Seenot

Mehr als 110 Vermisste bei Flüchtlingsunglück im Mittelmeer

Im Mittelmeer ist ein Boot mit 130 Migranten in Seenot geraten. Eine Expertin erhebt schwere Vorwürfe gegen die libysche Küstenwache.

Vor der libyschen Küste gerettete Migranten sitzen an Bord eines Rettungsbootes der Hilfsorganisation Proactiva Open Arms. (Archiv)

Vor der libyschen Küste gerettete Migranten sitzen an Bord eines Rettungsbootes der Hilfsorganisation Proactiva Open Arms. (Archiv)

Foto: Olmo Calvo / dpa

Rom/Dresden.  Bei einem erneuten Flüchtlingsunglück sind vor der libyschen Küste vermutlich 114 Menschen ums Leben gekommen. Ein Boot mit 130 Geflohenen sei in Seenot geraten, jedoch seien nur 16 von ihnen gerettet worden, erklärte das UN-Flüchtlingshochkommissariat am Montagabend über Twitter. Die Überlebenden seien in den Hafen der libyschen Hauptstadt Tripolis gebracht worden.

Derweil kritisierte der Kapitän des deutschen Rettungsschiffs „Lifeline“ , dass die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer der libyschen Küstenwache überlassen werde. Deren Mitarbeiter hätten die Besatzung der „Lifeline“ mit dem Tod bedroht, sagte Claus-Peter Reisch nach Angaben der Dresdener Hilfsorganisation Mission Lifeline.

Er habe einen Funkspruch aufgezeichnet, in dem es geheißen habe „I kill you“. Reisch steht in Malta vor Gericht, weil die „Lifeline“ angeblich in den Niederlanden falsch registriert ist. Die Seenotretter sehen darin einen politischen Prozess. Das Schiff wurde von den maltesischen Behörden beschlagnahmt.

Reisch: Regelmäßig Tote bei Rettungsaktionen

Reisch sagte, die Einsatzkräfte der libyschen Küstenwache seien nicht professionell ausgestattet, so verfügten deren Schiffe nicht über Schwimmwesten. Bei Rettungsaktionen der libyschen Küstenwache kämen regelmäßig Menschen ums Leben.

Die „Lifeline“ musste in der vergangenen Woche mit 234 Geretteten an Bord sechs Tage im Mittelmeer ausharren. Malta gab erst dann die Erlaubnis, in der Hauptstadt Valletta anzulegen , als acht EU-Staaten die Aufnahme der Flüchtlinge zugesagt hatten. Auch die anderen beiden im Hafen von Malta ankernden Rettungsschiffe „Sea Watch 3“ und „Seefuchs“ dürfen bis auf weiteres nicht auslaufen.

Expertin übt scharfe Kritik an libyscher Küstenwache

Die Hamburger Migrationsexpertin Nicole Hirt geht mit der Kritik an der libyschen Küstenwache noch weiter. „Die Küstenwache besteht aus unterschiedlichen Warlords, die sich den Namen Küstenwache gegeben haben, um Geld von Europa zu kriegen“, sagte die Wissenschaftlerin am Giga Institut für Afrika-Studien in Hamburg. „Sie sind selbst im Menschenschmuggel involviert, retten die Flüchtlinge also, damit sie verkauft werden.“

Die Geflohenen, die nicht verkauft würden, kämen in die Lager in Libyen, in denen katastrophale Bedingungen herrschten mit Folter und Missbrauch. „Die EU spielt diesen Bedingungen in die Hände“, betonte Hirt. Sie erhebe die Küstenwache mit der Zusammenarbeit in einen offiziellen Rahmen, was nicht den Tatsachen entspreche.

„Die EU hat keine Kontrolle“

„Libyen ist ein gescheiterter Staat mit mehreren Regierungen. Es herrscht dort keinerlei Rechtsstaatlichkeit.“ Also unterliege auch die Küstenwache nicht rechtsstaatlichen Prinzipien und werde wegen Menschenrechtsverletzungen nicht belangt. „Die EU hat keine Kontrolle über sie.“

Italien und Malta haben im Juni ihre Häfen für private Rettungsschiffe geschlossen. Zugleich werden die privaten Rettungsorganisationen an Einsätzen gehindert. Stattdessen gibt die italienische Seenotrettungsbehörde die Koordinaten von Flüchtlingsbooten, die in Not geraten sind, der libyschen Küstenwache, die von Italien und der EU mitfinanziert und unterstützt wird. (epd)