Berlin

Pfuschende Ärzte gefährden Leben

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Jonas Erlenkämper

Zahl der Behandlungsfehler geht nur leicht zurück. Weiterhin Tausende Fälle. Zentrales Register gefordert

Berlin. Für die Patientin ist alles schiefgelaufen, was schiefgehen konnte. Wegen einer Nierenkrankheit musste sie geröntgt werden, doch der Arzt verabreichte ihr als Kontrastmittel ausgerechnet eine viel zu hohe Dosis eines das Harnsystem schädigenden Wirkstoffs. Ein kleiner Fehler mit gravierenden Folgen: Die Frau erlitt einen schweren Nierenschaden und benötigt nun dauerhaft Dialyse.

Dieser Fall, von dem der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) am Dienstag in Berlin berichtete, ist einer von Tausenden ärztlichen Behandlungspatzern, die sich pro Jahr in Deutschland ereignen. „Wir sehen immer wieder die gleichen Fehler – auch solche, die nie passieren dürften: vom im Körper vergessenen Tupfer bis hin zu Verwechslungen von Patienten“, so der stellvertretende MDK-Geschäftsführer Stefan Gronemeyer.

Bundesweit verzeichnete die Organisation im vergangenen Jahr 13.519 Sachverständigengutachen zu vermuteten medizinischen Behandlungsfehlern. In 3337 Fällen – das sind rund 25 Prozent – wurde der Verdacht bestätigt. Die meisten Beanstandungen gab es in den Bereichen Chirurgie und Orthopädie. Auch in der Pflege, der Zahnmedizin und der Frauenheilkunde waren die Zahlen hoch. Viele Beschwerden gibt es im Zusammenhang mit Knie- und Hüftgelenksoperationen sowie bei Knochenbrüchen. Solche Beeinträchtigungen nehmen Patienten schneller wahr als eine falsche Medikamentengabe. Zwar registriert der MDK einen Rückgang der Fallzahlen: 2016 hatte es rund 200 bestätigte Behandlungsfehler mehr gegeben (15.094). Für eine gute Nachricht hält Gronemeyer das jedoch nicht. Über die Ursache des Rückgangs lasse „sich nur spekulieren“. Er weist darauf hin, dass in die Statistik nur Fälle eingehen, die Patienten tatsächlich gemeldet haben. „Wie viele Behandlungsfehler sich in Deutschland ereignen und wie viele Patienten dabei zu Schaden kommen, wissen wir nicht. Schätzungen gehen von deutlich mehr als 100.000 Fällen pro Jahr aus. Die Dunkelziffer ist also hoch.“

Tatsächlich lässt die MDK-Statistik nur bedingt Rückschlüsse darauf zu, wie verbreitet Ärztepfusch wirklich ist. Die Mediziner etwa haben eigene Beschwerdestellen, sie verzeichneten im vergangenen Jahr 2213 bestätigte Fälle. Viele Patienten, die befürchten, im Krankenhaus oder einer Praxis schlecht behandelt worden zu sein, melden sich gar nicht bei einer Beschwerdestelle. Stattdessen wenden sie sich gleich an Gerichte oder Anwälte. Das kritisiert auch Deutschlands oberster Patientenschützer. Gleich drei Institutionen sammeln in Deutschland Behandlungsfehler, bemängelt Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz auf Anfrage: Krankenkassen, Ärztekammern und Gerichte sammelten „nebeneinander her“. Brysch fordert daher ein zentrales Register für Ärzte- und Pflegefehler. „Fehler ist Fehler. Für den Betroffenen ist es egal, ob er durch den Arzt oder eine Pflegekraft geschieht.“

20.000 Tote infolge vermeidbarer Fehler

Auch der MDK weist darauf hin, dass die verfügbaren Daten nicht repräsentativ seien. Widerspruch kommt von der Ärzteschaft. Wolfgang Eßer von der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung wirft dem MDK vor, das „Vertrauen in die Versorgung“ zu beschädigen.

Schätzungen zufolge sterben 20.000 Menschen im Jahr infolge vermeidbarer Fehler. Stefan Gronemeyer betont: „Die Ärztekammern und die Medizinischen Dienste leisten mit ihren Jahresberichten einen Beitrag zur Fehlervermeidung.“ Ein Versehen wie bei der Patientin, bei der das Kontrastmittel einen schweren Nierenschaden verursacht hat, dürfe sich nicht wiederholen. Der Arzt hätte einfach ihre Vorerkrankungen abfragen müssen.