Nachruf

„Monsieur Aznavour“: Ruhestand war für ihn ein Reizwort

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Heusch

Glaubwürdigkeit auf der Bühne war ihm heilig, bis zuletzt war Charles Aznavour voller Tatendrang. Zum Tod eines großen Chansonnier.

Paris.  Er war schon längst zu einer lebenden Legende geworden, aber überlebt hatte sich dieser kleine Mann mit der großen und unverwechselbaren Stimme keineswegs. Zumal Charles Aznavour, der in der Nacht auf Montag im Alter von 94 Jahren verstorben ist, mindestens 20 Jahre jünger wirkte als er war. Bloß dürfte es nur sehr wenige 70-Jährige geben, die auch nur annähernd einen solchen Tatendrang an den Tag legen, wie der international erfolgreichste Chansonstar Frankreichs dies bis zu seinem letzten Atemzug tat.

„Monsieur Aznavour“ stand eigentlich immer zwischen zwei Auftritten. Ruhestand war ein Reizwort für ihn. Sollte eine despektierliche Journalistenfrage sich tatsächlich in diese Richtung bewegen, reagierte der Ausnahmekünstler gereizt. „Aufhören ist wie Sterben, dafür bin ich noch nicht bereit“, knurrte er im Dezember anlässlich des Auftakts seiner letzten Europatournee.

Dass diese im Mai unterbrochen werden musste, war allein einem komplizierten Oberarmbruch geschuldet. Doch im vergangenen Monat sang er bereits wieder in Japan und ließ vermelden, dass er auch seine Europatournee in wenigen Wochen mit einem Konzert in Brüssel wieder aufnehmen wolle.

Aznavour genoss seinen Ruhm

Aznavour hat seine enorme Popularität ganz unverhüllt genossen, schon weil sie ihm alles andere als zugeflogen war. Noch kurz vor seinem 94. Geburtstag vor vier Monaten versicherte er, dass er weitersingen werde, „solange die Leute mich sehen wollen“.

Reine Koketterie, denn tiefer stapeln geht kaum. Seit fünf Jahrzehnten mindestens fanden Charles Aznavours Konzerte nur vor vollem Haus statt. Tatsächlich war er, den Aretha Franklin als den „einzigen Soulsänger Europas“ adelte, einer der wenigen französischen Chansonniers neben Maurice Chevalier, Edith Piaf und Charles Trenet, denen eine internationale Karriere glückte. In Großbritannien, Japan, Deutschland oder in den USA wurde er genauso stürmisch bejubelt wie daheim.

Sohn armenischer Flüchtlinge

Als Shanour Varenagh Aznavourian erblickte der Sohn armenischer Flüchtlinge 1924 in Paris das Licht der Welt. Schon als Junge trat er im Restaurant seiner Eltern als Sänger und Tänzer auf. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dann entdeckte ihn Edith Piaf in einem Pariser Vorstadtcafé. Er schrieb Chansons für seine große Mentorin und Geliebte, bevor er mit ihrer tatkräftigen Unterstützung selber ins Rampenlicht trat.

Trotzdem wurde Aznavour von der Kritik lange Zeit gnadenlos verrissen, ja als „der Zwerg mit der Krächzstimme“ regelrecht niedergeschrieben, bis er in den 1960er-Jahren mit Mega-Hits wie „For me formidable“, „Mourir d’aimer“, „La Boheme“, „Du lässt dich gehn“ oder „Emmenez-moi“ den Durchbruch schaffte.

Aznavour ging in die Schweiz

Aznavour ist seine „Herzensliebe“ zu Frankreich nicht nur zu Beginn seiner Karriere schlecht vergolten worden. Anfang der 70er-Jahre, als der auch als Schauspieler international gefeierte „Entertainer des Jahrhunderts“ („Time Magazine“) Scherereien mit dem Fiskus bekam, traten die Medien eine bitterböse Kampagne gegen den angeblichen Steuerbetrüger los. Seinen Durchbruch zum Schauspieler schaffte er im Jahr 1960 mit „Schießen Sie auf den Pianisten“ von François Truffaut. Mit der oscarprämierten Verfilmung „Die Blechtrommel“ von Volker Schlöndorff machte er sich als Schauspieler auch in Deutschland einen Namen.

Der Sänger fühlte sich aus seiner Heimat „vergrault“ und ließ sich deshalb in der Schweiz nieder. 2008 wurde ihm, der sich vor allem seit dem verheerenden Erdbeben 1988 immer wieder für die Heimat seiner Eltern eingesetzt hat, die armenische Staatsbürgerschaft verliehen. Seither vertrat der Vater von fünf Kindern aus drei Ehen Armenien als Botschafter in der Schweiz und in der Genfer Niederlassung der Vereinten Nationen.

Glaubwürdigkeit auf der Bühne

Ein Geheimnis bleibt wohl das seines bis zuletzt ungebrochenen Erfolgs. Einer Erklärung am nächsten kam vielleicht Jean Cocteau, der meinte, dass Aznavours melancholische Lieder es geschafft hätten, eine tiefe Verzweiflung populär zu machen.

Wobei der Verfasser von weit über 1000 eigenen Chansons, die auf mehr als 100 Millionen Tonträgern den Erdball eroberten, einst in einem Interview anmerkte, persönlich alles andere als ein unglücklicher Mensch zu sein. „Autobiografisch sind meine Texte nie gewesen“, beschied Aznavour. Aber er habe sich bewusst nie dagegen gewehrt, wenn ihn das Publikum mit seinen Chansons identifizierte: „Das erhöht die Glaubwürdigkeit, und Glaubwürdigkeit auf der Bühne ist mit das Wichtigste!“

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos