Bochum

Polizei verheimlicht Vergewaltigung

Ein vorbestrafter Sexualtäter soll eine Frau in Bochum missbraucht haben – die Ermittler verschweigen die Tat

Bochum. Sie begegnete ihrem Peiniger auf dem Heimweg von einem Discoabend. Gegen sieben Uhr morgens am 18. Februar. Mit einem Stein schlug der Täter die 33-Jährige zunächst von hinten nieder, zwang sie, sich auszuziehen, und würgte die Frau so lange, bis sie bewusstlos war. Dann zerrte der Täter sein Opfer auf einen Friedhof unweit der Bochumer Innenstadt und vergewaltigte die Frau.

Die Polizei im nordrhein-westfälischen Bochum hielt die Tat unter Verschluss. Ein ungewöhnlicher Vorgang, denn sonst wird die Öffentlichkeit innerhalb von 24 Stunden informiert. Dieses Mal jedoch ging sie nur als vertrauliche Meldung des Polizeipräsidiums Bochum an das Landesinnenministerium.

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen 30-jährigen vorbestraften Sexualtäter, der aus Bochum stammt. Im Mai 2009 hatte er eine 51-jährige Fußgängerin in der Nachbarstadt Dortmund überfallen und vergewaltigt. Eine zweite Vorstrafe erhielt er wegen versuchter sexueller Nötigung.

Eine Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten hatte er bis zum letzten Tag abgesessen. Seit 2014 war der Mann auf freiem Fuß. Aber auch den Behörden war klar, dass von dem Mann weiterhin eine Gefahr ausging. Seit 2010 stehen in Nordrhein-Westfalen rückfallgefährdete Sexualstraftäter, die ihre Gefängnisstrafe oder Sicherungsverwahrung abgesessen haben, unter Aufsicht von Polizei und Justiz. Zurzeit gibt es 1056 solcher Straftäter im Landespräventionsprogramm „KURS“ („Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern“). Der mutmaßliche Bochumer Täter gehörte als einer von 500 Risikofällen zur Kategorie B „mit hohem Gefahrenpotenzial“.

Nach seiner Haftentlassung 2014 sei seine Sozialprognose jedoch gut gewesen: Job, Therapien, feste Beziehung mit Heiratsplänen. Die Partnerin des Tatverdächtigen wusste von dem Vorleben ihres zukünftigen Mannes. Sogenannte Gefährderansprachen und punktuelle Observationen sollen Anlass zur Hoffnung auf ein straffreies Leben des Probanden gegeben haben. Obwohl sich Polizei, Justizvollzug, Staatsanwaltschaft und Bewährungshilfe eng abstimmten, könne es „leider zu solchen Gewaltexplosionen kommen“, hieß es in Sicherheitskreisen. Jeder Fall, so die Bochumer Polizei, bleibe „eine Gratwanderung“. Die Rückfallquote bei Teilnehmern aus dem „KURS“-Programm liege bei drei Prozent.

Mutmaßlicher Täter schweigt zu den Vorwürfen

Dem Opfer freilich hilft das nicht. Die 33-Jährige meldete sich kurz nach der Tat selbst bei der Polizei. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, sagte sie damals aus, hatte sie noch gesehen, wie der Täter in ein Taxi stieg. Dessen Fahrer konnte die Polizei schließlich auch ausfindig machen. Am 23. Februar nahmen die Ermittler den Sexualstraftäter fest; er schweigt zu den Vorwürfen. Verteidigt wird er von Rechtsanwalt Michael Emde – der Mann, der auch den Doppelmörder Marcel Heße aus Herne vertreten hatte.

Dennoch bleibt die Frage, warum die Bochumer Polizei die Tat nicht öffentlich machte, auch nicht nach Zeugen fragte. In einer Stellungnahme heißt es am Mittwoch, man wollte einen Ermittlungserfolg nicht gefährden. Außerdem sollte die schwer mitgenommene Frau geschützt werden. Ein Opfer werde durch die mediale Berichterstattung erneut mit der Tat konfrontiert. „Wir wissen von Psychologen, dass dies für die Opfer oft sehr belastend ist.“ Dennoch sei es aus heutiger Sicht ein Fehler gewesen, die Festnahme des einschlägig vorbestraften Bochumers nicht mitzuteilen.

„Die Pressearbeit in dem Bochumer Fall entspricht nicht meinem Verständnis von Transparenz“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU). „Ich erwarte von allen Polizeibehörden im Land, dass in Zukunft in vergleichbaren Fällen transparent und offensiv kommuniziert wird.“ Der Innenausschuss des Landtags wird sich in seiner nächsten Sitzung mit dem Fall befassen.

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