Bikini

Bei der Miss-America-Wahl gibt es Zoff um ein Stück Stoff

Bei der Miss-America-Wahl war der Bikini fester Bestandteil der Show. Nach dem Aus der Bademodenschau gibt es weiter Diskussionen.

Foto: Getty Images / Bettmann/Getty Images

Washington.  Als im September 1968 in Atlantic City der alljährliche Miss-America-Schönheitswettbewerb startete, traten wütende 400 Feministinnen mit der Parole „Frauen sind kein Fleisch“ auf den Plan. Sie warfen Lockenwickler, Stöckelschuhe, Nylonstrümpfe, falsche Wimpern, Lippenstifte und Büstenhalter demonstrativ in einen großen Abfalleimer.

Genau 50 Jahre später geht es immer noch um nackte Haut. An der Spitze der Organisation des Schaulaufens um Anmut und Ausstrahlung ist ein erbitterter Krieg um ein Stück Stoff ausgebrochen. Bikini or not Bikini (oder Badeanzug)? Das ist die Schlüsselfrage in einem Drama, das sich zur gefühlten Staatsaffäre hochschaukelt.

Der Reihe nach: Im vergangenen Winter wurden unflätige Äußerungen über ehemalige Schönheits­königinnen bekannt. Urheber war der damalige Chef der Miss-America-Organisation, Sam Haskell. Er musste gemeinsam mit einigen Mitstreitern seinen Hut nehmen. An seine Stelle rückte Gretchen ­Carlson. Die resolute, ehemalige TV-Moderatorin aus Minnesota und Schönheitskönigin von 1989 sah im neuen Amt die Zeit für ­einschneidende Veränderungen gekommen, die dem durch die „#MeToo“-Bewegung veränderten Frauenbild Rechnung tragen sollten.

Seit Juni steht fest: Keine Auftritte mehr im Bikini

Nach Beratungen in den Miss-America-Gremien stand im Juni der einstimmige Beschluss fest: Fleischbeschau im Bikini und Badeanzug auf Stöckelschuhen (warum eigentlich nie Flip-Flops?) werden abgeschafft. Und damit ein fester Bestandteil der 1921 zum ersten Mal ausgetragenen Show. Auch der durchgenormte Auftritt in der Abendrobe ist perdu.

Jede Teilnehmerin soll anziehen, was ihrer Persönlichkeit am nächsten kommt. Schlabber-Jogginghose? Kein Tabu. „Wir werden euch nicht mehr nach dem Aussehen beurteilen, weil wir daran interessiert sind, was ihr denkt“, sagte Carlson. Sie brachte die Neuerung nach knapp 100 Jahren Wettbewerbshistorie radikal auf den Punkt: „Wir sind kein Schönheitswettbewerb mehr.“ Wie bitte?

Bis die Veränderung allen dämmerte, dauerte es ein paar Tage. Aber dann brach aus, was Beteiligte in US-Medien einen veritablen „Bürgerkrieg“ nennen. Vertreter von Miss-America -Untergliederungen aus 22 Bundesstaaten sowie ­etliche, inzwischen betagte Schönheitsköniginnen gingen öffentlich auf die Barrikaden. Sie beschuldigten Carlson despotischer Alleingänge, warfen ihr Täuschungsmanöver vor und verlangten kurzerhand ihren Rücktritt sowie den von Geschäftsführerin Regina Hopper.

Hauptargument: Ohne die Badeanzug-Einlage verliere das Fernsehen das ­Interesse an der Show. Ohne Fernsehen keine Werbeeinnahmen. Ohne Werbeeinnahmen ein künftig noch größeres Defizit als die rund 550.000 Dollar im Jahr 2016. ­Unsinn, konterte der Vorstand um Gretchen Carlson und verwies darauf, dass der übertragende Sender ABC überhaupt nichts dergleichen erklärt habe.

Ehemalige Preisträgerin hofft auf Rückkehr des Bikinis

Um die Tochter eines lutherischen Pfarrers nicht alleinzulassen, bekundeten 31 ehemalige Miss-America-Krönchen-Halterinnen schriftlich ihre uneingeschränkte Solidarität mit Carlson. Sie verdiene „volle Unterstützung“ bei ihrem Versuch, dem Wettstreit seinen überholten Charakter zu nehmen und den Blick stärker auf die inneren Werte der Teilnehmerinnen zu lenken.

Eine Denke, die in traditionellen Zirkeln nicht ankommt. Bei der Miss-Texas-Wahl in Dallas traten kürzlich drei ehemalige Beauty Queens in Slogan-Shirts auf. „Wenn wir keinen Badeanzug haben, verlieren wir einen vitalen Teil von Miss Texas und Miss America“, war dort zu lesen. Dana ­Rogers, Preisträgerin des Jahres 1983, fügte hinzu: „Es geht um Fitness und richtige Ernährung. Ich hoffe sehr, der Bikini-Teil kommt zurück.“

Wie der Kampf um zu viel (oder zu wenig) nackte Haut ausgeht, wird sich am 9. September in Atlantic City zeigen. Es sind noch Tickets erhältlich.