Psychologie

Warum Männer als die Meister der Selbstüberschätzung gelten

Wenn sich Ahnungslose für besonders schlau halten, kann das gefährlich werden. Das Phänomen hat auch einen wissenschaftlichen Namen.

Ein Mann mit sogenanntem Wingsuit in Zhangjiajie, China.

Ein Mann mit sogenanntem Wingsuit in Zhangjiajie, China.

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Photoshot

Berlin.  Ein-bisschen-Wisser leben gefährlich. Gerade sie überschätzen sich – an der Börse, im Straßenverkehr oder an der Spitze eines Unternehmens. „Durch die im Internet verfügbaren Informationen hat das Phänomen noch zugenommen, dass Menschen sich fälschlicherweise als kompetent wahrnehmen“, sagt der Soester Psychologe Ralph Schliewenz. „Jeder kann dort veröffentlichen, was er will – aber nicht jeder kann das verstehen und einordnen.“

Viele Studien haben ergeben, dass sich Menschen positiver und leistungsfähiger einschätzen, als sie sind. „Bei anderen bin ich sehr kritikfähig, bei mir selbst eher nicht“, sagt der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried. Betroffen von massiver Selbstüberschätzung sind vor allem Männer.

Probanden unterschätzen ihre Leistung

Eine Studie der Arizona State University ergab kürzlich, dass sie sich mit gut dreimal höherer Wahrscheinlichkeit für intelligenter als enge Mitstudenten halten als Frauen dies tun. Die Forscher um Katelyn Cooper hatten gut 200 Studienanfänger befragt, die noch nicht wussten, wie der Leistungsstand ihres Kurses war. Einen objektiven Grund wie bessere Noten habe es für die wohlwollende Selbsteinschätzung nicht gegeben, erläutert das Team im Fachmagazin „Advances in Physiology Education“.

Das Phänomen, dass inkompetente Menschen ihr eigenes Können überschätzen und zudem nicht in der Lage sind, das Maß ihrer Inkompetenz zu erkennen, hat einen populärwissenschaftlichen Namen: Dunning-Kruger-Effekt. Geprägt wurde er 1999 von den US-Psychologen David Dunning und Justin Kruger. Sie hatten Studenten Grammatik- und Logik-Tests bearbeiten lassen. Am Ende mussten die Teilnehmer einschätzen, wie gut sie im Vergleich zu den anderen abschnitten.

Viele überschätzen ihr Wissen hoffnungslos

Das erstaunliche Ergebnis: Ausgerechnet das schlechteste Viertel glaubte von sich, weit über dem Durchschnitt zu liegen. Die Selbstüberschätzung hielt sich hartnäckig: Selbst wenn sie die Testbögen der besten Teilnehmer ansehen durften, hielten die Unfähigsten am wohlwollenden Urteil über ihre Fertigkeiten fest. Besonders intelligente Probanden hingegen unterschätzten ihre Leistung.

Doof sind immer nur die anderen – das glauben also vor allem diejenigen, die im fraglichen Bereich selbst wenig wissen. „Nur der Weise weiß, dass er nichts weiß“, sagt Schliewenz. So kommt es, dass der Postbote sichere Anlagetricks zu kennen glaubt, am Stammtisch weltpolitische Lösungen gefunden werden und der 18-jährige Fahranfänger felsenfest überzeugt ist, sein 200-PS-Gefährt bestens unter Kontrolle zu haben.

Egal ob Hobby, Sport, Finanzmarkt oder Klimaforschung: Menschen tendieren dazu, ihr Wissen hoffnungslos zu überschätzen, sobald sie sich etwas informiert haben. Sie glauben, dass sie sich nun bestens auskennen, wenn nicht gar die perfekte Lösung kennen. „Je geringer die Intelligenz und die Kommunikationsfähigkeit eines Menschen, desto weniger ist er in der Lage, etwas sachlich zu beurteilen“, sagt der Hamburger Psychologe Laszlo Pota. „Und umso eher wird er versuchen, das zu überspielen, indem er auf coolen Macker macht, der alles weiß und alles kann.“

Gefahr bei jungen Medizinern, Politikern und Börsenhändlern

Oberflächenwissen kann gefährlicher sein als gar keine Ahnung zu haben. Das bestätigte kürzlich eine weitere Untersuchung Dunnings an der University of Michigan in Ann Arbor. Menschen, die eine bestimmte Methode gerade erst kennengelernt haben, halten sich demnach zu schnell für Experten. Das äußere sich etwa darin, dass sie wilde und fehlerhafte Theorien aufstellen, wie sich Probleme lösen lassen, berichten die Forscher im „Journal of Personality and Social Psychology“. Erst mit weiteren Erfahrungen auf dem Gebiet verließen Einsteiger die Anfängerblase der Selbstüberschätzung. Gefahr bedeutet das unter anderem bei jungen Medizinern, Politikern oder Börsenhändlern.

In der Fachliteratur hat der Dunning-Kruger-Effekt kaum Eingang gefunden – wohl, weil er gar zu trivial erscheint. Schon der englische Dichter William Shakespeare fügte vor mehr als 400 Jahren in sein Theaterstück „Wie es euch gefällt“ den Satz ein: „Der Narr meint, er sei weise, doch der weise Mann weiß, dass er ein Narr ist.“

Der Effekt der Selbstüberschätzung sei dem Menschen ein Stück weit in die Wiege gelegt, sagt Psychologe Seifried. „Das beginnt bei Kindern, die Gefahren nicht richtig einschätzen.“ Hinter Selbstüberschätzung stecke vielfach ein psychologischer Mechanismus: „Wenn ich mich selbst auf- und andere abwerte, macht mich das stark.“ Sich und der Welt beweisen zu wollen, was für ein toller Kerl man ist – das sei gerade bei Männern mit geringem Selbstwertgefühl ausgeprägt. „Menschen, die in sich ruhen, haben das nicht nötig.“

Trend zur Verflachung

Die moderne Gesellschaft mit ihren als Prinzessinnen und Prinzen hofierten Kindern und den auf die eigene Darstellung konzentrierten sozialen Medien fördere den Hang zur Selbstinszenierung noch. Selbstreflexion, die eigenen Schwachpunkte sehen – dazu seien immer weniger Menschen gut in der Lage, sagt Seifried. „Muss man aushalten können, etwas nicht zu können.“

Nach Einschätzung von Laszlo Pota besteht der Trend zu Verflachung – bei der Informationsbeschaffung ebenso wie in Beziehungen – schon seit zwei Generationen. Statt sich Wissen mühsam zu erarbeiten, gebe man sich mit Halbwissen aus dem Internet zufrieden. „Das geht mit einer zunehmend egomanen Einstellung einher.

Was draußen in der Welt passiert, ist völlig egal, solange es mich nicht betrifft.“ Statt Dinge zu hinterfragen, werde konsumiert. Blender mit wenig Fachwissen, aber pompöser Selbstinszenierung lägen im Trend – nicht zuletzt als Staatsoberhaupt.

Trump als Inbegriff überzogenen Selbstvertrauens

Ralph Schliewenz sieht für den Dunning-Kruger-Effekt auch evolutionäre Gründe : „Dem Mutigen gehört die Welt.“ Zu jeder Entdeckung, zu jedem Aufbruch zu neuen Horizonten gehöre ein Stück weit die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten. „Wir gehen gern den leichteren Weg. Die Ausnahmen unter uns sind es, die die Menschheit weiterbringen.“ Hinzu komme, wie der kompetent tuende Dumme von seiner Umgebung wahrgenommen werde. „Kompetenz ist nicht unbedingt das, was ich weiß, sondern was mir zugeschrieben wird.“ Sich selbst überschätzende Angeber kämen im Beruf oder beim anderen Geschlecht oft weiter als der klügere Tiefstapler.

So kann der, der im Brustton der Überzeugung Unsinn verbreitet, über den triumphieren, der leise und unsicher wirkt, weil er klüger und sich daher der Komplexität des Themas bewusster ist. US-Präsident Donald Trump sehen viele Experten als Inbegriff überzogenen Selbstvertrauens: Immer wieder vermittelt er, die Wahrheit zu kennen – und kaum je die Einsicht, dass es profundes Wissen braucht, um eine Materie zu durchdringen. Schliewenz sagt: „,Amerika first‘ ist nicht kompetent. Der Dunning-Kruger-Effekt ist die beste Werbung dafür, wie wichtig Bildung ist.“

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