Band-Interview

Kiss-Rocker Simmons: „Merkel ist eine großartige Anführerin“

Die „End Of The Road“-Tour soll Kiss’ allerletzte sein. Wir haben mit zwei der Rocker über Make-up, Merkel und Deutschland gesprochen.

Kiss-Frontmann Gene Simmons: Darum bin ich Fan von Angela Merkel

Kiss: Die Hardrock-Band ist auf ihrer "End of the Road"-Tournee auch in Deutschland unterwegs. Reporterin Johanna Rüdiger hat Kiss-Frontmann Gene Simmons gefragt, warum er so ein großer Angela-Merkel-Fan ist – und warum er es hasst, den Kiss-Hit "I was made for loving you" zu singen.

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Leipzig. Die Hardrock-Band Kiss tourt gerade durch Deutschland (2.6. Essen, 4.6. Berlin, 5.6 Hannover, 6. 7. Iffezheim), angeblich zum letzten Mal. Die „End Of The Road“-Tournee soll nach 46 Jahren Rock’n’Roll die Abschiedstour sein. Doch schon einmal kündigten Kiss ihren Abschied an – und kamen dann doch zurück.

Wir treffen Frontmann Gene Simmons (69) und Drummer Eric Singer (61) zum Interview. Die Rocker, die sonst auf der Bühne in kompletter Gesichtsbemalung, Lederkostüm und Plateaustiefel Kunstblut spucken, wirken auf dem Sofa der Hotel-Suite – in Turnschuhen und T-Shirt – auf den ersten Blick seltsam normal. Einzige Rockstar-Allüre: die Sonnenbrillen bleiben an.

Kiss ist gerade auf Abschiedstour. Wann kann ich mir mein Ticket für die nächste Comeback-Tour kaufen?

Gene Simmons: Nein, das ist wirklich die letzte Tour, kein Bullshit. Denn wir haben viel zu viel Respekt – für uns selbst, für die Fans. Im August werde ich 70 Jahre alt. Jeder, der die Show sieht, wird verstehen, warum wir aufhören. Ich trage eine 40 Pfund schwere Rüstung, und das auf sehr, sehr hohen Absätzen. Wir sind die weltweit die Band, die am härtesten arbeitet.

Eric Singer: Genau, wenn wir wie jetzt hier (deutet auf seine Schuhe) auch auf der Bühne nur T-Shirts und Turnschuhe tragen würden, dann wäre es einfach, dann könnten wir locker weiter machen.

Aber können Sie das nicht einfach so machen? „Kiss light“ quasi?

Simmons: Nein, dazu respektieren wir die Fans zu sehr. Wir wollen ihnen mehr geben als andere Bands, nämlich eine gute Show. Das Vermächtnis der Band ist uns wichtiger, als weitere Auftritte zu machen, wir wollen rechtzeitig aufhören. Wir wollen nicht gehen wie Elvis – nackt, fett und aufgedunsen, tot auf dem Boden seines Badezimmers liegend.

Stimmt es, dass Kiss sich immer noch selbst schminkt für die Show, obwohl es zwei Stunden dauert – sind Sie nicht zu berühmt und zu reich dafür?

Simmons: Wir schminken uns immer selbst – das hat was mit Stolz zu tun.

Singer: Es ist wie ein Ritual vor der Show. Es ist fast wie bei Soldaten, die in den Kampf ziehen. Bevor sie losziehen, sitzen sie zusammen und besprechen die Strategie. Wenn wir als Kiss auf die Bühne gehen, in all unseren Kostümen, ist es auch so, als ob wir in den Kampf ziehen.

Sie scheinen sehr auf dem Boden geblieben zu sein, aber gleichzeitig sind Sie absolute Rockstars. Darf man als Rocklegende überhaupt banale Sachen machen, darf es zum Beispiel Fotos von Ihnen geben, wie Sie Klopapier im Supermarkt kaufen?

Simmons: Ich kaufe nur Klopapier, wenn mein Arsch nass ist. Aber im Ernst, ein Rockstar muss doch nicht immer cool sein. Fuck that!

Singer: Wir wohnen im Los Angeles, da ist es normal, Promis im Supermarkt zu treffen.

Herr Simmons, stimmt es, dass Sie es hassen, „I was made for loving you“ zu singen – immerhin einer Ihrer größten Hits?

Simmons: Ja das stimmt. (Spricht in ganz hoher Stimme): Weil ich nicht SO singe. Der Rest des Songs ist fucking cool, aber mein Teil? „Do, do, do, do, do, do, do, do, do“ – das ist mir zu feminin. Ich mag es immer noch nicht, diesen Song zu singen. Aber viel wichtiger ist doch: Was wollen unsere Bosse, also die Fans, hören?

Wie ist es für Sie, nach Deutschland zu kommen, Herr Simmons? Ihre Mutter hat als deutsche Jüdin den Holocaust überlebt.

Simmons: Meine Mutter hat nie darüber gesprochen. Sie war 14 Jahre alt, als sie in den Konzentrationslagern der Nazis interniert wurde. Ich selbst habe in Deutschland einige der nettesten und freundlichsten Menschen überhaupt kennengelernt.

In diesen Tagen haben wir in Deutschland eine Debatte über Antisemitismus.

Singer: Was für eine Debatte?

Simmons: Man solle keine Kippa auf der Straße tragen, hat ein Regierungsvertreter gesagt.

Das hat der Antisemitismusbeauftragte im Interview mit unserer Redaktion gesagt. Er könne „Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland eine Kippa zutragen“. Besorgt Sie eine solche Aussage?

Simmons: Nein, weil wir darüber reden! Solange wir öffentlich darüber reden, mache ich mir keine Sorgen. Deshalb ist es für mich tatsächlich ein gutes Zeichen, wenn er sowas sagt. Wissen Sie, wann Kakerlaken wegrennen? Wenn man einen Scheinwerfer auf sie richtet. Und wenn Angela Merkel - von der ich ein großer Fan bin – sich mit dem israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu trifft, dann ist das für mich ein großes öffentliche Statement, das mehr bringt als alles politisches Gerede.

Mehr zum Thema: Antisemitismus-Beauftragter warnt Juden vor Targen der Kippa

Wieso sind Sie Angela-Merkel-Fan?

Simmons: Weil sie ein Freigeist ist. Es ist ihr scheißegal, was politisch opportun wäre.

Wie kommen Sie darauf, dass Angela Merkel ein Freigeist ist?

Simmons: Sie hat sich nicht immer mit ihrer Partei abgestimmt. Sie hat Dinge getan, die ihre eigenen Leute verärgert haben. Das sind für mich Führungsqualitäten – sie ist eine großartige Anführerin, die selbst denkt, keine Politikerin. Manchmal muss man Entscheidungen treffen, die gut fürs Land sind, nicht für die eigene Partei.