Flüchtlingspolitik

Bewegung „Seebrücke“ engagiert sich für Rettung Geflüchteter

| Lesedauer: 7 Minuten
Theresa Martus
Protest gegen vielfachen Flüchtlingstod im Mittelmeer

Protest gegen vielfachen Flüchtlingstod im Mittelmeer

Ein Zusammenschluss verschiedener Flüchtlingsinitiativen namens "Seebrücke" hatte zu Demonstrationen in mehreren Städten aufgerufen. In Berlin nahmen mehrere Hundert teil.

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Tausende fordern bei Demonstrationen des Bündnisses „Seebrücke“ flüchtlingsfreundliche Politik. Berichtet wird meist nur über Gegner.

Berlin/Leipzig.  Immer, wenn die Sprechchöre leiser werden, wird Jens Wernecke lauter: „See-not-ret-tung-ist -kein-Verbre-chen!“, skandiert er dann, so lange, bis auch die Menschen um ihn herum wieder einstimmen. Auf den Slogan folgt eigentlich rhythmisches Klatschen, aber das kann Wernecke nicht mitmachen, weil mit er mit der einen Hand seinen Gehstock schwenkt.

Eine kleine schwarze Fahne hat er dran gebunden, „Kein Mensch ist illegal“ steht darauf. Wernecke hat eine kräftige Stimme, die Wände der hohen Häuser in der Leipziger Innenstadt werfen sie zurück und verstärken sie zusätzlich. Man hört ihn selbst dann heraus, wenn die anderen Demonstranten wieder einstimmen in die Sprechchöre.

Tausende setzen sich für Seenotrettung ein

Rund 2000 Menschen gingen im August in Leipzig auf die Straße, Anfang September waren es in Hamburg laut Polizei sogar 10.000 Demonstranten. Sie setzen sich für Seenotrettung im Mittelmeer ein und gegen die Kriminalisierung der zivilen Hilfsorganisationen.

Initiatoren sind die lokalen Ableger des Bündnisses „Seebrücke“. Zusammen mit anderen zivilgesellschaftlichen Initiativen rufen die Aktivisten der „Seebrücke“ an den kommenden Wochenenden in Berlin, ­Hamburg und München zu Demonstrationen gegen Rassismus und Ausgrenzung auf.

Viele sind entsetzt, dass Seenotretter kriminalisiert werden

An jenem Sonnabend im August sind Studenten in Birkenstocks, Familien mit Kinderwagen, Rentner und Teenager mit Antifa-Flaggen nach Leipzig gekommen. Und Jens Wernecke, Pharmareferent aus Zerbst in Sachsen-Anhalt, mit Strohhut und in Cargo-Shorts. Er ist mit Frau und Tochter hier, fast zwei Stunden sind sie gefahren, um dabei zu sein. „Weil es mich ankotzt, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken“, sagt der 58-Jährige, „weil es mich ankotzt, dass den Leuten, die da helfen wollen, noch die Schiffe weggenommen werden.“

Er meint die „Lifeline“, das Rettungsschiff der Dresdner Organisation Mission Life­line, das in Malta vor Anker liegt und nicht auslaufen darf, weil es – so der Vorwurf der maltesischen Justiz – nicht ordnungsgemäß registriert sei. Gegen Kapitän Claus-Peter Reisch läuft deshalb ein Verfahren.

Berliner Verein näht aus Flüchtlingsbooten Design-Taschen
Berliner Verein näht aus Flüchtlingsbooten Design-Taschen

Wernecke war einer der Menschen, die 2015 einsprangen, als plötzlich überall Helfer gebraucht wurden. Seitdem ist er daheim in Zerbst Flüchtlingslotse, hilft bei Wohnungssuche und Bewerbungen, streitet auf Ämtern um Fristen und Genehmigungen. „Ich bin müde gelaufen“, sagt er und stützt sich auf den Gehstock mit der Fahne. Die Politik der vergangenen Jahre, deren Fokus schon lange nicht mehr auf der Willkommenskultur liege, mache es nicht einfacher.

Aus einem Chat entsteht eine Bewegung

So wie Wernecke geht es offenbar vielen Menschen im Moment: Seit Juli finden an jedem Wochenende und häufig auch an Wochentagen Aktionen des „Seebrücke“-Bündnisses statt, verteilt über ganz Deutschland. Menschen demonstrieren, halten Mahnwachen, organisieren Flashmobs für die Seenotretter.

An jenem Wochenende, als das Land auf Chemnitz blickte, wo rund 8000 Menschen bei der Demonstration von AfD, Pegida und dem fremdenfeindlichen Bündnis „Pro Chemnitz“ mitliefen, gab es mehr als 20 Veranstaltungen der „Seebrücke“ – mit weit mehr Teilnehmern als in der sächsischen Stadt.

Aus Wut wurde Engagement

Die Bewegung entstand Ende Juni, „aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus“, sagt Jonas Kakoschke, einer der Initiatoren. Die „Lifeline“ kreuzte damals seit Tagen auf dem Mittelmeer, an Bord 230 gerettete Migranten. Italien und Malta verweigerten die Aufnahme, genauso Spanien, das kurz zuvor in einer ähnlichen Situation die „Aquarius“ aufgenommen hatte.

„Wir dachten, es kann nicht wahr sein, dass es so krass unmenschlich wird“, erklärt Kakoschke. Aus einem Chat in einer Nachrichten-App, in dem eine Handvoll Leute ihrer Wut Luft machten, entstand die Idee zur „Seebrücke“. Sie wollten ein Zeichen setzen, sagt Kakoschke. Anfang Juli fand in Berlin die erste Demonstration statt, es kamen laut Veranstaltern 12.000 Menschen.

Die Bürger stehen nicht so weit rechts, wie die Parteien sie vermuten

„Wir wollen nicht nur linke Aktivisten erreichen“, sagt Kakoschke. Der gemeinsame Nenner für diejenigen, die zu den Aktionen kommen, sei der Gedanke, dass im Mittelmeer keine Menschen ertrinken sollen. „Ich habe das Gefühl, dass sehr viele Leute sich nicht repräsentiert fühlen von der aktuellen Politik.“

Berlin, München, Köln, aber auch Warnemünde, Meppen, Görlitz: Die Geschwindigkeit, mit der eine Aktion nach der anderen mit dem orangefarbenen Logo des Bündnisses auftauchte, scheint ihm recht zu geben. Und die Aktivisten sind nicht allein: In München demonstrierten im Juli Zehntausende unter dem Motto „Ausgehetzt“ gegen den asylpolitischen Kurs der CSU.

Diskurs in Richtung Mitte verschieben

Ein Indiz dafür, dass viele Bürger nicht so flüchtlingsfeindlich sind, wie die Politik vermutet, sagt Politikberater Johannes Hillje. „Nur weil die Parteien Populisten hinterherlaufen, heißt das nicht, dass die Leute das mitmachen“, erklärt er. Nachdem sich der Diskurs in den vergangenen Jahren weit nach rechts bewegt habe, könne eine Bewegung wie die „Seebrücke“ ihn wieder in Richtung der Mitte verschieben.

„Auch für Parteien ist hier Potenzial“, sagt Hillje. „Dadurch, dass sich mehr Leute zu einer explizit humanen Flüchtlingspolitik bekennen, kommen Parteien vielleicht auf den Gedanken, sich auch wieder als Vertreter dieser Menschen zu engagieren.“

Die Politik reagiert bislang zurückhaltend

Bislang ist das Echo allerdings verhalten. Man freue sich sehr über eine „Rückkehr des Politischen in der Gesellschaft“, sagt Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer der Grünen. Gerade die Bewegung der CSU nach rechts habe viele vor den Kopf gestoßen. Wenn diese Menschen nun überlegen würden, wem sie ihre Stimme geben können und „auf der Suche bei uns landen, freut uns das natürlich“, erklärt er.

Man wolle die Bewegung aber nicht vereinnahmen: „Das ist keine Parteienbewegung, das ist viel breiter.“ Zumindest in Bayern scheinen tatsächlich einige, die mit dem aktuellen Kurs der Regierung unzufrieden sind, bei den Grünen zu landen: Dort ist die Partei in Umfragen mittlerweile zweitstärkste Kraft.

Bewegung bekommt noch nicht die große Aufmerksamkeit

Auffällig sei es schon, dass die „Seebrücke“ bislang so wenige Reaktionen aus der Politik hervorrufe, sagt Jonas Kakoschke. „Bei Pegida ging es sehr viel schneller, dass die Bewegung wahrgenommen wurde.“ Die Aktivisten wollen sich nicht entmutigen lassen: Die „Seebrücke“ ist mit Veranstaltungen in Paris, Zürich und Posen international geworden, in Deutschland stehen schon bis Ende Oktober Termine für Aktionen. Auch Jens Wernecke will nicht aufgeben. Noch seien die Demonstranten zu leise und zu wenige. „Wir müssen Millionen werden, sonst werden wir nicht gehört.“ Dann stimmt er wieder einen Sprechchor an.

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