Selbstversorger

Die Kleivas leben wie vor 50 Jahren – und Norwegen liebt sie

Dokufilme machten die Kleiva-Geschwister und ihren kleinen Hof in Norwegen berühmt. Weil sie ihr Bauernleben leben wie vor 50 Jahren.

Die Geschwister Magnar und Oddny Kleiva vor der Scheune ihres Hofes in Westnorwegen. In ihrem Land sind sie prominent. Interessieren tut sie das nicht. 

Die Geschwister Magnar und Oddny Kleiva vor der Scheune ihres Hofes in Westnorwegen. In ihrem Land sind sie prominent. Interessieren tut sie das nicht. 

Foto: Vegard Fimland / Frode Fimland/Søsken til evig tid

Berlin/Førde.  Sie sind wohl das bekannteste Geschwisterpaar Norwegens. Neben Kronprinz Haakon und Prinzessin Märtha Louise, natürlich. Magnar und Oddny Kleiva sind allerdings alles andere als Königskinder. Sie sind berühmt geworden dafür, dass sie den Hof ihrer Eltern in Westnorwegen nie verlassen haben.

Und weil sie heute, körperlich gebeugt, aber ungebrochen, genauso wie vor 50 Jahren ihre kleine Landwirtschaft betreiben. Mit einfachsten Mitteln und harter Arbeit. Wie es üblich war, bevor Norwegen das Öl und damit den Reichtum entdeckte.

Fortschritt: Seit den 70ern haben sie Strom und Telefon

Zwei Millionen Norweger – insgesamt sind es nur gut fünf Millionen – haben die Dokumentarfilme „Søsken til evig tid“ (Geschwister für die Ewigkeit) von 2013 und zwei Jahre später den Nachfolger „Amerikareisa“ (Die Amerikareise) gesehen. Ein großer Erfolg für den norwegischen Filmemacher Frode Fimland.

Über Jahre begleitete er Magnar und Oddny. Er erkannte die Besonderheit in ihnen; sah, warum ihr vom Wohlstand unberührtes Leben die Menschen beeindrucken würde.

Zum Beispiel die Bilder von Weihnachten, wenn Magnar, heute Ende 70, wie eh und je einen Baum aus dem Wald holt. Er und die zwei Jahre jüngere Oddny behängen ihn mit kleinen norwegischen Papierflaggen, etwas Lametta, einer Lichterkette: fertig. Bevor es aber feierlich werden kann, müssen sie der Wildherde draußen Heu bringen.

Magnar und Oddny Kleiva reden nicht viel

Dann ziehen sie sich ihre Sonntagskleider an, setzen sich bei Kaffee und Fladenbrot zusammen und hören die alten Weihnachtslieder. Das geht nur, weil Magnar als Geschenk endlich einen neuen Kassettenrekorder gekauft hat; der alte war seit Jahren kaputt. Auch die Kaufentscheidungen fallen hier langsamer als anderswo. Geredet wird nicht viel, und gesessen nicht zu lange, am nächsten Morgen um sieben Uhr geht es wieder in den Stall.

Frode Fimland war auch dabei, als die beiden zum ersten Mal ihre Heimatregion verließen, und dann gleich nach Amerika! Entfernte Verwandte hatten sie eingeladen. Das Flugzeug, die riesigen Mähdrescher, die Menschen, die auf Englisch auf sie einreden: Oddny und Magnar nehmen die Eindrücke still auf, kommentieren trocken ihre Beobachtungen und fragen beim Anruf in der Heimat nur, wie es den Kühen geht.

Im Sommer bringen die Selbstversorger ihre Kühe auf den „Støl“, die Sommerweide: Dort oben zu sitzen und über die Landschaft zu blicken, sagt Magnar, sei ihr Urlaub, anderen gab es nie, bis Amerika. Sie melken mit der Hand und reden mit ihren Tieren, als erwarteten sie, verstanden zu werden.

Strom und Telefon gibt es erst seit den 70ern

Magnar hat nichts dagegen, wenn eine Kuh ihm mit der riesigen Zunge über den Kopf fährt. „Wäschst du mir die Haare?“, fragt er nur. Wenn die Zeit gekommen ist, schlachtet er sie dennoch, ohne mit der Wimper zu zucken. Der selbst gemachte Schinken kommt gut zupass, wenn zum ersten Mal Gäste aus Amerika zu Besuch kommen.

Ihr bescheidenes Leben von der Hand in den Mund, die Arbeit in der prächtigen Natur und mit Tieren, der ruhige Rhythmus: Das ist nicht nur für Norweger berührend. Die aber erinnern die Bilder besonders an ihre Vergangenheit ohne Glasfaser-Netz und die damit einhergehende Schnelligkeit. Aber eben auch ohne jeglichen Luxus.

Auf diesem Hof ist selbst der Fortschritt alt: Seit den 1960er-Jahren haben sie einen Traktor statt Pferd, seit den 70er-Jahren Strom und Telefon. Und dann gab es zuletzt tatsächlich einen neuen Traktor, einen mit zwei Sitzen, damit Oddny mitfahren kann.

Ein Nachbar übernimmt den Hof der Kleivas

Wie sie wurden, wer sie sind, steht in einem neuen Buch über sie, es heißt wie der Film und ist im Herbst in Norwegen erschienen. Vor ein paar Wochen erst nahmen sich die Geschwister Zeit für eine Signierstunde in der Buchhandlung von Florø, der nächstgrößeren Stadt, von ihrem Hof Kleiva aus gesehen. 9000 Einwohner, 55 Kilometer entfernt. Da sitzen sie dann und malen mit ungelenker Schrift ihre Namen in Bücher. Viel schreiben mussten sie nicht im Leben. Arbeiten immer.

Platz für andere Träume gab es nicht – es musste weitergehen auf dem Hof, als die Eltern alt wurden. Sie waren vier Geschwister, keiner von ihnen gründete eine Familie. Die Nachfolge auf dem Hof ist dennoch geregelt – ein Nachbar steht bereit.

„Ich glaube, ich habe zu ihm ein besseres Verhältnis als viele zu ihrem Sohn“, sagte Magnar dem Sender TV2. Der Nachbar hilft inzwischen viel. Aber noch sind Magnar und Oddny die Chefs.