Missbrauch

Martina Voss-Tecklenburg: „#MeToo ist längst nicht am Ende“

Die neue Bundestrainerin der Fußballfrauen, Martina Voss-Tecklenburg, fordert eine stärkere Kultur der Verantwortung gegen Missbrauch.

Martina Voss-Tecklenburg: Sie trainiert das DFB-Frauennationalteam. Redakteurin Johanna Rüdiger hat die Bundestrainerin gefragt, was die drei schlimmsten Klischee-Sätze über Frauenfußball sind, die sie nie wieder hören will.

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Berlin.  Mehr als Martina Voss-Tecklenburg kann man im Fußball kaum erreichen. Als Spielerin war die Duisburgerin mehrfach Europameisterin, Vize-Weltmeisterin, 15 Jahre in der Nationalmannschaft. Seit wenigen Monaten trainiert sie selbst die deutsche Frauenauswahl und hat ein großes Ziel vor Augen: die Weltmeisterschaft in diesem Sommer.

Der breiten Öffentlichkeit ist die 51-Jährige kaum bekannt. Wofür steht sie also – auch abseits des Sports? Für das Interview in unserer Zentralredaktion gab es daher nur eine Vereinbarung: Wir sprechen nicht über Fußball.

Sie sind seit Kurzem Trainerin der Frauen-Nationalmannschaft. Die Erwartungen sind immens. Macht Ihnen das manchmal Angst?

Martina Voss-Tecklenburg: Nein, wenn mir das Angst machen würde, dürfte ich so ein Amt nicht annehmen. Es ist eine Herausforderung und ich bin mir der Verantwortung bewusst, Bundestrainerin zu sein. Aber da wir in allen Bereichen gut aufgestellt sind, freue ich mich sehr auf die Aufgabe. Außerdem haben mich Herausforderungen schon mein ganzes Leben begleitet.

Frauenfußball wurde ja früher ziemlich belächelt.

Voss-Tecklenburg: Das erlebe ich immer noch. Zum Beispiel beim Training mit den Frauen. Da kommt es schon mal vor, dass Männer und Jugendmannschaften am Spielfeldrand stehen, abschätzig gucken oder blöde Sprüche klopfen.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Voss-Tecklenburg: Oft machen das diejenigen, die keine Ahnung vom Frauenfußball haben. Die nicht wissen, wie viel Training dahintersteckt, welcher Aufwand, welche Professionalität. Ich versuche dann zu erklären, was die Frauen alles zusätzlich leisten. Denn die Frauen haben nicht auf allen Ebenen die Profibedingungen der Männer und trotzdem werden wir ständig mit ihnen verglichen. Das gibt es nur im Frauenfußball. Wurde Steffi Graf jemals mit Boris Becker verglichen? Nein. Und sie hätte gegen Boris auch nicht gewonnen.

Es heißt ja immer, Frauen und Männer führen anders.

Voss-Tecklenburg: Das stimmt. Trotzdem sind erfolgreiche Führungsmerkmale geschlechtsunabhängig. Ehrlichkeit, Vertrauen, Kompetenzen abgeben können, im Team etwas entwickeln, die Leute mitnehmen, motivieren und empathisch sein, das können auch Männer.

Was zeichnet Ihren Führungsstil aus?

Voss-Tecklenburg: Ich will authentisch, offen und ehrlich sein. Aber Loyalität gehört im Fußball auch dazu. Ich versuche auch, Erfolg immer zu hinterfragen. Und die Fragen muss man zum richtigen Zeitpunkt stellen. Gerade wenn der Erfolg da ist, hat man die Chance, etwas zu verändern. Aber für den richtigen Zeitpunkt muss ich ein Gespür haben.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Voss-Tecklenburg: Für mich ist Kritik wichtig, wenn sie von Menschen kommt, die meine Arbeit beurteilen können. Das versuche ich auch meinen Spielerinnen zu vermitteln. Im Umgang mit sozialen Medien ist das besonders wichtig. Nimmt man negative Kommentare zu ernst, geht man daran kaputt.

Hat bei Ihnen schon mal der „Playboy“ angefragt?

Voss-Tecklenburg: Ja. Nach dem EM-Titel 1989 hatte ich ein Angebot vom „Playboy“.

Was wollte Ihnen das Magazin zahlen?

Voss-Tecklenburg: 15.000 D-Mark. Aber dann habe ich meine Mutter angerufen, die mir davon abgeraten hat. Denn was einmal öffentlich ist, das vergisst die Öffentlichkeit auch nicht.

Ist das der Grund, warum etwa homosexuelle Profifußballer vermeiden, sich zu bekennen?

Voss-Tecklenburg: Im Profifußball herrscht eine riesige öffentliche Aufmerksamkeit, was den Schritt sicher nicht einfach macht. Es besteht deshalb auch eine Unsicherheit bezüglich der Reaktion des Umfeldes. Am Ende ist das auch die Entscheidung eines jeden Einzelnen und man sollte akzeptieren, wie er damit umgeht.

Sie sind heute mit einem Mann verheiratet, waren aber auch schon einmal mit einer Frau zusammen. Hatten Sie damals keine Angst, sich zu outen?

Voss-Tecklenburg: Wovor hätte ich denn Angst haben sollen? Mir war nur wichtig, was mein direktes Umfeld sagt. Meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde.

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Verfolgen Sie die Fälle von Sexismus und Missbrauch, die es auch im Spitzensport gegeben hat?

Voss-Tecklenburg: Ja. Für uns als Trainer bedeutet das, sehr sensibel und aufmerksam sein zu müssen. Wenn etwas auffällig ist, sollte man sofort reagieren und die Fachleute einbeziehen.

Wie kann man Missbrauch verhindern?

Voss-Tecklenburg: Wir müssen alle hinschauen und aufpassen, was in unserem direkten Umfeld passiert. Wir brauchen eine stärkere Kultur der Verantwortung. Zivilcourage muss selbstverständlich sein und belohnt werden.

Unter dem Hashtag #MeToo berichten Frauen seit mehr als einem Jahr über ihre Erfahrungen. Hat Sie das Ausmaß der Fälle überrascht?

Voss-Tecklenburg: Von #MeToo war ich nicht überrascht, aber erschrocken darüber, in welcher Vielfalt Missbrauch oder Sexismus täglich stattfindet. Die Diskussion, die mit #MeToo ausgelöst wurde, ist längst nicht am Ende. Jeder Fall muss zur Sprache kommen, egal wie weit er zurückliegt.