Ermittlungen

Missbrauch auf Campingplatz in Lügde: Opferzahl gestiegen

Jahrelang wurden auf einem Campingplatz in Lügde Dutzende Kinder missbraucht. Die Behörden konnten nun weitere Opfer ermitteln.

Lügde Ende Februar: Auf dem Campingplatz Eichwald parkt vor der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters ein Polizeiauto.

Lügde Ende Februar: Auf dem Campingplatz Eichwald parkt vor der inzwischen eingezäunten Parzelle des mutmaßlichen Täters ein Polizeiauto.

Foto: Guido Kirchner / dpa

Düsseldorf.  Der Missbrauchsfall Lügde hat für landesweites Entsetzen gesorgt. Jahrelang wurden auf dem Campingplatz in Nordrhein-Westfalen Dutzende Kinder sexuell missbraucht. Die Behörden haben nun ermittelt, dass die Opferzahl größer ist als bislang angenommen.

Demnach sind 34 statt 31 Kinder Opfer von Missbrauch geworden, Bei 14 weiteren Personen bestehe der Verdacht, dass auch sie Opfer geworden sein könnten. Das teilte Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Innenausschuss des NRW-Landtags mit. Es sei denkbar, dass die Opferzahl weiter steigen könnte.

Drei Hauptverdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Bislang gehen Ermittler davon aus, dass es seit 2008 auf dem Campingplatz mehr als 1000 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen gegeben hat. Zudem gibt es laut Reul Hinweise, dass der Hauptverdächtige schon 2002 ein damals achtjähriges Mädchen missbraucht haben soll.

Alles wichtige zum Fall Lügde in Kürze:

• In Lügde wurden auf einem Campingplatz Kinder missbraucht

• Seit 2008 wurden mindestens 31 Kinder zwischen vier und 13 Jahren Opfer

• Es geht um über 1000 Fälle von sexuellem Missbrauch

• Drei Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft, gegen vier weitere wird ermittelt

Wohnung des Hauptverdächtigen gesucht

Ermittler hatten Anfang März abermals den Campingplatz untersucht, nachdem bekannt geworden war, dass nach Bekanntwerden des Missbrauchsfalls mehrere Ermittlungsfehler passiert und Beweismittel abhanden gekommen waren.

Bei den Durchsuchungen fanden die Ermittler Gegenstände, die möglicherweise Beweismittel sein könnten. Auch eine

Wohnung des 56 Jahre alten Hauptverdächtigen, in die der Mann auf Wunsch des Jugendamtes bald umziehen sollte, wurde untersucht. Zudem wurde ein weiterer Wohnwagen auf dem Campingplatz durchsucht, der jahrelang Missbrauchs-Tatort gewesen sein soll.

Keine Durchsuchungen in Wohnungen von Polizisten

Um welche Gegenstände es sich handelte, gaben die Ermittler nicht bekannt. Sie bekräftigten zugleich, dass es nach bisherigen Erkenntnissen keine Belege dafür gebe, „dass Polizeibeamte in die Taten involviert waren oder diese geduldet haben“. Beamte seien vernommen worden. Durchsuchungen in Wohnungen von Polizisten habe es nicht gegeben.

Nach massiven Versäumnissen bei der Ermittlungsarbeit der zunächst zuständigen Kreispolizei hatte sich der Fall immer mehr zu einem Polizeiskandal ausgeweitet. Nach und nach waren Pannen bekannt geworden. So verschwanden 155 Datenträger aus einem nicht gesicherten Raum bei der Polizei Lippe.

Im Zuge der Ermittlungen wurde die Polizei auch auf einen Kollegen aufmerksam. So soll in der Polizeibehörde in Lippe ein Polizist arbeiten, der bereits wegen Kinderpornografie vorbestraft ist.

Der Polizist sei 2011 wegen des Besitzes und Beschaffens von Kinderpornografie verurteilt worden, berichtete der „Kölner Stadt-Anzeiger“ unter Berufung auf das nordrhein-westfälische Innenministerium. Der Polizist sei nach der Verurteilung jedoch nicht entlassen worden und ist weiter im Dienst. Er sei jedoch nicht in die Untersuchungen im Fall Lügde eingebunden, hieß es weiter.

Polizeibehörden professionell genug?

Der Fall Lügde hat eine Debatte darüber entfacht, ob die Polizeibehörden in Nordrhein-Westfalen professionell genug aufgestellt sind. Die Grünen fordern eine Zentralisierung. Die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Verena Schäffer, kritisierte: „In keinem anderen Bundesland ist die Polizeistruktur so zersplittert wie in NRW mit 29 Landratsbehörden und 18 Polizeipräsidien.“

Lügde zeige, dass kleine Behörden nicht ausreichend spezialisiert und geübt seien, um so große Verfahren professionell zu bewältigen, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Führungsversagen vor Ort

Dem widersprach der Bochumer Kriminologe Prof. Thomas Feltes. Nicht die Strukturen, sondern Führungsversagen vor Ort sei die Ursache für den Polizeiskandal gewesen. Zentralisierungen in anderen Bundesländern hätten die Qualität der Polizeiarbeit nicht verbessert. „Tatsächlich bringt sie sogar mehr Probleme, weil die unmittelbare Kontrolle vor Ort so nicht mehr gewährleistet ist.“

Auch der Präsident des Landkreistages NRW, Thomas Hendele, warnte vor „vorschnellen Bewertungen“ und forderte stattdessen eine bessere Ausstattung des ländlichen Raums.

Mindestens 31 Kinder missbraucht

Seit 2008 waren den bisherigen Erkenntnissen zufolge auf einem Campingplatz im lippischen Lügde an der Landesgrenze zu Niedersachsen mindestens 31 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1000 Fällen Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Darunter 27 Mädchen und vier Jungen. Ob es auch vor 2008 Fälle gab, wird derzeit geprüft.

In den Fokus der Ermittler rückte zuletzt auch ein erst 16-jähriger Verdächtiger. Die Ermittler waren durch die Auswertung von digitalem Beweismaterial auf den mittlerweile siebten Verdächtigen in dem Fall aufmerksam geworden. Dabei handelt es sich um einen 16-Jährigen aus der Region, wie der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter mitteilte.

Nach Polizeiangaben wird dem Jugendlichen der Besitz kinderpornografischen Materials vorgeworfen. Wie vier andere Beschuldigte in dem großen Missbrauchsfall befindet sich der Minderjährige jedoch noch auf freiem Fuß. Drei Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft – unter ihnen der Hauptverdächtige, auf dessen Grundstück auf einem Campingplatz mehrere Kinder sexuell missbraucht worden sein sollen.

56-jähriger Hauptverdächtiger setzte Opfer als Lockvogel ein

Neben den drei Haupttätern ermittelt die Polizei nun also gegen vier weitere Beschuldigte: Zwei Personen sollen die Haupttäter beim sexuellen Missbrauch unterstützt haben, einem weiteren Verdächtigen wird die Manipulation von Daten vorgeworfen. Der 16-Jährige ist nun der siebte Beschuldigte.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler soll sich unter den Opfern ein Pflegekind befinden, das bei dem 56-jährigen Hauptverdächtigen auf dem Campingplatz wohnte. Der Mann soll das Mädchen missbraucht und als Lockvogel eingesetzt haben, um an andere Kinder heranzukommen.

„Schlimmer als befürchtet“: Ältere Verdachtsfälle werden aufgerollt

Gleichzeitig würden mit dem Fall nun auch ältere Verdachtsfälle von Sexualstraftaten auf dem Campingplatz aufgerollt, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) in einer Sondersitzung des Düsseldorfer Landtags. „Es sieht aus, dass es noch schlimmer ist, als ich befürchtet habe.“

Eine der schockierendsten Erkenntnisse sei, dass der heute 56-jährige arbeitslose Hauptverdächtige schon vor 17 Jahren verdächtigt geworden sei, eine Achtjährige missbraucht zu haben, berichtete der Minister. Der vielfache sexuelle Missbrauch von Kindern in Lügde hat damit bereits vor mehr als zehn Jahren begonnen. In einem weiteren Verdachtsfall, über den Reul berichtete, soll ein Dauercamper eine 15-Jährige auf dem Gelände in Lügde vergewaltigt haben. Derzeit werde geprüft, ob dieser Fall zum Tatkomplex gehöre.

Wegen Strafvereitelung im Amt und Verletzung der Fürsorgepflicht wird auch gegen mehrere Beschuldigte bei Behörden ermittelt. Der von Reul eingesetzte Sonderermittler, Kriminaldirektor Ingo Wünsch, hatte am Dienstag in einer Sondersitzung im Landtag eine beispiellose Kette des Versagens in der Kreispolizeibehörde Lippe skizziert und bilanziert: „Im Ergebnis gab es schwere handwerkliche Fehler, die sich potenziert haben. Verantwortliche Führung ist nicht erkennbar.“

Beweismittel bei ersten Durchsuchungen übersehen

Probleme in der Ermittlungsarbeit in Lügde wurden auch vergangene Woche deutlich, als die Bielefelder Polizei im Wohnwagen des Verdächtigen noch weitere übersehene Beweismittel sicherstellte, darunter einen PC, eine Festplatte und 131 CDs.

Für Verwunderung sorgte auch eine personelle Konsequenz aus dem Polizei-Debakel. Am Dienstag hatte Innenminister Herbert Reul (CDU) bekanntgegeben, dass nach dem Kripochef auch der Polizeidirektor der Kreisbehörde Lippe von seinen Aufgaben entbunden worden sei. Dessen Versetzung ausgerechnet an das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten sei „ein falsches Signal“, sagte Schäffer.

Das Innenministerium versicherte auf Anfrage, in der Ausbildung werde der seit Jahrzehnten bei der Polizei beschäftigte Beamte nicht eingesetzt. Zudem sei die Versetzung keine mit einer höheren Besoldung verbundene Beförderung. Nach einem Bericht des „Westfalen-Blatts“ war der Ex-Polizeichef bereits 2010 einmal versetzt worden, nachdem er einen privaten Tempoverstoß seines damaligen Kripochefs als Dienstfahrt ausgeben wollte (ac/ba/jb/dpa)