Rassismusvorwürfe

So politisch war Meghan Markles und Prinz Harrys Hochzeit

Das ZDF sieht sich nach der royalen Hochzeit Rassismusvorwürfen ausgesetzt. Doch auch aus anderen Gründen war die Hochzeit politisch.

Meghan Markle: Wegen Meghans Herkunft sprechen die Briten jetzt von "Vielfalt" , die ins Königshaus einzieht. Reporterin Johanna Rüdiger hat in Windsor einen Briten mit afrikanischen Wurzeln getroffen, und ihn gefragt, was er davon hält.

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Windsor.  Plötzlich war es so, als gebe es doch nur diese beiden Menschen auf der Welt: Nämlich in dem Moment, als Meghan an den Altar tritt und Harry zurückhaltend, aber sichtlich aufgeregt-verliebt anlächelte, und Harry ebenso zurück lächelte. Er flüsterte besorgt: „Bist du ok?“ Ein intimer, privater Moment eines Paares, indem beide scheinbar vergessen hatten, dass die ganze Welt zusieht.

Doch mit etwas Abstand zu der Zeremonie wird deutlich: Die Hochzeit war für viele Beobachter alles andere als intim, sondern ein höchst politisches Ereignis.

Was nützte es zum Beispiel, dass die beiden ihre Hochzeit extra ins beschauliche Windsor verlegten und neben 600 Adligen und Prominenten auch 2650 ganz normale Bürger als Gäste einluden. Das strenge Protokoll, die 100.000 Zaungästen, die vor den Absperrungen ihre Handys zückten, Milliarden von Zuschauern vor den Fernsehern – das alles schien es fast unmöglich zu machen, die Hochzeit als etwas anderes als eine inszenierte Show für die Massen zu sehen.

„Sie hilft der Monarchie, Schwarze und Weiße zusammenzubringen“

Unter den Zuschauern waren auch zahlreiche Adels-Experten und Medienvertreter, die diese Zeremonie politisierten. Die Zeremonie habe das „königliche Regelbuch umgeschrieben“, jubelten die britischen Zeitungen am nächsten Tag. Und meinten damit auch den Gospelchor, der „Stand by me“ von Ben E. King sang, und den jungen schwarzen Star-Cellisten, der während der Trauung hingebungsvoll spielte.

Offensichtlich war all das Meghans Idee, und das zeigt: Die ehemalige UNO-Sonderbotschafterin für Frauenrechte wird sich nicht so leicht von der Monarchie vereinnahmen lassen. Und ihre Wurzeln – „biracial“ nennen die Briten das – nicht verleugnen. „Es ist großartig, dass wir jetzt mit Meghan jemanden haben, die so eloquent und positiv ist“, sagte Michael Anaman.

Hochzeit-Highlights: Das waren die fünf schönsten Momente

Der 46-jährige Londoner, dessen Eltern aus Ghana stammen, verfolgte die Trauung auf einem der großen Public-Viewing-Screens am Long Walk, also im Park vor Schloss Windsor. „Sie hilft der Monarchie, Schwarze und Weiße zusammenzubringen“, sagte er. Als Meghan ruhig, aber bestimmt „I do“ sagt, klatschte er laut – genauso wie die Zehntausenden Menschen um ihn herum.

In Deutschland ist derweil eine Diskussion darüber entbrannt, ob das ZDF bei seiner Berichterstattung Meghans Herkunft mit rassistischen Kommentaren bedacht hat. Dabei wiederholten die ZDF-Kommentatoren das Schlagwort „afroamerikanisch“, als hätten sie einen großen Sprechzettel mit dem rot markierten Adjektiv vor sich. Mit der Hochzeit werde die Braut „zur Symbolfigur für alle Nicht-Weißen“, schlussfolgerte die Luise Wackerl von der „Gala“ dann auch Live im deutschen Fernsehen – 2018.

YT uebermedien Zusammenschnitt Royal Wedding

Der Medienkritik-Blog uebermedien.de schnitt einige Passagen aus der knapp vierstündigen Übertragung zu einem zweiminütigen Video zusammen. Hier wird das Ausmaß der kritisierten Sprache deutlich, wenn der Moderator Norbert Lehmann sich beispielsweise über den Auftritt des Gospelchors freut und meint: „alleine weil es so fantastisch schwarz und so toll schwarz gesungen war!“

Das ZDF äußerte sich gegenüber dem Medienportal dwdl.de zu der Sendung. In der kurzen Stellungnahme heißt es, der Sender nehme die Kritik ernst. Eine offizielle Entschuldigung gibt es bislang nicht.

In Windsor wurde stattdessen über Meghan Markles Kleid diskutiert

Auf den Straßen Windsors diskutierten die Zuschauer lieber über Meghan Markles Outfit: Ist das Kleid zu schlicht – oder doch raffiniert schlicht? „Mir ist es etwas zu einfach, ich bin überrascht, dass sie sich nicht für etwas glamouröseres entschieden hat“, sagte etwa Michelle Poggi.

Sie selbst trug einen gigantische, flauschigen Union-Jack-Hut, ihre Fingernägel waren rot-weiß- lackiert. Sie lehnte an der Absperrung direkt von der St.George-Kapelle. Wenige Minuten zuvor war unter den Jubelschreien der Menge die Hochzeitskutsche dort vorbeigefahren.

Seit Tagen campierte die Australierin hier, neben ihr stand noch der Klappstuhl, daneben ihr Schlafsack. Michelle Poggis Strategie hatte sich ausgezahlt, immerhin konnte sie für wenige Sekunde lang einen Blick in die Kutsche werfen – genug Zeit anscheinend für eine Stilkritik. „Aber Meghan sah trotzdem umwerfend aus, einfach so glücklich und verliebt“, fügte sie noch hastig hinzu. Schließlich war dies ein Fest der Liebe, da war Kritik eher nicht erwünscht. „Alle sind so nett hier, eine junge Familie hat mir gestern noch Decken und Getränken gebracht, ich konnte doch nicht weg von meinem Platz“, sagte Michelle Poggi noch.

Schon am Sonntag war in Windsor wieder die Normalität eingekehrt, die Menschen, die sich jetzt die Straßen drängelten, trugen kurze Hosen, praktische Rucksäcke und bequeme Schuhe: Touristen, die gekommen sind, um sich das 900-Jahre alte Schloss anzusehen. Der Zauber war vorbei. Auch für Meghan und Harry, ein bisschen zumindest: Statt in die Flitterwochen – die wurden erst mal verschoben – geht es am Dienstag zum ersten royalen Pflichttermin: Zu einer Gartenparty im Buckingham Palast, die die Queen zu Ehren von Prinz Charles gibt, der im November seinen 70. Geburtstag feiert. Dann kann die Herzogin von Sussex, wie Meghan seit der Trauung heißt, zeigen, ob sie auch im Prinzessinnen-Alltag noch „ok“ sein wird. Die Welt, die zuschaut, würde es ihr wünschen.