Filmlegende

Romy Schneider: Von der Heiligen zur Verstoßenen

Am Sonntag wäre Romy Schneider 80 Jahre alt geworden. Das Verhältnis der großen Schauspielerin zum deutschen Publikum war schwierig.

Romy Schneider, in Bayern aufgewachsene Wienerin und Wahl-Französin.

Romy Schneider, in Bayern aufgewachsene Wienerin und Wahl-Französin.

Foto: Gerhard Rauchwetter / dpa

Berlin.  Am 23. September wäre sie 80 Jahre alt geworden. An einem solchen Tag mag man sich fragen, was Romy Schneider wohl täte, wenn sie noch leben würde. Wäre sie noch immer eine Grande Dame des französischen Kinos, wie die fünf Jahre jüngere Catherine Deneuve?

Hätte sie sich längst aus der verhassten Öffentlichkeit zurückgezogen, wie die drei Jahre ältere Brigitte Bardot? Oder würde sie eher belanglose TV-Filme drehen, wie die nur drei Wochen jüngere Christiane Hörbiger?

Die Spekulationen sind müßig. Romy Schneider ist seit über 36 Jahren tot. Sie wurde am 29. Mai 1982 leblos in ihrer Pariser Wohnung gefunden. Gestorben, so die offizielle Todesursache, an Herzversagen. Oder, wie Alain Delon damals treffender sagte, „an gebrochenem Herzen“.

Die alten „Sissy“-Filme erzielen noch heute Traumquoten

Sie hatte etliche Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Hatte viel Alkohol gebraucht und viele Tabletten. Am Ende konnte sie auch das nicht mehr betäuben. Drei Jahre vor ihrem Tod hatte sich ihr Ex-Mann Harry Meyen erhängt. Anderthalb Jahre zuvor hatte sie sich von ihrem zweiten Mann Daniel Biasini getrennt.

Und nur zehn Monate davor starb ihr Sohn David, als er beim Klettern über einen Zaun gepfählt wurde. Seitdem erlosch Romy Schneider, starb jeden Tag ein wenig mehr. Sie hatte alles gegeben für ihre Kunst, aber nichts für sich selbst übrig gelassen.

Und doch bleibt sie, ein Privileg der früh Gestorbenen, unvergessen. Kein Jahr vergeht, an dem nicht ein neuer Romy-Bildband erscheint. Und wann immer die alten „Sissi“-Filme wiederholt werden, setzt es Traumquoten.

In Frankreich erfand sich Romy Schneider neu

Als Romy 1982 starb, haben die Deutschen sie freilich zum zweiten Mal verloren. Das erste Mal war schon Ende der 50er-Jahre, als sie nicht mehr die „Sissi“ sein wollte, als sie selbst eine Million DM, eine damals unvorstellbare Summe, in den Wind schlug für einen vierten „Sissi“-Film.

Lieber verstörte sie das Publikum mit gewagten Filmen wie „Mädchen in Uniform“ und „Schöne Lügnerin“. Und floh schließlich nach Frankreich. Die Sauberfrau ging mit dem Hallodri Alain Delon durch. So hat es das deutsche Publikum damals gesehen, das wie ein verschmähter Liebhaber zurückblieb.

In Frankreich erfand sich Romy Schneider neu. Lernte eine neue Sprache. Senkte ihre Stimme. Häutete sich wie eine Schlange. Ließ sich von Regisseuren wie Luchino Visconti formen. Und fand in Claude Sautet einen kongenialen Regisseur, mit dem sie ihre besten Filme drehte.

Die Deutschen wollten sie aber weiter nur als Backfisch, das süße Maderl, das ewige Kind sehen. Ein kollektives Missverständnis – obwohl sie als Tochter zweier Filmstars (Magda Schneider und Wolf Albach-Retty) eigentlich nie eine Kindheit hatte und von ihrer Mutter schon mit 14 Jahren zum Kinderstar aufgebaut wurde.

Aus einer Nationalheiligen wurde eine Vaterlandsverräterin

Obwohl man ihr auf der Leinwand bei der Pubertät zusehen konnte, wollte eine ganze Nation – wie ein eifersüchtiger Vater – nicht wahrhaben, dass das Kind erwachsen wurde. Dass es einen eigenen Weg ging. Und eine Schauspielerin wurde, die nun auch reifere Frauen spielte. Frauen, die sich oft nahmen, was sie wollten, und auch nicht selten eine Vergangenheit hatten.

Die Franzosen verehrten sie als „la Schneider“, die Deutschen nannten sie beharrlich bei ihrem Mädchennamen Romy. Den Wandel von der Raupe zum Schmetterling nahmen viele als persönlichen Affront wahr. Aus einer Nationalheiligen war eine Vaterlandsverräterin, aus einer Heiligen eine Hure geworden. So sah man das damals.

Freilich: Die Fans, die sie einst geliebt und ihr dann nicht verziehen haben, sind alt geworden. Längst sind andere Generationen nachgerückt, die sich auch noch an den „Sissi“-Filmen ergötzen, Romy Schneider aber unvoreingenommen wahrnehmen. Als den Ausnahmestar, der sie war.

Man wünschte sehr, Romy Schneider hätte das noch erlebt. Man wüsste auch gern, was sie, die in so vielen Filmen gegen die Nazigräuel mitspielte, heute zu dem überall erstarkenden Rechtsradikalismus zu sagen hätte. Sie war ein Weltstar, wie das deutschsprachige Kino nicht viele hervorgebracht hat. Sie fehlt uns.