Trauer

Nach Amokfahrt – Münsters langer Weg zur Normalität

| Lesedauer: 4 Minuten
Andreas Böhme
Amokfahrer von Münster litt unter beruflichem Niedergang

Amokfahrer von Münster litt unter beruflichem Niedergang

Der Amokfahrer von Münster hat einem Medienbericht zufolge seinen beruflichen Niedergang als erfolgreicher Industriedesigner nicht verkraftet. Wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" unter Berufung auf d...

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Die Stimmung in Münster ist nach der Amokfahrt nach wie vor bedrückt. Drei der Schwerstverletzten schweben noch immer in Lebensgefahr.

Münster.  Es ist Mittag und die Stadt voll, aber die meisten Tische und Stühle, die sie rausgestellt haben rund um den Prinzipalmarkt in Münster, bleiben leer. Offenbar fällt es den Menschen schwer, ihr Mittagessen keine 100 Meter von der Stelle zu genießen, wo am Sonnabend der 48-Jährige Jens R. mit seinem Camping-Bus in eine Menschenmenge raste und sich anschließend selbst erschoss. Ein Kellner zuckt die Achseln. „Na ja“, versucht er die Leere schön zu reden, „ist ja auch ein frischer Wind.“

„Unsinn“, hält Jura-Student Marco (25) dagegen. „Natürlich hat das mit der Amokfahrt zu tun. “ Die Stimmung in der Stadt sei immer noch „bedrückt“. „Es wird nicht viel gelacht“, sagt Marco, ist aber überzeugt: „Das kommt wieder.“ Vielleicht schon am kommenden Wochenende, wenn der „Send“ beginnt, die größte Kirmes im Münsterland, die gerade aufgebaut wird. „So schlimm das alles ist. Das Leben geht weiter.“

Hunderte Grablichter vor dem Restaurant

Am Restaurant „Kiepenkerl“ aber steht es derzeit still. Hunderte Grablichter brennen, Passanten, die vorbeikommen, bleiben kurz stehen. „Schrecklich ist das alles“, sagt eine grauhaarige Dame und fragt ihren Mann: „Wieso gibt es hier eigentlich keine Poller?“ Die gibt es. Keine großen schweren Sperren, aber dicke Parkplatz-Poller. Fünf von ihnen allerdings fehlen und öffnen eine Lücke auf den Platz, die R. nutzte, um mit seinem Auto auf die Terrasse zu rasen.

„Die hätten den Camping-Bus vielleicht nicht stoppen können“, glaubt ein Geschäftsmann aus der Umgebung. „Aber sie hätten ihn gebremst.“ Angeblich, so ist rund um den Platz zu hören, seien die Poller vor Kurzem entfernt worden, weil in der Straße, über die Geschäfte und Lokale rund um die Unglücksstelle mit frischer Ware versorgt werden, zurzeit gebaut werde. Die Stadt will dazu keine Stellung nehmen. Man untersuche, warum die Poller nicht da seien, sagt Stadtsprecherin Sigrid Howest.

Jens R. legte Art Lebensbeichte ab

Dafür gibt es neue Informationen über den Zustand der Verletzten. Zwei Tage nach der Amokfahrt schweben noch drei von insgesamt 25 in Lebensgefahr. Die ebenfalls verletzte Bundesliga-Volleyballerin Chiara Hoenhorst (21) vom USC Münster wurde in ein künstliches Koma versetzt, ist mittlerweile aber nicht mehr in Lebensgefahr.

Die Polizei hält sich derweil immer noch zurück mit Informationen über Jens R. Sie bestätigt nur, dass er für die Pistole, mit der er sich erschoss, keinen Waffenschein besaß. „Es war keine ordnungsgemäß erworbene Waffe“, sagt NRW-Innenminister Herbert Reul. Ansonsten sprechen die Behörden immer noch von einem „psychisch labilen Mann“, ohne Einzelheiten zu nennen.

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Dabei gibt es offenbar reichlich Material über R. Lange E-Mails hat er geschrieben. Briefe verfasst, Lebensbeichten abgelegt, die nun nach und nach an die Öffentlichkeit gelangen. Nach Medienberichten zeichnen sie das Bild eines Mannes, der seit Jahren mit sich, seiner Familie und dem Leben hadert. Einem Leben, das es in den 90er-Jahren noch gut mit ihm meint. Als der im Sauerland groß gewordene R. in Münster Design studiert, Preise bekommt für seine Entwürfe und wohl auch viel Geld verdient.

„Verpfuschte“ Operation bringt Täter auf schiefe Bahn

Doch dann stürzt er schwer im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses, in dem er in Münster lebt. Es ist ein Unfall, der offenbar alles ändert. Die Operation an der verletzten Wirbelsäule habe man „verpfuscht“, schimpft er in mehreren Schreiben. Nun quälen ihn nicht nur schreckliche Rückenschmerzen, er verliert offenbar auch immer wieder den Bezug zur realen Welt, spinnt Verschwörungstheorien, bricht mit seinen Eltern, schikaniert die Nachbarschaft.

R. wird kriminell, fällt auf. Sachbeschädigung, Unfallflucht, Bedrohung. Alles nicht schlimm genug für eine Gefängnisstrafe. Zumal die Prognosen der Behörden so schlecht nicht sind, wenn der Aktenvermerk vom 27. März stimmt, der dem „Spiegel“ vorliegt. Es wurde, schreibt ein Mitarbeiter des sozialpsychiatrischen Dienstes, mit dem R. in Kontakt stand, „zu diesem Zeitpunkt keine Eigen- und Fremdgefährdung festgestellt“.

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