Kritik

Tierschützer setzen Zirkus-Dompteure unter Druck

Engagierte Tierschützer machen Stimmung gegen den Einsatz von Wildtieren in Zirkussen. Diese setzen auf immer waghalsigere Artistik.

Jeden Sommer wiederholen sich die Bilder: Hunde ersticken in überhitzten Autos oder vegetieren auf Rastplätzen einsam vor sich hin. Doch wer Tieren absichtlich Leid zufügt, begeht kein Kavaliersdelikt, sondern macht sich strafbar. Die Anwaltauskunft

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Berlin.  Es dauerte nicht lange, bis das Aktionsbündnis „Tiere gehören nicht zum Circus“ Wind von der Sache bekam. Ein Elefant war am Mittwoch in Rheinland-Pfalz aus seinem Gehege ausgebrochen und am helllichten Tag durch Neuwied spaziert. Nach etwa einem Kilometer fing ein Mitarbeiter des Zirkus Krone, zu dem das Tier gehört, ihn wieder ein. Eigentlich ist nichts passiert, außer dass die Polizei kurzzeitig eine Straße sperren musste.

Das Aktionsbündnis aber berichtet auf Facebook, der Elefant habe „verzweifelt das Weite“ gesucht, erinnert an einen vor drei Jahren in Baden-Württemberg von einem Elefanten getöteten Spaziergänger und empört sich: „Wie lange wollen unsere Politiker*innen diesem Wahnsinn eigentlich noch tatenlos zuschauen?“

In vielen europäischen Staaten sind Wildtiere in Zirkussen verboten

Knapp 300 Wanderzirkusse gibt es in Deutschland, nicht ganz die Hälfte davon hält Wildtiere. Der Ausbruch in Neuwied zeigt: Der Ton wird schriller. Engagierte Tierschützer wollen nicht hinnehmen, dass es in Deutschland kein Gesetz gibt, das den Einsatz von Wildtieren verbietet – im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten, etwa Italien und Irland. Aktivisten möchten Zirkustruppen aus den Städten vertreiben.

Als vor wenigen Wochen der traditionsreiche Zirkus Probst zu einem Gastspiel ins thüringische Nordhausen kam, schlichen sich Protestierer zu den Ankündigungsplakaten und verbrannten einige. Auf andere schrieben sie „Wegen Tierquälerei abgesagt“. Für das Unternehmen ein Desaster – nicht nur wegen des finanziellen Schadens durch die zerstörten Schilder. Zirkusmann Mathijs de Kiefte ist wütend über die Rufschädigung.

Peta versucht, das Stimmungsbild in ihrem Sinn zu beeinflussen

„Wir sind ein guter Zirkus, der seine Tiere nicht quält“, stellt er klar. Zum Beweis führt er die regelmäßigen Besuche der Amtstierärzte an, die immer wieder kontrollierten, ob es den Löwen und Kamelen gut gehe, die in seiner Show auftreten.

Besonders die für ihre rigide Haltung bekannte Organisation Peta versucht, das Stimmungsbild in ihrem Sinn zu beeinflussen. Peta bezeichnet Zirkustiere als Gefangene, „die dazu gezwungen werden, unnatürliche und oft sogar schmerzvolle Darbietungen zu erbringen, die einige Menschen ‚Unterhaltung‘ nennen“.

Die ARD schneidet Wildtiernummern bei Übertragung heraus

Die anhaltende Debatte darüber, ob es vertretbar ist, Wildtiere in der Manege einzusetzen, zeigt Wirkung. Zahlreiche Städte weigern sich mittlerweile, Flächen an Zirkusse zu vermieten, sofern diese Wildtiernummern im Programm haben. Und die ARD überträgt zwar seit Jahren das berühmte Zirkusfestival von Monte Carlo – die informelle Weltmeisterschaft der Manegekunst –, schneidet Wildtiernummern aber heraus. Zu groß scheint die Angst vor Hassmails radikaler Zirkusgegner.

Sogar bekannte Unternehmen beugen sich dem Druck. Roncalli, einer der größten deutschen Zirkusse, hat Tiernummern Anfang des Jahres komplett aus seinem Programm verbannt . Eine Entscheidung zum Wohl der Vierbeiner, heißt es: In den Zentren der Großstädte, in denen Roncalli häufig gastiert, gebe es zu wenige Möglichkeiten, Tiere artgerecht unterzubringen.

Roncalli erzürnt manche Konkurrenten

Ein Zirkus ohne Tiere – will das überhaupt jemand sehen? Die Resonanz, schildert Roncalli-Sprecher Mark Strobl, sei gigantisch. 80.000 Mails und Anrufe hätten ihn und seine Mitstreiter erreicht, seitdem sie ihren Verzicht erklärt haben. „95 Prozent davon war positives Feedback“ – für Strobl ein Beleg dafür, dass gerade die junge Generation den Einsatz von Tieren zu Unterhaltungszwecken ablehnt.

So erkenne ich, ob bei Lebensmitteln auf das Tierwohl geachtet wurde

Roncalli ist jedoch eine Ausnahme und erzürnt manche Konkurrenten. „Die Mehrheit der Leute ist vielleicht gegen Zirkustiere“, gibt Dieter Seeger vom Zirkus Knie zu bedenken, der in seinen Programmen gern Seelöwen und Ze­bras zeigt. „Aber die Mehrheit geht auch nicht in den Zirkus. Wir sind ein Unterhaltungsangebot für ein bestimmtes Publikum, das die Manege liebt.

Tödliche Artistenunfälle häufen sich

Und das will Tiere sehen.“ Er fürchtet, dass viele Wanderzirkusse zahlungsunfähig werden, sollten sie keine Tiere mehr zeigen dürfen. Und Frank Keller, der Tierschutzbeauftragte des Zirkus Krone, hält ein Wildtierverbot für „unsinnig, weil es sich bei unseren Tieren ja nicht um wirkliche Wildtiere handelt. Die Löwen sind in 21. Generation in menschlicher Obhut geboren.“

Immer mehr Programmmacher setzen lieber auf waghalsige Artistiknummern, um dem Publikum abseits der umstrittenen Tierdressuren Spektakel zu bieten. Mit teils dramatischen Folgen. Im März stürzte ein 38-jähriger französischer Artist des ohne Tiere arbeitenden Cirque du Soleil vor den Augen der entsetzten Zuschauer während einer Luftakrobatik-Nummer aus sechs Meter Höhe in den Tod. Der Mann war bereits das dritte Cirque-du-Soleil-Mitglied, das innerhalb der letzten fünf Jahre tödlich verunglückte. Er wird nicht das letzte gewesen sein.