Los Angeles

Gerettet aus dem Labyrinth

| Lesedauer: 3 Minuten
Oliver Stöwing

Ein Junge trieb stundenlang in der Kanalisation von Los Angeles. Dass er überlebte, grenzt an ein Wunder

Los Angeles. Düster und geheimnisvoll: Viele Kinder sind fasziniert von unterirdischen Kanalsystemen – und fürchten sie. Schocker wie Stephen Kings „Es“ spielen mit dieser Angst.Für einen Jungen aus Los Angeles wurde die Kanalisation jetzt tatsächlich zur beinahe tödlichen Falle. Zwölf Stunden trieb er in den Fluten – und konnte, als fast niemand mehr daran glaubte, gerettet werden.

Der 13-jährige Jesse Hernandez verbrachte den Nachmittag des Ostersonntags mit seiner Familie im Griffith Park im Stadtteil Hollywood, dem größten und bekanntesten Park von Los Angeles. Das hügelige, unübersichtliche Gelände mit seinen staubigen Wanderpfaden ähnelt jedoch eher einer Wildnis als einem kultivierten Stadtpark. Mit anderen Teenagern erkundete Jesse ein verlassenes Gebäude, sprang dort auf Holzbrettern herum. Er ahnte nicht, dass mit dem Holz ein Abwasserkanal abgedeckt wurde. Schließlich gab eine der Holzplanken nach, wie Brian Humphrey, Sprecher der Feuerwehr von Los Angeles, bekannt gab.

Acht Meter tief fiel er in den Kanal. Die bis zu 24 Stundenkilometer starke Strömung des Abwassers riss ihn fort. Die anderen Kinder riefen seinen Namen. Als Antwort bekamen sie nur ihr eigenes Echo. Die Kinder rannten zu den Eltern, die sofort den Notruf alarmierten. Doch von dem Jungen war zunächst keine Spur mehr zu sehen.

Es war der Beginn einer fieberhaften, zwölfstündigen Odyssee in dem unterirdischen Labyrinth der Kanalisation. „Die Umgebung ist extrem gefährlich, die Abwässer sind sehr giftig“, sagte Feuerwehrmann Erik Scott der CNN. „Wir schätzten seine Überlebenschance als gering an. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit.“

Ferngesteuerte Kameras brachten den Hinweis

Nach Stunden der Suche hatten die Retter Jesse immer noch nicht gesichtet. Schließlich schickten Experten Sonntagnacht zwei ferngesteuerte, beleuchtete Videokameras in die Kanäle, die auf einer Art Floß befestigt waren, ähnlich einem Surfbrett.

„Die Kameras brachten uns verschwommene, aber erkennbare Bilder aus dem Inneren der Tunnel“, sagte Adel Hagekhalil, Chef der Abwasserbehörde. Um vier Uhr morgens die entscheidende Spur: Auf den Monitoren war ein langer, verschmierter Handabdruck an der Tunnelwand zu sehen. Der Junge hatte versucht, sich gegen die Flut zu stemmen. Durch die Aufnahmen konnte sein Standort lokalisiert werden. Der entsprechende Gully befand sich rund 730 Meter vom Unfallort entfernt. Das Problem: Er war auf einem Freeway.

Der musste zunächst für den Verkehr gesperrt werden, ehe dann, um fünf Uhr, der Junge zunächst wimmern gehört und schließlich gefunden wurde. „Nass und verängstigt“ war der 13-Jährige, wie Sprecher Hagekhalil erklärte, „aber wach und ansprechbar“. Seine erste Frage habe seinen Eltern gegolten.

„Offenbar ein starker junger Mann“

Nach einer Entgiftung und medizinischen Untersuchungen wurde Jesse dann am Montagnachmittag aus dem Krankenhaus entlassen. Bald darauf gab er schon Fernsehinterviews: „Es war alles so dunkel und still, ich hörte nur das Wasserrauschen“, erzählte Jesse. „Ich habe zu Gott gebetet, mir zu helfen.“ Die US-Presse feiert ihn und seine Retter als Helden.

Jesse habe großes Glück gehabt, erklärte Sprecher Hagekhalil. Er sei „offenbar ein außergewöhnlich starker junger Mann“. Von einem „verspäteten Osterwunder“ sprachen die Retter. „Dieser Junge ist wiederauferstanden wie Jesus“, freute sich einer der Helfer in der „Los Angeles Times“.

Das Abwassersystem der Stadt misst fast 11.000 Kilometer.

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