Berlin/Amsterdam

Medikament getestet – 19 Babys tot

Rund 90 schwangere Frauen haben in den Niederlanden den Viagra-Wirkstoff Sildenafil verabreicht bekommen

Berlin/Amsterdam. Das Baby, das sie soeben zur Welt gebracht hat, atmet nicht. Weil seine Lunge nicht durchblutet wird, hat es keine Chance: Es stirbt. Um diese Tragödie zu verhindern, wurde in Amsterdam ein Medikament an schwangeren Frauen getestet, von dem sich die Ärzte ein verbessertes Wachstum für die Kinder versprechen. Es enthält den Viagra-Wirkstoff Sildenafil. Nun gab das Akademische Medizinische Zentrum (AMC) in Amsterdam bekannt, dass 19 Babys nach der Geburt gestorben sind. Die Studie, die 2015 begonnen wurde und bis 2020 andauern sollte, wurde umgehend gestoppt. Unklar ist, warum die Todesfälle nicht früher auffielen.

Der Test an Schwangeren fand an der Universitätsklinik Amsterdam sowie an zehn weiteren medizinischen Zentren und Kliniken in den Niederlanden statt. Die Babys dieser Frauen litten schon vor der Teilnahme an der Studie an schwerwiegenden Wachstumsstörungen, erklärte das AMC. Von 93 Frauen, die entbunden haben und an denen der Wirkstoff getestet wurde, sind 19 Kinder gestorben. Elf dieser Babys litten an Lungenkrankheiten, insbesondere an hohem Blutdruck in den Lungen, der zu einer Mangelversorgung mit Sauerstoff führen kann. Zur Todesursache der anderen acht Babys aus der Testgruppe ist nichts bekannt. Sechs Neugeborene aus der Versuchsgruppe hatten zwar Lungenprobleme, überlebten aber.

In einer Vergleichsgruppe mit insgesamt 90 Frauen, deren ungeborene Kinder ebenfalls Wachstumsstörungen hatten, wurde statt Sildenafil ein wirkungsloses Placebo verabreicht. Aus dieser Gruppe starben laut AMC neun Kinder, jedoch keines von ihnen an Lungenproblemen. Drei Babys aus dieser Gruppe hätten zwar auch Lungenkrankheiten gehabt, seien jedoch nicht gestorben.

Sildenafil hat eine nachweislich gefäßerweiternde Wirkung. In den 80er-Jahren wurde es zunächst gegen eine Erkrankung der Herzkranzgefäße getestet. Die Ärzte fanden durch Zufall heraus, dass es bei Männern auch eine potenzsteigernde Wirkung hat. Es ist noch heute der Wirkstoff bei Viagra. In Amsterdam versprachen sich die Mediziner eine bessere Durchblutung der Plazenta, wodurch auch der Embryo gestärkt wird.

Christof Schaefer, der Leiter der Embryonaltoxikologie an der Charité, sagt, dass es in den Niederlanden wie in Deutschland sehr strenge Auflagen gebe, bevor solch ein Test an Menschen durchgeführt werde. „Da muss zunächst eine Ethikkommission zustimmen, und die sind aus guten Gründen meist sehr streng.“ Außerdem sei es eine Voraussetzung für die Studienteilnahme gewesen, dass die Schwangerschaft vor der Einnahme des Medikaments gestört verlief.

Betroffene Frauen werden von Ärzten betreut

Den beteiligten Medizinern sei bewusst, dass die Ergebnisse der Medikamentenversuche „enorme Auswirkungen auf die Frauen und ihre Umgebung“ haben. Mit allen habe man persönliche Gespräche geführt und alle Frauen würden „so gut wie möglich“ durch Ärzte betreut werden, die an der Studie beteiligt gewesen seien, so der AMC. Bei den Müttern habe der Wirkstoff Sildenafil nicht zu Schädigungen geführt.

Ähnlichkeiten zu dem Contergan-Skandal aus den 1960er-Jahren sieht Schaefer nicht. Durch die Einnahme des millionenfach verkauften Beruhigungsmittels in der frühen Phase der Schwangerschafte kamen bis zu 10.000 fehlgebildete Kinder zur Welt. Schaefer verweist auf einen für ihn eklatanten Unterschied: Der Kliniktest macht deutlich, „dass Arzneimittel nicht nur im ersten Schwangerschaftsdrittel, sondern auch danach möglicherweise schwerwiegende Folgen für das ungeborene Kind haben können“.

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