Gerichtsentscheidung

Koma-Patient Lambert muss doch weiter ernährt werden

In Frankreich streiten Familienmitglieder untereinander und mit Ärzten über einen Wachkomapatienten. Nun hat ein Gericht entschieden.

Das am 24. Juni 2014 zur Verfügung gestellte Foto zeigt Tetraplegiker Vincent Lambert (r) und seine Mutter im Krankenhaus.

Das am 24. Juni 2014 zur Verfügung gestellte Foto zeigt Tetraplegiker Vincent Lambert (r) und seine Mutter im Krankenhaus.

Foto: PhotopqrL'union De Reims / dpa

Paris. Seit 2008 liegt Vincent Lambert nach einem Motorradunfall im Koma. Über sein Schicksal ist eine Debatte entbrannt, ob Ärzte weiterhin lebenserhaltende Maßnahmen durchführen sollen. Der Fall hat nun wieder ein Gericht beschäftigt – mit einem überraschenden Ergebnis.

Das Pariser Berufungsgericht hat die Wiederaufnahme der künstlichen Ernährung des 42-Jährigen angeordnet. Die Richter gaben damit französischen Medienberichten zufolge in der Nacht zum Dienstag den Eltern Lamberts Recht. Sie wollten den Tod ihres Sohnes mit aller Macht verhindern und gingen gegen eine andere Gerichtsentscheidung vor.

Erst am Morgen war die Behandlung von Frankreichs bekanntestem Wachkoma-Patienten nach einem jahrelangen Rechtsstreit gestoppt worden. Die Ärzte hatten bereits damit begonnen, bei dem schwer verunglückten Mann die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen.

Ärzte stellen langsam lebenserhaltende Maßnahmen ein

Nun geht der Rechts- und Familienstreit weiter. Das Universitätsklinikum Reims, wo Lambert liegt, muss nun warten, bis die Behindertenkommission der UN zu dem Fall Stellung nimmt. Es wird erwartet, dass die UN-Kommission bis zu sechs Monate für eine Entscheidung brauchen könnte.

Lamberts Ehefrau und ein Teil seiner Geschwister kämpfen seit langem für die Abschaltung der lebenserhaltenden Apparate. Die Eltern, strenggläubige Katholiken, sprechen sich jedoch vehement gegen diesen Schritt aus.

Mit Rufen „Vincent wird leben!“ begrüßten Eltern, Anwälte und Unterstützer das aktuelle Gerichtsurteil. Er finde diese „Jubelbilder obszön“, erklärte hingegen der Neffe Lamberts im französischen Fernsehen und sprach von „Sadismus“ gegenüber dem Patienten.

Hintergrund: Wachkoma-Patientin mit Patientenverfügung darf sterben

Hintergrund : Haften Ärzte für eine sinnlose Verlängerung des Lebens?

Die Eltern argumentieren, dass Vincent nicht sterbenskrank, sondern schwerbehindert sei. Zwei Mal erreichten sie, dass die künstliche Ernährung wieder aufgenommen werden musste, die die Ärzte bereits im Einvernehmen mit der Ehefrau des Koma-Patienten eingestellt hatten.

Eltern zogen vor den EuGH, um für die lebenserhaltenden Maßnahmen zu kämpfen

Die Eltern zogen über alle gerichtlichen Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, um zu verhindern, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden. Der EuGH entschied bereits 2015, dass die künstliche Ernährung beendet werden darf.

Auch der französische Staatsrat als oberstes Verwaltungsgericht erklärte das für zulässig. Der Rechtsstreit ging jedoch weiter. Zuletzt hatte der Verfassungsrat am 24. April die Entscheidung des Krankenhauses bestätigt, die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen.

Der Fall löste in Frankreich eine Debatte aus. Experten und Mediziner fordern ein neues Gesetz. Das Ethikgesetz von 2005, das 2016 erneuert und 2018 ergänzt worden war, stoße mit dem Fall Vincent Lambert an Grenzen, hieß es. In Frankreich ist passive Sterbehilfe unter bestimmten Umständen zulässig, Tötung auf Verlangen (aktive Sterbehilfe) ist dagegen eine Straftat.

Der Erzbischof von Reims, Eric de Moulins-Beaufort, appellierte an die französische Gesellschaft, „sich nicht auf den Weg der Sterbehilfe“ zu begeben. Staatspräsident Emmanuel Macron hatte eine Einmischung in den Fall verweigert. „Es ist nicht meine Rolle, eine Entscheidung der Ärzte aufzuheben, die mit unseren Gesetzen konform ist“, sagte er. (epd/ac)