ASMR-Videos

ASMR – darum helfen diese YouTube-Videos beim Entspannen

Videos, die den Stress abbauen und beim Einschlafen helfen: Sogenannte ASMR-Videos sind im Trend. Wir sagen, wie das funktioniert.

YouTuber Jojo ist einer von Tausenden ASMR-Künstlern und Vloggern.

YouTuber Jojo ist einer von Tausenden ASMR-Künstlern und Vloggern.

Foto: Screenhot/ YouTube Jojo's ASMR

Berlin. Eine junge Frau flüstert ins Mikrofon und bewegt ihre Hände mit jedem neuen Satz auf die Kamera zu. Augenblicke später greift sie nach einem Buch, das sie zuerst mit den Fingern antippt, um später die Seiten zu durchsuchen, ganz nah am Mikro dran. Es raschelt und knackt. Später streicht sie über eine weiche Decke, während sie ins Mikro flüstert.

Es mag sich wie die Beschreibung eines merkwürdigen Rituals anhören. Aber auf YouTube ist es seit einigen Jahren ein echtes Phänomen: ASMR. Die Abkürzung steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“. Eine offizielle Übersetzung ins Deutsche gibt es bisher nicht. Nur so viel: Millionen Menschen schauen sich diese Videos inzwischen an – auch in Deutschland.

Der Grund: Sie geben ihnen ein gutes Gefühl – in der Szene spricht man von „Tingles“ – also einem Kribbeln. Ausgelöst wird das durch auditive oder visuelle Reize. Den Rest erledigt die eigene Vorstellungskraft.

„Unter ASMR versteht man ein Phänomen, das bei manchen Menschen als Reaktion auf bestimmte Sinneswahrnehmungen auftritt. Auslöser dafür können akustische oder optische, aber auch taktile Reize sein“, erklärt Mazda Adli, Stressforscher und Psychiater in Berlin.

ASMR-Videos sind beliebt – es gibt mindestens 13 Millionen

Die Empfindung, die Menschen beim Schauen der Videos haben, beginnt als Kribbeln am Hinterkopf und breitet sich dann über Hals und Rücken aus. Sagen die Fans. Und das sagt auch Adli, Chefarzt des Berliner Fliedner Klinik.

YouTUbe - ASMR wissenschaftlich erklärt

ASMR ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Hunderte Millionen Menschen weltweit haben eines der mindestens 13 Millionen verfügbaren ASMR-Videos auf Videoplattformen wie YouTube angeschaut.

Und noch ein paar Zahlen verdeutlichen das Phänomen: Mehrere Videos haben Dutzende Millionen Aufrufe. Den weltweit beliebtesten Kanal haben mehr als 2,3 Millionen User abonniert. Wie viele Deutsche diese Videos tatsächlich schauen, ist nicht bekannt. Nur so viel: Der meistgesehene deutsche ASMR-Vlogger hat mehr als 40 Millionen Aufrufe.

ASMR – Was ist das?

• ASMR steht für „Autonomous Sensory Meridian Response“ – eine offizielle deutsche Übersetzung fehlt
• gemeint ist ein Zustand der Entspannung, der durch ein Kribbeln auf der Kopfhaut ausgelöst wird
• Ursache sind Geräusche, aber auch physische und visuelle Reize
• enstanden ist das Phänomen vor etwa zehn Jahren in den USA
• inzwischen schauen Hunderte Millionen Fams ASMR-Videos auf PLattformen wie etwa YouTube

Den Trend – und auch den Begriff ASMR – gibt es seit mehr als zehn Jahren. Im Jahr 2007 stellte ein Nutzer in einem Gesundheitsforum eine Frage. Er schrieb, er habe ein angenehmes Gefühl empfunden, als ihm jemand vorgelesen und die Handfläche gestreichelt hatte. Es folgten viele zustimmende Reaktionen unter dem Beitrag.

YouTube- ASMR-Video - ein Trend im Netz

Die Diskussionen, die sich anschlossen, brachten schließlich die US-amerikanische Gesundheitsmitarbeiterin Jennifer Allen dazu, einige Jahre später den Begriff ASMR zu prägen. Sie richtete eine Website und eine Facebook-Gruppe ein. Etwa zur gleichen Zeit tauchten auf YouTube die ersten Videos flüsternder Menschen auf. In den folgenden Jahren entwickelte sich ASMR immer weiter und wurde vielfältiger.

Bald kamen Vlogger, die anfingen, mit Nägeln zu klopfen, mit Papier zu rascheln und Haare zu bürsten. In vielen Videos stehen keine Menschen im Fokus, sondern sie zeigen einen Föhn, einen endlos blubbernden Wasserkocher oder sogar das Streicheln von Reptilien.

YouTube- ASMR und die verschiedenen Trigger

Was bei vielen der Videos mit der größten Zahl an Abrufen auffällt: der hohe Sexappeal der Bilder. Meistens sieht man junge Frauen mit tiefen Ausschnitt, die mit dem Betrachter zu flirten scheinen und dadurch wohl auch sexuell erregen wollen.

Viele ASMR-Fans beklagen sich deshalb darüber, dass diese Flirt-Vlogger ihren Trend „gekapert“ haben. In einer Studie aus dem Jahr 2015 lehnte dann auch eine Mehrheit von 84 Prozent der Befragten einen Zusammenhang zwischen ASMR und sexueller Stimulation ab.

ASMR – es gibt erste Studien dazu

Die Frage, warum so viele Menschen die Video sehen, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Einige sagen, die Sequenzen würden ihnen einfach ein gutes Gefühl geben. Andere sprechen ASMR gar einen heilenden Effekt zu. Die Videos würden helfen, Stress und Angstzustände abzubauen, sie würden gegen Schlaflosigkeit helfen.

Die Wissenschaft gibt den Fans inzwischen Recht – auch wenn die Forschung dazu noch jung ist. „ASMR ist ein bislang unerforschtes Feld in der Emotions- und Hirnforschung“, sagt Stressforscher Adli. „Meine Vermutung ist, dass es sich dabei um eine hormonell ausgelöste Reaktion handelt. Das Hormon Oxytocin – das sogenannte Kuschelhormon – könnte damit zu tun haben. Es löst in der Regel als angenehm empfundene Gefühle im Körper aus.“

Die University of Swansea in Großbritannien etwa wies in einer Studie aus dem Jahre 2015 darauf hin, dass ASMR kurzzeitige Abhilfe bei Depressionen, Stress und chronischen Schmerzen schaffen kann. Das Schauen der Videos führe demnach zu Entspannung und Stressabbau. Und auch beim Einschlafen können die Videos laut der Forscher nützlich sein. Immerhin sahen sie laut der Studie 81 Prozent der Befragten vor dem Schlafen.

Mehr als die Wissenschaft haben Prominente ASMR für sich entdeckt: US-Rapperin Cardi B, It-Girl und Hotelerbin Paris Hilton, US-Komikerin Sarah Silverman und Schauspielerin Salma Hayek haben bereits ASMR-Videos aufgenommen. Die Komiker Stephen Colbert und Randall Otis sowie der BBC-Reporter Adam Fleming machten den Trend zu Satiren.

YouTube - ASMR beim Superbowl 2019

Anfang des Jahres wandte sich US-Schauspielerin Zoë Kravitz in einem Super Bowl-Werbespot flüsternd an die Fernsehzuschauer – und konfrontierte dadurch 100 Millionen amerikanische Zuschauer mit dem Phänomen.

Also alle ran an die Videos und kollektiv entspannen? Funktioniert leider nicht. ASMR wirkt nicht bei jedem. „Gefühle sind subjektiv, sie sind also bei allen anders“, sagt Mazda Adli. „Manche Menschen reagieren auf diese Reize – andere nicht.“

Ob die flüsternde Frau am Mikrofon also zu einem Kribbeln am Hinterkopf führt, hängt von jedem selbst ab.