Mafia

Die ’Ndrangheta-Organisation und ihr weltweites Netzwerk

Seit Jahren sind Ermittler an der ’Ndrangheta dran. Nun gelang Ermittlern ein Coup gegen die Mafia. Ein Rekonstruktionsprotokoll.

Niederlande, Den Haag: Federico Cafiero De Raho, Antimafia- und Antiterror-Staatsanwalt von Italien, verlässt eine Pressekonferenz zur Operation „Pollino“ am Hauptsitz von Eurojust.

Niederlande, Den Haag: Federico Cafiero De Raho, Antimafia- und Antiterror-Staatsanwalt von Italien, verlässt eine Pressekonferenz zur Operation „Pollino“ am Hauptsitz von Eurojust.

Foto: Peter Dejong / dpa

Berlin/Köln.  Sie tragen einen süßen Namen. Falabella. Argentinische Ponys, gerade 70 bis 90 Zentimeter groß. Sie gelten als intelligente Tiere, menschenfreundlich zudem. Viele sagen, es seien die kleinsten Pferde der Welt, winziger als Shetlandponys.

Doch klein ist die Sache nicht, als Kripobeamte in Köln ihrer Ermittlergruppe einen Namen geben: Falabella.

Pferde stehen am Anfang eines jahrelangen Verfahrens – mit dabei Polizisten und Staatsanwälte aus Deutschland, Italien, Belgien und den Niederlanden. Erst ermitteln die Beamten verdeckt, hören Telefonate ab, observieren. Am Mittwoch dann, noch bevor die Sonne aufgeht, starten Polizisten ihre große Razzia, nehmen Beschuldigte fest, durchsuchen 65 Wohnungen, Büros und Restaurants, auch eine Pizzeria in Pulheim bei Köln, einen Eisladen in Viersen, ein Café in Duisburg.

14 Verdächtige in Deutschland festgenommen

Im Visier: die ’Ndrangheta. Manche sprechen davon, dass es in Europa noch nie einen so gewaltigen Schlag der Sicherheitsbehörden gegen eine Mafia-Organisation gegeben habe.

Nicht nur in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Thüringen und Bayern schlagen die Fahnder zu, sondern auch in den anderen EU-Staaten. Zeitgleich, damit die mutmaßlichen Täter sich nicht warnen können. 440 Beamte sowie weitere Polizisten aus den Bundesländern sind allein in Deutschland im Einsatz, darunter die Anti-Terror-Einheit GSG9.

Schlag gegen die italienische Mafia

Bislang seien 14 Verdächtige in Deutschland festgenommen worden, sagte BKA-Vizepräsident Peter Henzler.
Schlag gegen die italienische Mafia

Als die Spezialkräfte abfahren, lagern in den Wagen der Polizei 4000 Kilogramm Kokain und Hunderte Kilo anderer Drogen wie Ecstasy-Pillen. Europaweit nehmen die Fahnder 84 Personen fest, darunter ranghohe Mitglieder der ’Ndrangheta. In Deutschland werden 14 Verdächtige in Gewahrsam genommen, 47 Menschen sind beschuldigt.

Nicht alle Beschuldigten sind Mitglieder der Mafia, doch alle sollen in das kriminelle Netzwerk der ’Ndragheta eingebunden gewesen sein. Für Experten wie Sandro Mattioli ist die Gruppe derzeit die mächtigste italienische Mafia, die sogar als „Dienstleister“ für andere Organisationen wie die Cosa Nostra fungiere, etwa als Kokain-Lieferant. Mattioli ist Vorsitzender des Vereins „Mafia? Nein, danke!“.

FBI: ’Ndrangheta eine der größten kriminellen Vereinigungen

Und auch die US-Polizeibehörde FBI stuft die ’Ndrangheta als eine der größten kriminellen Vereinigungen weltweit ein, beheimatet in der Region Kalabrien im Süden Italiens. Sie dominiert den globalen Drogenhandel mit, verdient ihr Geld aber auch mit Waffenhandel und Geldwäsche. Experten schätzen, dass die ’Ndrangheta jährlich einen Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro macht. Sie soll weitweit 6000 Mitglieder haben.

Doch Ende 2015 machen Kriminelle aus dem Netz der Mafia einen Fehler. Ihre Tarnung fliegt auf. Im Hafen des südenglischen Harwich stoppen Fahnder einen Transporter, im Laderaum stehen zwei Pferde – und in einem Versteck liegen 80 Kilogramm Kokain. Die Spur führt über den niederländischen Hafen in Rotterdam bis in die Provinz am Rande von Köln, zu einer Pizzeria in dem mittelgroßen Ort Pulheim.

Im Visier der Fahnder sind Deutsche und Italiener, zwischen 33 und 68 Jahre alt. Hauptbeschuldigter ist der Gastwirt der Pizzeria, 45 Jahre alt. Er wohnt 100 Meter entfernt von dem Restaurant, Spezialkräfte reißen ihn am Morgen aus dem Schlaf, legen dem Mann Handschellen an.

Mafiaboss festgenommen

Die italienische Carabinieri hat am Dienstag mutmaßliche Mitglieder der sizilianischen Mafia in Palermo festgenommen.
Mafiaboss festgenommen

Mehr Kokainhandel über Häfen in Nordeuropa

Die Beschuldigten sollen im Auftrag der ’Ndrangheta gehandelt und von November 2015 bis März 2016 in mindestens 23 Fällen Kokain von Deutschland über die Niederlande bis nach England geschmuggelt haben, jeweils 80 Kilogramm. Jeweils in einem Pferdetransporter. Die Kölner Polizisten geben deshalb ihrer Ermittlergruppe den Namen Falabella.

Bald wissen sie, dass der Fall wächst. Das Bundeskriminalamt schaltet sich ein. Seit 2015 sitzen italienische Polizisten und Staatsanwälte an den Ermittlungen dran. 2015 entdecken auch niederländische Fahnder 82 Kilo Kokain im Hafen von Rotterdam. Auch die belgische Polizei ermittelt jetzt.

Kohle in verflüssigtem Kokain getränkt

In Deutschland beteiligen sich neben den Kölner Fahndern weitere Einheiten an der Jagd auf die Mafiosi. Am Mittwoch nehmen Beamte einen 55-jährigen Kaufmann aus Sizilien im nordrhein-westfälischen Solingen fest. Der Mann habe, berichtet LKA-Ermittlungsleiter Oliver Huth unserer Redaktion, für die ’Ndrangheta eine Import-Export-Firma in Düsseldorf gegründet, die sich darauf spezialisiert, über niederländische Häfen, Holzkohle aus Guinea zu importieren. Alles ganz legal – doch die Gruppe tränkt die saugfähige Kohle mit verflüssigtem Kokain. Ist die Ware am Ziel, trennen die mutmaßlichen Täter Kohle und Kokain mithilfe von Chemikalien wieder.

Das Mafia-Verfahren wächst über die Jahre an – und Ermittler setzen die Taten der Mafia zusammen wie ein Puzzlestück, erkennen ein Netzwerk.

Weil die Beamten merken, dass die Gruppen zusammenhängen und über die Landesgrenzen hinaus Straftaten begehen, schließen sich die Ermittler aus Deutschland, den Niederlanden, Italien und Belgien unter dem Dach der EU-Polizeibehörde Europol und der EU-Justizbehörde Eurojust zusammen. Sie gründen ein „Joint Investigation Team“. Codename der Operation: Pollino, benannt nach einem Naturschutzgebiet in Kalabrien.

Aktion sei vorbildlich verlaufen

Selbst für erfahrene Ermittler lief die gemeinsame Polizei-Aktion gegen die Mafia vorbildhaft. Und noch immer dauern die Ermittlungen an. Man brauche „langen Atem“, wenn man organisierter Kriminalität (OK) auf die Schliche kommen wolle, sagt Thomas Jungbluth, Leiter der OK-Abteilung beim LKA in NRW.

Nicht immer funktioniert die Zusammenarbeit von Polizei und Justiz in Europa, oftmals dauern Rechtshilfeersuchen lang, werden Informationen nicht weitergegeben oder verschleiert. Zudem gelten nicht in allen EU-Staaten die gleichen Gesetze, etwa für die Speicherung von Daten oder die Observation von Wohnungen oder Autos.

Gesetzeslage erschwert grenzüberschreitende Ermittlung

Für die Kriminellen ist es ein Vorteil, wenn Ermittler an der Grenze zum Nachbarland nicht weiterkommen. Das gilt zumal für Organisationen wie die ’Ndrangheta oder andere Gruppen wie Cosa Nostra oder Camorra, die hochprofessionell agieren. Man müsse sich eine Mafia vorstellen wie eine Unternehmensgruppe, sagt Experte Mattioli. „Es gibt ein Leitungsgremium und viele verschiedene Tochterunternehmen. Alle Firmen hängen global verstreut miteinander zusammen, betreiben aber auch ihre eigenen Geschäfte und nutzen ihre eigenen Vertriebswege.“

Im Fall der ’Ndragheta ist die Basis das italienische Kalabrien, doch die Außenposten reichen seit Jahrzehnten von Europa bis Kanada und Australien. In den vergangenen Jahren verlagerte sie ihren Kokainhandel nach Angaben der Ermittler von Italien stärker auf Häfen in Nordeuropa wie etwa Rotterdam. Ihre Fahrzeuge für Drogenschmuggel ließ die Mafia in der Türkei präparieren. So verwischt die Gruppe Spuren.

Schlag gegen die vielköpfige Hydra

LKA-Leiter Jungbluth ergänzt: „Die Beteiligten fliegen lieber unter dem Radar der Öffentlichkeit.“ Keine Limousinen, keine Bargeldbündel in der Hosentasche – Mafiosi agieren anders als etwa viele Straßenkriminelle, die zu arabischen Clans gehören. Viele Mafiosi leben bürgerlich, studieren, heuern Anwälte und Steuerberater an. Ermittler sprechen von einer „Kriminalität mit weißem Kragen“.

Wichtig sei neben der vernetzten Polizeiarbeit auch mehr Kontrolle von Finanzmärkten und Firmen, um Geldwäsche zu erkennen, sagt Mattioli. Auch in Aussteigerprogramme für Mafia-Mitglieder sowie in Forschung über mafiöse Strukturen müssten die Staaten investieren. Eine Polizeioperation wie „Pollino“ sei wichtig – doch wer glaube, die Mafia sei damit geschlagen, irre. Das sagt Giovanni Bombardieri, ein erfahrener Anti-Mafia-Staatsanwalt aus Kalabrien. „Dafür müssten wir Tausende Mafiosi festnehmen.“

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