Antisemitismus

Nach Pittsburgh-Attentat suchen Angehörige nach Zuversicht

Nach dem Angriff auf eine Synagoge in Pittsburgh suchen Anwohner nach Gründen für die Tat. Sie sehen auch Schuld bei Donald Trump.

Der Ruf nach noch mehr Waffen

Damit sich das Massaker in Pittsburgh nicht wiederholt, bewaffnen sich in den USA immer mehr Juden und besuchen Schießtrainings.

Der Ruf nach noch mehr Waffen

Beschreibung anzeigen

Pittsburgh.  Eine Minute dreißig können eine Ewigkeit sein. So lange dauert es, bis der Staatsanwalt in Saal 8 A des Bundesgerichts von Pittsburgh alle 44 Anklagepunkte verlesen hat. Dahinter verbirgt sich die bisher folgenschwerste Bluttat gegen jüdische Bürger auf amerikanischem Boden.

Robert Bowers, dem der weinrote Gefängnis-Overall nicht nur um die Hüften spack sitzt, schaut dem Ankläger auch dann noch mit Entschlossenheit in die Augen, als gefühlt zum zehnten Mal das Wort „Todesstrafe“ fällt. Am Ende wird der 46-jährige Lkw-Fahrer, der vor einer Woche aus Judenhass elf Gläubige in der Tree-of-Life-Synagoge in der ehemaligen Stahlstadt des US-Bundesstaates Pennsylvania mit einem Sturmgewehr erschossen haben soll und sich „nicht schuldig“ bekennt, gefragt, ob er alles verstanden hat.

Sein vorlaut, fast trotzig klingendes „Ja“ lässt nicht nur den neben ihm sitzenden Pflichtverteidiger Michael Novara kurz zusammenzucken. Wenige Augenblicke später wird der des Massenmords beschuldigte Einzeltäter in Fußfesseln und Handschellen von einem US-Marshal abgeführt. Nächster Gerichtstermin: 11. Dezember. Internet und Eilmeldungen der lokalen Fernsehsender tragen die gespenstische Szene, die bei Beobachtern im Saal Gänsehaut ausgelöst hat, in Sekunden in die Welt.

Nachahmungstäter sind eine reale Gefahr, heißt es

Unterdessen sitzen an der Ecke Shady Avenue/Wilkins, nur wenige Kilometer entfernt, Aron und John unter einem provisorischen Zeltdach und schauen still auf die andere Straßenseite. Vor der grau-beigen Fassade der Lebensbaum-Synagoge haben Freunde und Nachbarn der Toten liebevoll elf kleine Gedenkstätten improvisiert.

Polizei und Absperrgitter sichern den Schauplatz, der mit Hunderten Blumensträußen und Kondolenzkarten bestückt ist. „Wir müssen den Heilungsprozess in Gang bringen“, sagen die jungen Männer, „das geht nur, wenn wir zusammenkommen und aufhören, uns in Stämme aufzuteilen.“ Über den Täter und seine Motive wollen sie nicht sprechen. Dagegen darüber, dass zwei muslimische Vereine in wenigen Stunden „über 100.000 Dollar an Spenden gesammelt haben – für Juden“.

„Es hätte auch eine Kirche sein können“

So ist es auch im jüdischen Gemeindezentrum auf dem „Eichhörnchen-Hügel“, sprich im Stadtteil Squirrel Hill, wo sich das Massaker ereignete. Ron Symons, Direktor des Hauses, das seit 124 Jahren eine allumfassende Anlaufstelle für Menschen in der Nachbarschaft ist und sich „liebevoller Güte und zivilem Verhalten“ verschrieben hat, kommt gerade vom Pilates-Training im Erdgeschoss. Seine Kippa sitzt auf verschwitztem Haar. Noch ein Schluck aus der Eistee-Flasche, dann erzählt der 51-jährige Rabbi, wie es sich lebt nach diesem verheerenden „Schlag gegen die Menschheit“.

Der dreifache Vater hat „Tausende E-Mails aus aller Welt“ erhalten, in denen wildfremde Menschen Anteil nehmen und ihre Trauer bekunden. ­Symons will den Umstand, dass eine Synagoge zur Zielscheibe wurde, nicht überbewerten. „Es ist ein klarer Fall von Antisemitismus. „Aber es hätte auch eine Kirche, einen Sikh-Tempel oder eine Moschee treffen können. Wir wären genau so entsetzt und verwundet.“

Dass Präsident Donald Trump da war, obwohl weite Teile der Community seinen Besuch ablehnten und viele demonstrierten, spricht der 51-Jährige ungern an. „Das Amt des Präsidenten ist größer als der Mann, der es gerade ausfüllt. Ich verschwende meine Energie nicht, indem ich über Donald Trump spreche.“ Nur so viel: Dass die seit Monaten eskalierende Rhetorik des ersten Mannes im Staate gegen Minderheiten „Leuten das Gefühl gibt, sie hätten die Erlaubnis, gegen jeden etwas zu unternehmen, der ihnen suspekt ist“, steht für den Religionsgelehrten außer Zweifel.

Ebenso die Tatsche, dass nach „Columbine, Newtown, Charleston und vielen anderen Tragödien“ der Druck auf die Politik größer werden wird, die Waffengesetze zu ändern. Seine Prophezeiung: „Es wird der Wendepunkt kommen, an dem sich viele Menschen mit guten Absichten zusammentun und unsere Gesellschaft besser machen.“

Roberta Mintz Levine klingt weniger zuversichtlich. „Auch wenn ich glaube, dass der Blitz nicht zweimal an der gleichen Stelle einschlägt“, sagt die Tochter eines berühmten Reporters der „Washington Post“, sei die Gefahr von Nachahmungstätern real. Darum unterstützt sie höhere Sicherheitsvorkehrungen rund um jüdische Einrichtungen. Sich selbst bescheinigt die kleine Frau mit den verweinten Augen, die schleichende Zunahme antisemitischer Straftaten lange Zeit nicht wahrgenommen zu haben. „Ich war wohl zu naiv.“