Ferienzeit

Entspannung auf Knopfdruck? Auch Urlaub will gelernt sein

In der Urlaubszeit dürfte den Deutschen wieder auffallen: Freiheit, Entspannung und Kommunikation stellen sich nicht automatisch ein.

Die Ditialisierung macht auch vor dem Urlaub nicht halt.

Die Ditialisierung macht auch vor dem Urlaub nicht halt.

Foto: Chad Ehlers / picture-alliance / Chad Ehlers

Berlin.  „Wir haben kein WLAN, redet miteinander!“ Der geradezu verzweifelte Aufruf zur direkten verbalen Kommunikation, der sich an manchen Kneipenaufstellern lesen lässt, mutet in modernen Zeiten wie eine Donquichotterie an.

Ein Kampf gegen die digitalen Windmühlen, die längst den Alltag bestimmen: In Lokalen sind Paare zu sehen, die sich mit aufgeklappten Laptops tastaturenklappernd und schweigend gegenüber sitzen. Wer in U- oder S-Bahn nicht mit seinem Smartphone beschäftigt ist, macht sich geradezu verdächtig. Touristen fragen nicht mehr Einheimische, sondern Google Maps nach dem Weg.

Auch vor dem Urlaub macht die Digitalisierung nicht halt. Online nicht erreichbar zu sein ist für viele mehr als ein Preisminderungsgrund: Es wäre die Katastrophe schlechthin. Wie sollen die Kinder ruhiggestellt, die zu Hause gebliebenen Kollegen und Freunde mit Fotos aus dem prestigeträchtigen Feriendomizil belästigt und der Kontakt zur Firma gehalten werden?

Hang zur organisierten Bespaßung ist alt

Fragen über Fragen. Und ist das eigentlich noch Urlaub – oder nur eine andere Art Arbeit am anderen Ort? Nach Entspannung und Genießen der Freizeit mutet es jedenfalls nicht an. Beides stellt sich auch nicht automatisch mit dem ersten Urlaubstag ein – und war auch in den angeblich so guten alten analogen Zeiten wohl noch nie eine Stärke deutscher Touristen.

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Der Hang, sich organisiert und kontrolliert bespaßen zu lassen, ist alt: sei es nun per geführter Wanderung, geselligem Vortragsabend oder indem man sich, angeschrien von übermotivierten Animateuren, ungewohnten Leibesübungen hingibt. Selbst in der DDR, in der die Werktätigen das ganze Jahr über reglementiert, bevormundet und gegängelt wurden, gab es ein starkes Verlangen nach organisierten Tagesabläufen im Betriebsferienheim.

Was soll man auch sonst mit so einem ganzen freien Tag geschweige denn unverplanten Wochen anfangen? Seele baumeln lassen? Ein gutes Buch lesen? Arbeit vergessen und Handy abschalten? Am Ende mit fremden Menschen oder gar der Familie reden? Eben: Das bietet nur Konfliktstoff und fordert zudem Eigeninitiative.

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub

Deshalb ist es für viele Zeitgenossen leichter, online zu bleiben, die Urlaubsumgebung durch die Handykamera zu betrachten, postum zu Hause zu genießen, was man alles hätte direkt sehen können, und ab und an etwas für die Firma zu tun. Nicht so schlimm. Hauptsache, man ist glücklich. Und im Idealfall sind es auch noch Familie und Freunde – weil sie es auch nicht anders kennen.

Denn auch der Umgang mit Freiheit will gelernt sein. Wer erst am Abflugtag damit beginnt, sich über sein Freizeit-, Arbeits- und Kommunikationsverhalten – neudeutsch Work-Life-Balance – Gedanken zu machen, droht in den Wochen, die doch die schönsten des Jahres sein sollten, kläglich zu scheitern. Weil eben nicht das ganze Jahr über geübt und gelernt wurde, was für sich selbst und die Familie wirklich wichtig ist, weil das Hamsterrad von innen manchen wie eine Karriereleiter anmutet – oder weil es anscheinend eben alle so machen und man nicht zurückstehen will.

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Wer auch sonst nicht auf sich und seine Nächsten achtet, sollte nicht abrupt im Urlaub damit beginnen. Das irritiert die eigene Psyche und die Umgebung. Aber – um eine alte Fußballerweisheit abzuwandeln – nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Vielleicht bieten ja das diesjährige Ferienende und die Rückkehr in den normalen Alltag eine schöne Gelegenheit, über sich, das Leben, seine Nächsten und die Arbeit nachzudenken. Und vielleicht wird es dann beim nächsten Mal schon entspannter und kommunikativer. Wenn man mag.

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