entspricht ungefähr der Fläche der USA.

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Wenn die neuen Wälder ausgewachsen sind, könnten sie 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern – etwa zwei Drittel jener Menge, die seit der industriellen Revolution durch den Menschen in die Atmosphäre gelangt ist.

Das Team um Bastin hat fast 80.000 Satellitenaufnahmen analysiert und berechnet, welche Flächen für die Aufforstung zur Verfügung stehen würden. Städte und landwirtschaftliche Areale haben sie bewusst ausgespart.

Wälder gegen die Katastrophe? Klimaschützer setzen große Hoffnungen in die Idee. Die von dem bayerischen Schüler Felix Finkbeiner gegründete Jugendinitiative „Plant for the Planet“ etwa hat es sich schon vor Jahren zum Ziel gesetzt, 1000 Milliarden Bäume zu pflanzen. 15 Milliarden sind geschafft. Der heute 21-jährige Finkbeiner, mittlerweile selbst Student an der ETH Zürich, dürfte sich durch die Studie bestätigt fühlen. Sie zeige erstmals, dass der vom Weltklimarat vorgegebene Plan einer Begrenzung der Erderwärmung erreichbar sei, schreiben die Autoren.

Auf die Tropen kommt es an

Besonders viele für eine Aufforstung geeignete Flächen liegen laut des „Science“-Artikels in Russland, gefolgt von den USA, Kanada, Australien, Brasilien und China. Entscheidend seien vor allem die besonders dichten tropischen Wälder, betonen auch Wissenschaftler, die nicht an der Studie beteiligt waren. Zuallererst müsse die Entwaldung gestoppt werden, speziell in Brasilien und Indonesien, erklärt der Berliner Klimaforscher Felix Creutzig.

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Natürlich, betont Jean-François Bastin, reiche es nicht aus, Bäume zu pflanzen. Die Menschheit solle etwa den Fleischkonsum reduzieren, weil für den Anbau von Futter häufig Waldflächen gerodet würden. Damit die Aufforstung ein probates Mittel im Kampf gegen den Klimawandel sein könne, müsse man jedoch vor allem schnell vorgehen. Denn es dauere Jahrzehnte, bis die Wälder ihr volles Potential als CO2-Speicher ausschöpfen. Die Zeit, sagt Bastin, drängt.